Burg Grenchen - Bettleschloss
Die Wasserversorgung der Burg
Vermutungen und Bausteine für einen Rekonstruktionsversuch
von Alfred Fasnacht
Ausgangslage
Anlässlich der Ausgrabungen der Oberen Burg 1959/61 konnte die Frage nach der Wasserversorgung der Burg nicht beantwortet werden. Werner Meyer hält in seinem Bericht Folgendes fest:
"Unter den offenen Fragen, welche durch die Ausgrabungen nicht beantwortet werden konnten, mag diejenige der Trinkwassserversorgung besonders erwähnt werden. Sichere Hinweise auf einen Brunnen fanden sich nicht. Die in der Nähe gelegenen Quellen können den Wasserbedarf bei Friedenszeiten gedeckt haben. Möglicherweise waren sie sogar gefasst, so dass eine Leitung aus Holzkänneln an den Burghügel geführt hätte. Das Regenwasser der Dächer wurde für Kriegszeiten vermutlich in Holztrögen gesammelt. Auf jeden Fall ist es völlig undenkbar, dass die Trinkwasserversorgung der Burg Grenchen nicht sichergestellt wäre."
Alte Bettlacher erinnern sich, dass oberhalb der Burg eine ergiebige Quelle sprudelte. Man nannte diese Quelle die Schlossquelle. Möglicherweise handelte es sich bei dieser Quelle tatsächlich um den Wasserlieferanten der Burg. Die Quelle versiegte während des Tunnelbaus des Grenchenbergtunnels in den Jahren 1911-1915.
Werner Strub zitiert im Heimatbuch Grenchen, S. 26, Prof. Franz Josef Hugi (Bemerkung zur Burg Strassberg, ca. 1825): "Am nahen Abhang des nördlich sich erhebenden Berges zeigten sich Spuren einer alten Wasserleitung."
In die Überlegungen einzubeziehen sind die topografischen Veränderungen der letzten Jahrhunderte. Diese Veränderungen hatten Einfluss auf die Eigenschaften der Gebietsentwässerung, auf Quellen und Bachläufe:
- Wahrscheinlich hielt man während der Besiedlungsepoche der Burg den grössten Teil Burganlage (Burghügel der Oberen und der Unteren Burg) aus Sicherheitsgründen unbewaldet.
- Einen starken Einfluss auf Fliessgewässer (Bachläufe) hatte bestimmt der Bau der Strasse (erste Hälfte des 20. Jhs.) nördlich der Burgstelle der Oberen Burg.
- Die weidewirtschaftliche Nutzung des Gebiets direkt oberhalb der Burgstelle bildete einen weiteren Faktor für Veränderungen. Die Weiden des Bettlachbergs und der Bützen trafen bei der Burg zusammen. Das Gebiet war bis ins frühe 20. Jahrhundert Weideland, war gerodet.
- Eine grosse Auswirkung auf die heutige hydrologische Situation des Gebiets hatte der Bau des Grenchenbergtunnels in den Jahren 1911-1915, als in Grenchen und in Bettlach zahlreiche Quellen versiegten. Die Wasserversorgung Grenchens kam fast ganz zum Erliegen. Der Tunnelbau löste sogar drei recht starke Erdbeben aus.
Ein Wasserableitungsstollen quer unter dem Burgweg durch
Der bereits in den Fünfziger Jahren bekannte Stollen (Markus Gutmann / Ferdinand Scheller-Sorko) unter dem Burgweg ist im April 2003 auf Hinweise von Markus Gutmann wieder entdeckt worden. Nach meiner Auffassung bildet der Stollen einen wichtigen Baustein für den Versuch, etwas mehr über die ehemalige Wasserversorung der Burg herauszufinden. Der Stollen bildete vermutlich das Schlussstück der Wasserversorgung. Er leitete das dauernd der Burg zufliessende Wasser ab quer unter dem Burgweg durch ins westlich gelegene Tobel. Als Bestandteil der Wasserversorgung müsste der Stollen aus der Besiedlungszeit der Burg stammen. Argumente, dass der Stollen jünger sein könnte, gibt es wenige.
Die solide und sorgfältige Bauweise des Stollens weist darauf hin, dass er der Ableitung eines dauernd fliessenden Gewässers diente und nicht nur Meteowasser aufnehmen sollte.

Blick in den Stollen
Der Stollen ist innen seitlich gemauert (Trockenmauer), der Deckenteil ist mit groben Steinplatten gedeckt. Die Länge des noch intakten Stollens: ca. 2,5 m. Breite 50 60 cm, Höhe ca. 40 cm. Vermutlich befand sich an der bergseitigen Böschung ein Auffangbecken, um Schlamm und Geröll aufzunehmen. An seinem Ende ist der Stollen mit Schutt gefüllt, vermutlich eingestürzt oder anderswie zerstört.
Bei den Ausgrabungen in den Jahren 1959 und 1961 blieb der Stollen unentdeckt.
Ein alter Bachlauf führt vom Schlossgraben zum Stollen
Bei der genaueren Untersuchung des Geländes oberhalb des Stollens stellt man fest, dass er genau unterhalb des westlichen Schlossgrabens liegt. Am westlichen Ende des Schlossgrabens zeigt das abschüssige Gelände tatsächlich Einschnitte auf, die als Bachlauf interpretiert werden können und die sich genau auf den Stollen ausrichten.
Einen weiteren Baustein bildet der Plan von Meisterhans aus dem Jahre 1894. Auf diesem Dokument ist im Schlossgraben ein Bachlauf eingezeichnet. Obwohl Meisterhans dazu bemerkte, der Zeichner hätte irrtümlicherweise einen Nassen Graben (Wassergraben) eingezeichnet. Beide, der Zeichner und Meisterhans, hatten wohl recht. Die Burg war sicher nicht von einem Nassen Graben (Wassergraben) geschützt, das wäre in der Tat weder geologisch noch hydrologisch denkbar. Es spricht jedoch sehr viel dafür, dass es sich bei der Planeintragung um einen Bachlauf im Schlossgraben handelt. Diese Annahme liegt auf Grund der damaligen örtlichen Gegebenheiten durchaus im Bereich des Wahrscheinlichen.

Plan von K. Meisterhans aus dem Jahre 1894: Bachlauf im Schlossgraben
Reste einer Wasserleitung (Wasserfassung) im Kehr nordwestlich der Burg?
Studiert man die Wasserläufe und das Gelände im Kehr nordwestlich der Burg, kann das folgende Resultat daraus hervorgehen:
Bachläufe im Kehr. Ausschnitt aus dem Plan Einungen Grenchen, Bettlach und Selzach aus dem Jahre 1822.
Plansammlung Staatsarchiv Solothurn, Signatur A 38, Plan 21, 1822. Vollanzeige.
Im Bild ist die Gegend des Kehrs festgehalten. Eingezeichnet ist der heutige Bachlauf (graublau), der allerdings nur nach Gewittern, starken Regengüssen und in der Zeit der Schneeschmelze noch Wasser führt. Der heutige Bachlauf (graublau) wurde vermutlich erst beim Bau der Strasse (gelb) aus praktischen Gründen im unteren Teil etwas nach Westen umgeleitet. Das alte Bachbett (blau) ist auch heute noch gut sichtbar. Die von mir vermutete Zuleitung der Wasserversorgung für die Burg ist hellblau eingetragen. Der Verlauf der geböschten, vermutlich offenen Leitung (ähnlich den alten Walliser Bewässerungssystemen) ist nördlich der Strasse im Gelände noch auszumachen. Es gibt kaum plausible Argumente, dass es sich hier um ein altes Wegstück handeln könnte.
Es ist durchaus anzunehmen, dass das Schlussstück der Zuleitung als Holzkännel ausgeführt war, der den Schlossgraben überbrückte, zu einer Aufnahmevorrichtung (Trog) auf der Terrasse führte. Das nicht verwendete Wasser floss durch eine Oeffnung im Wall in den Schlossgraben. Vom Schlossgraben nahm das weggeleitete Wasser seinen Lauf zum Stollen (rot) im Burgweg und plätscherte schliesslich ins Tobel westlich der Burg.
Es ist wahrscheinlich, dass der Stollen seine Funktion schon lange vor dem Strassenbau nicht mehr wahrnehmen konnte. Der stark ausgewaschene, nicht mehr intakte Teil des Burgwegs oberhalb (nördlich) des Stollens lässt diese Annahme zu.
Der im Plan von Meisterhans eingetragene Bach nimmt konkrete Züge an; einerseits durch den alten Bachlauf vor dem Strassenbau (blau) und andererseits durch die ehemalige Wasserversorgung (hellblau) der Burg, die jedoch im Jahre 1894 längstens nicht mehr vorhanden war, wie Prof. Franz Joseph Hugi schon im Jahre 1825 berichtete.
Bemerkungen Alfred Fasnacht:
Die hier erwähnten Vermutungen und Bausteine sollen Denkanstösse vermitteln zur offenen Frage der Wasserversorgung. Vieles ist noch unsicher und sehr hypothetisch. Die vermutete Wasserleitung müsste archäologisch untersucht werden, das Alter des Stollens ist nach wie vor unklar. Vielleicht geben diese Ausführungen bei späteren archäologischen Untersuchungen den Anlass, diese Punkte näher abzuklären.
Es ist erstaunlich, dass auf den alten Plänen und Karten der Gegend die Wasserläufe nördlich der Burg nicht eingetragen sind.
Literaturverzeichnis
A. Fasnacht 04/2003