Burg Grenchen-Bettleschloss
Die Burg
Definitionsversuche
Die Burg
Definitionsversuche
In der zweiten Hälfte des zwanzigsten Jahrhunderts setzt sich eine Neudefinition des Begriffs Burg durch. Die bis anhin dominierende militärische Bedeutung der Burg wird relativiert. In den Vordergrund treten folgende Komponenten: die Burg als Repräsentationsbau, als Macht- und Wirtschaftszentrum, als landwirtschaftlicher Gutsbetrieb.
Aus: Historisches Lexikon der Schweiz
Burgen und Schlösser: Definition und Terminologie
Autor: Werner Meyer, Basel
Unter dem Begriff Burg ist grundsätzlich eine hoch- und spätmittelalterliche Wehranlage zu verstehen, die gleichzeitig Angehörigen der Oberschicht (Adel) als Wohnsitz diente, den Mittelpunkt eines herrschaftlich organisierten Güter- und Rechtsverbands sowie eines Wirtschaftsbetriebs bildete und mit ihren Bauformen Stand, Macht und legitime Herrschaft repräsentierte. In den lat. Quellen werden solche Anlagen meist als castrum, seltener als castellum, fortalicium oder munitio bezeichnet. Neben den Begriff Burg traten vom 13. Jh. an die Synonyme Schloss, Haus oder Feste. Vom 15. Jh. an verband sich der Begriff Schloss immer häufiger mit bestimmten Burgnamen (z.B. Schloss Wildenstein). In der modernen Fachterminologie bedeutet Burg den ma. Wehrbau, Schloss den neuzeitlichen Herrensitz ohne ausgesprochenen Wehrcharakter. Wehr- und Sperrfunktionen kamen auch verschiedenen anderen Formen von Befestigungen zu.
Ausschnitte aus:
Zeune, Joachim: Steinerne Zeugen der Macht
Erschienen in der Zeitschrift: DAMALS Nr. 8, 1997
Erst Burgenforscher wie August von Cohausen (18121896) und Otto Piper (18411921) räumten mit viel burgenkundlichem Unsinn auf (so den heidnischen oder römischen Ursprüngen unserer Burgen), waren aber immer noch von der militärischen Hauptfunktion der Burg überzeugt. Gemeinsam mit Bodo Ebhardt (18651945) begannen sie jedoch, verstärkt auch auf die repräsentative Ausgestaltung der Burg, das heißt auf ihre Funktion als vornehmer Wohnsitz, einzugehen. Was sich damals vorsichtig abzeichnete: dass die Burg nicht nur ein Kriegsinstrument war, ist heute durch neue Forschungsmethoden zur Gewissheit geworden.
Mittlerweile begreifen wir die mittelalterliche Burg als einen Mehrzweckbau, dessen militärische Bedeutung wir zugunsten eines höheren Statuswerts und Symbolgehalts spürbar reduzieren müssen. Für den mittelalterlichen Menschen war die Burg das sichtbare Zentrum einer Herrschaft: Wer die Burg besaß, hatte auch die Herrschaft inne. Von einer Burg aus wurde das zugehörige Land verwaltet, regiert und befriedet. Zur Burg gehörte auch ein Rechtsbezirk, in dem der Burgherr meist die Niedere, bisweilen auch die Hohe Gerichtsbarkeit innehatte. Die zeitgenössische Malerei benutzte folglich die burgenreiche Landschaft als Symbol für ein befriedetes Land, denn die Burgendichte veranschaulichte, wie intensiv eine Herrschaft die Gegend durchdrungen und befriedet hatte. Burgenpolitik war letztlich das Resultat der systematischen Unterteilung eines Territoriums in kleine Grundherrschaften, die ihrerseits von Burgen aus verwaltet und gesichert wurden. Wenn wir aber die Burg als sichtbaren Anspruch auf eine wie auch immer geartete Herrschaft definieren, dann war der Kampf um Burgen viel eher ein Kampf um Herrschaftssymbole und Herrschaftsrechte als um Militärbasen.
Die Burg stellte innerhalb eines kleinräumigen Handelsraums auch ein lokal-regionales Wirtschaftszentrum dar, zumindest bis zu dem Zeitpunkt, als die Städte zu übermächtigen Wirtschaftszentren heranwuchsen, Handwerker und Kaufleute an sich banden, großräumig Handel betrieben und die Burgen ins wirtschaftliche Abseits beförderten. Die herausragende gesellschaftliche Stellung eines Landbesitzers und Landherrn ließ sich in der Tat nicht besser demonstrieren als durch eine Burg, die sich weithin sichtbar über das Tal und das Umland erhob. Sehen und vor allem Gesehenwerden spielte bei der Wahl des Burgstandorts eine ganz wesentliche Rolle.
Auf die Wahl des Lageplatzes wirkten sicherlich auch andere Faktoren ein: die Nähe zum burgeigenen, für die Existenz der Burgbewohner unabdingbaren und von daher unbedingt zu schützenden Wirtschaftshof mit seinen Ställen, Scheunen, Äckern und Feldern; die Nähe zur zugehörigen Siedlung mit ihren Bauern, Handwerkern und Kaufleuten, eine weitgehend sichergestellte Wasserversorgung, eine günstige wegemässige Erschließung zur täglichen Ver- und Entsorgung. Wehrtechnische Belange traten demgegenüber eher in den Hintergrund.
Abgesehen vom augenfälligen Lageplatz stellen die Dimensionen der Gebäude weitere äußerlich sichtbare Machtsymbole dar: Je höher, mächtiger und imposanter die Baumassen, um so erhabener der Burgherr. Der Burgenbau folgte hierin der mittelalterlichen Adelspyramide: an der Luxusspitze standen königliche, landesherrliche und bischöfliche Burgen, die in ihren Dimensionen, in ihrer Ausgestaltung und in der Hochrangigkeit ihrer höfischen Kultur Ausnahmebauten darstellten. Innerhalb der nachfolgenden Gruppe der Dynastenburgen sind schon beachtliche Differenzierungen festzustellen, wenngleich sich viele dieser Anlagen erneut durch ihre Großflächigkeit, ihre Gebäudevielfalt, ihren Bauschmuck und ihre aufwendige Hofhaltung auszeichnen. Wie die Reichs- und Landesburgen waren auch viele Dynastenburgen schon im 11. und 12. Jahrhundert aus Stein errichtet.
Auch innerhalb des Ministerialenstands, der zahlenmäßig den Sockel der Adelspyramide bildete, erkennt man anhand der Baudimensionen und -materialien eine Ober-, Mittel- und Unterschicht. Die Burganlagen sind mittelgroß bis klein, besitzen als Hauptbauten meist einen Palas mit Bergfried oder einen Wohnturm. Die ärmlichen Sitze des Landadels, quasi der Bodensatz der Pyramide, waren bescheidene Wohntürme, Feste Häuser oder sogar bauernhofähnliche Anlagen, lange noch aus Holz und Erde, sonst oft aus Bruchstein. Auch sie erfüllten innerhalb eines begrenzten territorialen Raums ihre Funktion als örtliches Status- und Machtsymbol. Gemeinsam ist all diesen Burgen das Streben nach Höhe, sowohl in der Architektur als auch in der Topographie.
Der hohe Turm, egal ob Bergfried oder Wohnturm, war zweifelsfrei das Machtsymbol der mittelalterlichen Burg. Als bauliche Manifestation von Macht und Größe hat der Turm eine jahrtausendealte Tradition. Der Turmbau zu Babel als Versuch, einen vorgeschichtlichen Wolkenkratzer zu errichten um sich einen Namen zu machen (Genesis 11,4) , ist ein wiederkehrendes Motiv der menschlichen Kulturgeschichte.
Burg Grenchen - Bettleschloss
Werner Meyer, Basel, meldet sich in seinem Grabungsbericht zur Burg Grenchen schon 1963 mit sehr modernen Definitionsansätzen zum Begriff Burg. Meyer gilt in der Schweiz als Pionier der Burgenarchäologie und der Neuinterpretation der Funktionen unserer Burgen:
Meyer, Werner
Die Burg Grenchen. Ein Beitrag zur wissenschaftlichen Burgenforschung.
Jahrbuch für Solothurnische Geschichte. Hrsg. vom Historischen Verein des Kantons Solothurn.
Bd 36 (1963). S. 142-219
S.214
"Kuno [von Grenchen], der erste urkundlich nachgewiesene Vertreter des Geschlechtes, dürfte noch in der Holzburg gehaust haben. In der nächsten Generation aber muss mit dem Bau der Steinburg begonnen worden sein. Sucht man nach Gründen, welche die Errichtung des Steinbaus veranlasst haben, so muss man sich davor hüten, bloss rationale, verteidigungstechnische Erwägungen anzunehmen. Diese mögen mitgespielt haben. Entscheidend aber war, dass das Geltungsbedürfnis, welches durch das in jener Zeit erwachende adlige Standesbewusstsein geweckt worden war, nur durch einen repräsentativen Steinbau gestillt werden konnte. Der Wechsel von der optisch bescheidenen Holzbauweise zum attraktiven Steinbau stellte eine jener zahlreichen Aeusserungen dar, welche das Aufkommen eines neuen adligen Lebensstiles kennzeichneten."
S. 216
"Die abseitige Lage der Burg hängt jedenfalls mit der typischen pastoralen Lebensweise des mittelalterlichen Adels im Jura zusammen. Sie befand sich am Rande des grossen, von der Natur geschützten Weidegebietes des Bettlacherberges. Der Viehraub, der in den mittelalterlichen Fehden eine gewaltige Rolle spielte, wurde dadurch erschwert. Denn der Zugang zum Bettlacherberg konnte von der Burg aus überwacht werden, so dass das Vieh, das auf dem Bettlacherberg weidete, höchstens auf sehr schwer passierbaren Pfaden abzutreiben war."
Literaturverzeichnis
A. Fasnacht 05/2003