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Burg Grenchen - Bettleschloss

Die Holzburg

Die Burg Grenchen bestand 150 Jahre als Holzburg

Die frühe Besiedlungsperiode der Burg im 11. u. 12. Jahrhundert






Die Burg Grenchen war nach der Gründung am Ende des 10. Jahrhunderts etwa 300 Jahre lang bewohnt. Die Burg wurde als Holzburg gegründet. Während 150 Jahren stand also auf dem Burghügel der Schlossfluh vermutlich eine Holzburg oder zumindest eine Wehreinrichtung (z.B. hölzerner Wehrturm). Die Grundrisse dieses Baus sind nicht überliefert.

Das Besiedlungskonzept der Grenchner Holzburg übernimmt klar die Struktur einer frühen Burganlage des Hochmittelalters: auf einem Hügel oder Motte der Wehrturm, bewohnt oder unbewohnt und darunter die ebenfalls befestigte Vorburg (bei der Burg Grenchen die Terrasse hinter dem Wall) mit Ökonomie- und Wohngebäuden.

Spuren von Holzbauten aus der frühen Siedlungsphase fand man anlässlich der Ausgrabungen 1959/61 im nordöstlichen Teil der Terrasse. Es konnte eine Feuerstelle mit 60 cm Druchmesser freigelegt werden, die aus mittelgrossen runden Steinen gesetzt war. Neben vielen Tierknochen kamen verschiedene Keramikfragmente (11./12. Jahrhundert) zum Vorschein. Diese Kulturschicht barg auch Hufeisen von sehr kleinwüchsigen Pferden sowie ein langes Messer mit Griffdorn.
Im südwestlichen Endbereich der Terrasse fand man Steinsetzungen, die offensichtlich als Unterlage für Schwellbalken eines fast quadratischen Holzbaus dienten (5 x 5 m, ev. Ständerbau, reiner Holzbau oder möglicherweise auch Fachwerkbau). Funde in dieser Schicht: Tierknochen, Keramikfragmente (11./12. Jahrhundert), Nägel verschiedener Grösse, eiserne Türangeln und Angellager, einen Schlüssel, Hufeisen und eine Pfeilspitze. Unter der Steinsetzung befand sich eine zweite Kulturschicht, die ins 11. Jahrhundert datiert werden konnte.

Die aufgefundene Feuerstelle wie auch Fragmente von Ofenkacheln aus dem späten 11. Jahrhundert, die im Bereich der Steinsetzung gefunden wurden, weisen darauf hin, dass die Holzbauten bewohnt waren.


Burg Grenchen als Holzburg. Versuch von A. Fasnacht.
Burg Grenchen als Holzburg (1000 - 1150). Versuch von A. Fasnacht.


Ob und wie man die Burgstelle der Unteren Burg auf der Hofacherfluh zur Zeit der Holzburg nutzte, ist nicht bekannt.

Erst etwa im Jahre 1150 bauten die Herren von Grenchen den imposanten steinernen Wehrbau auf der Schlossfluh und die einfacher konzipierte Untere Burg auf der Hofacherfluh. Während oder nach dem Bau der Steinburg trug man vermutlich die Holzbauten ab.

Diese Tatsachen geben genügend Anlass, einige Informationen aufzuführen zum Bau und zum Aussehen der Holzburgen, die vom 10. bis ins 11. Jahrhundert im Gebiet der heutigen Schweiz und im benachbarten Ausland entstanden sind.

Es waren vor allem Angehörige des hohen Adels (Grafen, Edelfreie), die im 10./11. Jahrhundert ihren Besitz und ihren Einfluss durch Rodungen zu mehren suchten. So entstanden in den grossen Waldgebieten des Juras und der Voralpen wie auch im Mittelland viele Rodungsburgen, die sehr oft als Holzburgen gegründet wurden.
Durch die Rodungsarbeit fiel das Baumaterial Holz in rauhen Mengen an, war also kostengünstig vorhanden, lange Transporte entfielen. Der Bau einer Holzburg war im Vergleich zum Steinbau einfach, dauerte nur kurze Zeit (wenige Wochen) und war mit erheblich kleineren Investitionen verbunden.
Der Bau in Stein dagegen erforderte viel Planungsarbeit, dauerte lange (für kleinere Burgen zwei und mehr Jahre) und war teuer. Investitionen in Steinbrüche waren nötig. Die Baustelle für einen Steinbau erforderte technische Einrichtungen und Hilfsbauten: Krane, Gerüste, Transportrampen, Kalköfen, Schuppen und Unterstände. Steinmetze und spezialisierte Handwerker waren nötig und mussten angestellt werden für die oft jahrelange Arbeit.

Als Siedlungsplätze nutzten die Burgherren die topografischen Gegebenheiten der Landschaft wie im Falle der Burg Grenchen. Oft wählte man Hügel, die künstlich erhöht und vergrössert wurden oder man schüttete sogar ganze Burghügel künstlich auf. Diese künstlich angelegten oder erweiterten Burghügel nennt man Motten. Auf den Motten baute man die oft unbewohnte Holzburg (Wehrturm) als Pfosten- oder Ständerbau, umgeben von Palisaden, Graben- und Wallsystemen als Wehreinrichtungen. Angrenzend an die Motten errichtete man die ebenfalls befestigte Vorburg (Palisaden, Gräben), die meistens aus einem Herrenhaus und einem Gutshof (mehrere Gebäude) bestand. Je nach Grösse der Hügelplattform und Funktion der Burg wurde nicht nur ein Gebäude auf dem Burghügel erstellt, wie z.B. die Holzburg Salbüel (Hergiswil b. Willisau, Kanton Luzern) zeigt. Salbüel verfügte über keine Vorburg.

Holzburg/Erdburg Salbüel LU
Holzburg Salb|el (Hergiswil b. Willisau, Kanton Luzern)
© by Historisches Museum Luzern


Motte/Erdburg bei Fehraltorf
Motte / Erdburg bei Fehraltorf.
Die Umrisse des Doppelwalls sind gut sichtbar.


Eine hochinteressante Burganlage (Erdburg, Motte) mit ausgedehntem Wall- und Grabensystem in der Nähe der Burg Grenchen ist die Teufelsburg im Rütiwald, Gemeinde Rüti bei Büren an der Aare. Die Besichtigung dieser eindrücklichen Erdburg lohnt sich. Die beste Jahreszeit für die Besuche von Erdburgen ist der Winter.

Teufelsburg in Rüti b. Büren a.A.
Teufelsburg im Rütiwald, Rüti bei Büren a.A.
© by Pascal Eberhard

Viele Erdwerke und Motten der Schweiz sind noch unerforscht. Teilweise stammen sie aus früheren Jahrhunderten: Fluchtburgen aus der Völkerwanderungszeit oder sogar aus der Keltenzeit. Deshalb ist es sinnvoll, den Blick nach Grossbritannien, Deutschland und Nordfrankreich zu richten, wo die mittelalterlichen Holzburgen auf künstlich angelegten Hügeln (Châteaux à Motte) schon seit längerer Zeit erforscht werden.

Nachbau einer Motte mit Holzburg in Saint Sylvain d'Anjou
Nachbau einer Motte mit Holzburg in Saint Sylvain d'Anjou (Frankreich)

Sogar auf dem berühmten Teppich von Bayeux (11. Jh.) findet man einige Motten dargestellt (Rennes, Dinan, Dol, Hastings).

Teppich von Bayeux: Motte Dinan
Teppich von Bayeux (11. Jh.): Motte Dinan


Die Châteaux à Motte in Nordfrankreich, the Motte and Bailey Castles in Grossbritannien wie auch die Motten in Deutschland stehen je nach Funktion einem befestigten Fronhof nicht selten näher, als vielen Holzburgen der Schweiz. Dennoch waren zahlreiche Châteaux à Motte in Frankreich ursprünglich auch Rodungsburgen, aus denen nicht selten Dörfer hervorgingen. Die siedlungsgeschichtliche Bedeutung der Motten ist also nicht von der Hand zu weisen. Diese Tatsache wie auch die landwirtschaftliche Pionierrolle kommen bei den geschichtlichen Beschreibungen der Châteaux à Motte eher zu kurz. Aufgrund der intensiven Rodungen im Hochmittelalter war z.B. die Waldfläche Frankreichs im 13. Jahrhundert kleiner als heute.

Wark Castle (GB) als Holzburg
Wark Castle (GB) als Motte and Bailey Castle (Holzburg)


Diese Ausführungen über die mittelalterlichen Holzburgen und Erdburgen/Motten (Entstehungszeit: 10./11. Jahrhundert) lassen die folgende, jedoch mit grosser Vorsicht zu geniessende Einteilung nach Typen zu:

    1. Höhenburg : Befestigte und bewohnte Holzburg (oft Rodungsburg) auf natürlichem oder teilweise künstlichem Burghügel in gebirgigem Gelände, mit oder ohne direkt angegliederter Vorburg. Dazu gehörte meistens ein Gutsbetrieb (Landwirtschaft, Viehwirtschaft). Diese Holzburgen baute man in vielen Fällen neu als Steinburgen, wie z.B. die Burg Grenchen, andere wurden später verlassen.

    2. Bewohnte Holzburgen (ursprünglich oft Rodungsburgen) in den Niederungen, in hügeligem bis flachem Gelände auf natürlichem, künstlichem oder teilweise künstlichem Burghügel (Motte) gesichert durch Wallsystem, Palisaden, Gräben und Wassergräben. Auch diese Burgen wurden oft neu gebaut als Steinburgen. Dazu gehörte meistens ein befestigter Gutsbetrieb (Landwirtschaft, Viehwirtschaft) als Vorburg. Dörfer und seltener Städte entstanden um einige dieser Burgen.

    3. Motte, Erdburg: Motte mit meistens unbewohntem, aus Holz gebautem Wehrturm, befestigt mit Wallsystem, Gräben, Wassergräben und Palisaden. Dazu gehörte eine mit Graben und Zaun/Palisaden befestigte Vorburg mit Herrenhaus, Kapelle, Bauernhäusern und Oekonomiegebäuden (s. obige Abbildung). Die Vorburg (la Basse-Cour, the bailey) diente in kriegerischen Zeiten auch als Refugium für die Landbevölkerung. Die Motte mit dem Wehrturm diente allein dem Schutz und der Verteidigung der ganzen Anlage. Diesen Typ findet man häufig in Nordfrankreich und Grossbritannien. Nicht selten gingen aus diesen Châteaux à Motte Dörfer hervor. Die Holzburg auf der Motte ersetzte man in vielen Fällen mit Steinbauten.

Zum Thema Motten und Holzburgen sei auf die folgenden Arbeiten hingewiesen:

    Walter Janssen:
    Niederungsburgen im Rheinland.
    Vom Holzbau zur Steinburg.
    Burgenkundliches Kolloquium in Basel 1977.
    50 Jahre Schweizerischer Burgenverein.
    Olten: Walter Verlag, 1979. S. 11-41
    ISBN 3-530-12790-6

    Hermann Hinz:
    Motte und Donjon.
    Zur Frühgeschichte der mittelalterlichen Adelsburg.
    (Zeitschrift für Archäologie des Mittelalters. Beiheft 1)
    Köln: Rheinland Verlag, 1981.
    164 S., Ill.
    ISBN 3-7927-0433-1

    Pfostenbau und Grubenhaus.
    Zwei frühe Burgplätze in der Schweiz.
    Hugo Schneider: Stammheimer Berg ZH.
    Bericht über die Forschungen von 1974 bis 1976.
    Werner Meyer: Salbüel LU.
    Bericht über die Forschungen von 1982.
    (Schweizer Beiträge zur Kulturgeschichte und Archäologie des Mittelalters. Bd 17)
    Basel: Schweiz. Burgenverein, 1991. 139 S., Ill.
    ISBN 3-908182-02-6





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A. Fasnacht 06/2002