Schwimmbad Grenchen 19561986: Ein Baudenkmal verliert sein Formatvon Peter Meierhofer |
![]() Museums-Gesellschaft Grenchen |
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Schwimmbad Grenchen: Plan Restaurant und Kinderparadies mit Schifflibach. Die nierenförmige Anlage des Schifflibachs weist eindeutig in die 50er Jahre. Schwimmbad Grenchen: Sprungturm in den 50er Jahren. Ansichtskarte. Schwimmbad Grenchen: Blick von der Tribüne auf das Sportbecken. Im Hintergrund links das Hauptgebäude, rechts Garderobebauten, ganz rechts das Restaurant. Ansichtskarte aus den 50er Jahren. Die Sportanlagen konzentrieren sich im Süden der Stadt Grenchen. Ansichtskarte 1956. Bildernachweis: Plan Schifflibach: Baudirektion der Stadt Grenchen. Foto und Ansichtskarten: Slg. Grenchen Rainer W. Walter. |
Zum 30-jährigen Jubiläum 1986: Eine kritische Stimme wird laut. Ein Baudenkmal verliert sein Format Heute vor 30 Jahren, am 7. Juni 1956, wurde das Grenchner Gartenbad eröffnet ein Meilenstein in der Stadtentwicklung, aber auch eine architektonisch bedeutende Leistung. Wie sicht das Gartenbad heute aus? Einige kritische Anmerkungen sind angebracht. Peter Meierhofer Zur Zeit der Eröffnung des Gartenbades hatte Grenchen die Folgen der bitteren Krisenzeit und der Kriegsjahre überwunden und befand sich im Aufschwung. Die Zukunft sah rosig aus und ein Denkmal dieser Zukunftshoffnungen ist das Gartenbad. Dafür ein Beispiel: Obwohl sich die Grenchner damals lediglich die ersten VW-Käfer leisten konnten, dachte der Gemeinderat anders: Er baute Gartenbad-Parkplätze nicht nur für die wenigen vorhanden, sondern für die vielen zukünftigen Autos. Probleme mit dem Schifflibach Das Bad wurde vom Ingenieur Beda Hefti aus Freiburg entworfen. Die örtliche Bauleitung übernahm der Grenchner Architekt Rinaldo Raccuia. Die Anlage besteht aus vier Teilen: Schwimmsportanlage mit Tribüne (Liegeestrade); Gartenbad mit Restaurant; Kinderparadies mit Schifflibach und Planschbecken; Spielwiese. Die eigentlichen Hochbauten teilen sich in zwei Garderobenflügel mit zentralem Eingang, daran angegliedert auf der einen Seite die Tribüne, auf der anderen das Gartenrestaurant. Bei der Realisierung gab es grosse Probleme: Massive Baukostenüberschreitungen. Schwierigkeiten mit der Neuheit Schifflibach. Er wurde später entfernt und hatte sein Vorbild an der Landi 1939. Nach unzähligen Versuchen mit verschiedenen Bootsformen und unterschiedlichen Wasserdüsen musste der Traum vom nierenförmigen Rundlauf aufgegeben werden. Auch Beda Hefti verlor einiges Geld: Was er als Prototyp gedacht hatte, war zugleich das Ende seiner ehrgeizigen Schifflibachpläne. Das Bad soll der Erholung und körperlichen Ertüchtigung der werktätigen Bevölkerung geweiht sein» (aus dem damaligen Bericht des Architekten). Stichwort «Volkshygiene»: Licht und Luft und Sonne sind des Kindes Wonne. Die Natur, namentlich das Wasser, ist Kraftquelle des Menschen. Genau diese Zeitstimmung (es geht aufwärts) verkörpert auch die Architektur:
Der Dampfer ist eines der wichtigsten Symbole der modernen Architektur, das in den fünfziger Jahren auch in Grenchen jenes der öffentlichen Hand geworden war. Symbol für den Aufbruch zu neuen Ufern, sichtbares Zeichen der Aufschwungshoffnungen. Spuren der Zeit Aus zwei Gründen ist das Schwimmbad Grenchen ein überregional bedeutender Bau. Es ist ein Zeitzeuge erstens, und zweitens ein Architekturdenkmal. Der Zeitzeuge steht für die Aufbruchsstimmung der fünfziger Jahre. Die Schweizer erleben ihren ersten Konsumrausch. Das Schwimmbad verkörpert die Zeit, als die Grenchner ihre Form des American Way of Life suchten. Als Architekturdenkmal steht das Schwimmbad in einer Reihe mit dem Terrassenbad in Baden von Alfred Gantner, dem Allenmoosbad in Zürich von Max Ernst Haefeli und Werner M. Mosel und der Plage de Bellerive von Marc Piccard in Lausanne. Diese bedeutenden Vorbilder haben unserem Bad den Stempel aufgedrückt. Nur wenige Grenchner sind sich bewusst. dass die Stadt in ihrem Bad ein wichtiges Architekturdenkmal besitzt, dem Sorge getragen werden muss. Sorge tragen heisst auch, ein Gebäude zu unterhalten. Eigentlich wäre es selbstverständlich, dass dies bei einem Bau dieser Bedeutung mit einfühlsamer Sorgfalt geschieht. Der Wert des Bade als Zeitzeuge und als Architekturdenkmal muss Bewusstsein und die Richtlinien aller Eingriffe bestimmen. Reparaturen und Renovation sollten aus dem Geiste des Gebäudes entwickelt werden und nicht bloss nach Tageskriterien. Neues kann dabei bewusst neben Alles gesetzt werden. Das Bad sollte seine eigene Geschichte erzählen können und zwar seine ganze Geschichte. Da keine grundsätzlichen Umbauten ausgeführt werden, spielt sich diese Auseinandersetzung mit einem Baudenkmal auf der Ebene der Baudetails ab. Beda Hefti, der Architekt, gestaltete nämlich seine Details als logische Folge seines architektonischen Konzeptes. Die Art wie er zum Beispiel das Geländer behandelt, unterstützt die Metapher Schiff. So wird jedes Detail zum Teil eines baukünstlerischen Ganzen. Das neue Tor In Grenchen allerdings herrscht in diesen Dingen die kulturelle Ignoranz. Von einfühlendem Umgang mit dem Schwimmbad ist nichts zu merken. Im Gegenteil. Auf einem meiner Spaziergänge konnte ich gerade noch die Ruinen des eleganten Scherengitters fotografieren, das einst den Haupteingang versperrte. Stolz wies mich ein Gemeindeangestellter auf das neue feuerverzinkte Eingangstor hin. Die feingliedrige Eleganz hatte einem plumpen Nützlichkeitsdenken weichen müssen. Das neue Tor ist ein Stück Banalität. Davon, dass eine Blechwand mit vier Reklameschaukästen drei Fenster verdeckt, will ich hier nicht reden. Der Umgang mit diesem Tor mag das Prädikat "pflegeleicht verdienen, er ist aber auch Ausdruck einer geistigen Haltung: der Gedankenlosigkeit. Andere Überlegungen als praktisch, dauerhaft und einbruchsicher kommen in diesem Denken nicht vor. Ebenso die neue Farbgebung: Wo früher helle Töne leuchteten, Grau, Blau, Grün und Gelb regiert heute das Stumpfe: Braun und Beige wie überall Erdverbundenheit und falsche Heimeligkeit, oder anders gefragt: Was hat Braun mit Wasser zu tun? Die Sorgfaltspflicht Die Beispiele liessen sich fortsetzen. Es ist leider auch zu erwarten, dass bei der bevorstehenden Renovation der Tribüne im selben Ungeist weitergefahren wird. Wäre es nicht an der Zeit, sich einmal grundsätzliche Fragen zu stellen? Statt von Fall zu Fall zu entscheiden, müsste ein architektonisches Konzept die verschiedenen Eingriffe steuern. Dass dieses Konzept vom Wert als Zeitzeuge und von der Bedeutung des Baudenkmals ausgehen muss, ist selbstverständlich. Ebenso selbstverständlich ist es, dass dies nur mit einem einfühlsamen Architekten geht. Vergessen wir nicht die Sorgfalt, die wir diesem Bad angedeihen lassen, ist ein Teil der Sorgfalt, die wir der Stadt schulden. Zum Autor: Peter Meierhofer ist dipl. Architekt ETH SIA SWB und hat sich im Rahmen seiner Abschlussarbeit an der ETH mit der Architektur des Grenchner Gartenbades beschäftigt. Meierhofers Arbeit über das Schwimmbad erwies sich als sehr wichtig, trug sie doch viel dazu bei, dass die Stadt Grenchen ihr Schwimmbad als wertvolles Architekturdenkmal und Zeitzeuge der 50er Jahre wahrzunehmen lernte. Heute bemüht sich die Baudirektion der Stadt Grenchen, das Schwimmbad im ursprünglichen Gedanken zu erhalten. Peter Meierhofer verbrachte seine Kindheit und die Jugendjahre in Grenchen. Der obige Text Meierhofers war 1986 im Grenchner Tagblatt Nr. 130 erschienen und löste in Grenchen heftige Reaktionen aus. Bibliogr. Angaben zur Diplomwahlfacharbeit von Peter Meierhofer: Meierhofer, Peter: Gartenbad Grenchen. - Diplomwahlfacharbeit in Denkmalpflege Prof. G. Mörsch.- Zürich: Architekturabteilung ETH-Z, 1987. - 80 S., ill. Format: 40 cm x 29,5 cm. [Lukas Walter u. Alfred Fasnacht] |