SCHALENSTEINE
Ihren Namen erhielten diese Steine von den rundlichen Vertiefungen mit einem Durchmesser zwischen etwa fünf und zwanzig Zentimetern, die von Menschen künstlich geschaffen wurden. Die ältesten in der Schweiz gefundenen Schalensteine werden der Mittelsteinzeit (8000 bis 4500 v. Chr.) und der Jungsteinzeit (4500 bis 1500 v. Chr.) zugeschrieben. Standorte von Schalensteinen auf Hügeln lassen vermuten, dass sie aus der Bronzezeit sind, als die Menschen von den Seeufern in Höhensiedlungen zogen. Schliesslich wurden verschiedene Schalensteine in oder bei Grabanlagen aus der Bronze- und Eisenzeit gefunden, die darauf hinweisen, dass der Kult bis in die Zeit der Kelten gepflegt wurde. Von der wissenschaftlichen Forschung lange vernachlässigt, haben die Schalensteine in den vergangenen Jahrzehnten das Interesse der Archäologen geweckt. Allerdings herrscht die Meinung vor, dass die Schalen keine religiöse Bedeutung hatten. Weshalb aber sind sie dann meistens in der Nähe von anderen Kultstätten oder Gräbern zu finden? Schalensteine finden sich in ganz Europa, in Nord- und Südamerika, China, Südostasien, Afrika, Ozeanien und im Himalaja. Angesichts der weltweiten kultischen Verehrung solcher Steine durch Völker, die untereinander keinen Kontakt hatten, drängt sich die Frage auf, ob sie Zeugen einer uralten universalen Religion sind. Möglicherweise sind die Schalensteine, wie die Menhire, die letzten Überreste einer natürlichen Verbindung zum Ursprung des Lebens, die unabhängig von Rasse, Kultur, Zeit und Raum den Kern des menschlichen Wesens bildet.
Die Fachleute sind sich bezüglich des Zwecks der Schalen nicht einig. Die Meinungen reichen von ihrer Verwendung als Opferschalen über astronomische Karten bis hin zur Entstehung aus reiner Langweile. Die in Schweden Elfenmühlen genannten Steine wurden nach alten Berichten verwendet, um den Naturgeistern Nahrungsopfer darzureichen. Auf der Alp Robiei im Quellgebiet der Maggia stellte noch 1943 ein Forscher fest, dass einige Schalen Überreste von Alpkäse und saurer Milch enthielten. Nach den Einheimischen dienten die Gaben dazu, die Berggeister günstig zu stimmen. In seinem Buch über heidnische Orte und Bräuche Graubündens schreibt Bischof Caminada, dass die Schalen möglicherweise dazu benutzt wurden, um an Ostern Eier und Küchlein als Opfergaben hineinzulegen. Der schweizerische Geologe W. A. Mohler war Zeuge, wie in einen verfallenen Hindutempel Opferwasser in die Schalen gegossen wurde, in die Blüten und Blätter gestreut waren. Nach diesen Berichten waren Schalensteine also Naturaltäre, auf denen verschiedenen Gottheiten Nahrungsmittel, Blumen oder Räucherpflanzen, wie etwa Wacholder, dargeboten wurden. Bei manchen Schalensteinen des Bernbiets verweist ihr Standort auf Opfer für Flurgottheiten, andere scheinen als Altäre für Ahnenopfer gedient zu haben.

Schalenstein auf dem Eichholz Grenchen. Zum Vergrössern aufs Bild klicken. Bild: Kultur-Historisches Museum Grenchen
Alte Berichte sprechen von den «feurigen Augen», die nachts bei Schalensteinen gesehen wurden. Was lag näher, als die vor Wind geschützten Vertiefungen auch zum Aufstellen von Talglichtern zu nützen. Talglichter werden aus gesottener Butter hergestellt, die um einen Docht (Watte) herumgeknetet wird. Solche aus natürlichen Stoffen hergestellte Lichter waren gleichzeitig Opfergaben. Wenn nachts in den Schalen Talglichter entzündet werden, erhält der Stein ein vollkommen neues Gesicht. Die Anordnung der Lichter deutet eine Gestalt an. Von der Magie des Ortes und der Kraft des Opfers angeregt, können in den flackernden Lichtern Dinge und Formen erscheinen. Möglicherweise liegt das Geheimnis einiger der Schalensteine nicht in der Anordnung der Schalen, sondern in dieser Lichtgestalt.
Der Schweizer Isidor Bachmann war einer der Ersten, der einen astronomischen Zusammenhang vermutete. Im Schalenstein des Schlossbanns bei Biel glaubte er das Sternbild des Grossen Bären mit dem Polarstern zu erkennen. Angeregt durch die Entdeckung astronomischer Funktionen von Steinanlagen in Grossbritannien und Südamerika, sahen auch verschiedene andere Autoren in den Schalensteinen Peilinstrumente, was in einigen Fällen auch zutreffen mag.
Die meisten der bekannten Schalensteine stehen auf Anhöhen, oft an Stellen mit Fernsicht. Nur wenige wurden in Tallagen oder in Grabstätten der Urgeschichte gefunden. Wir müssen jedoch davon ausgehen, dass zahlreiche Schalensteine zerstört wurden. Viele Standorte von Schalensteinen sind in Sichtverbindung zu einem oder mehreren anderen (vorausgesetzt, das Land war gerodet, was früher oft der Fall war). Wenn die einzelnen Kultgemeinschaften auf den verschiedenen Hügeln bei ihren Feiern die Feuer entzündeten. waren sie in einer Lichterkette miteinander verbunden.
Die Standorte der heiligen Steine des Altertums sind ideale Orte der Kraft, um heute eine gestörte Beziehung zur inneren und äusseren Natur zu beleben. Sie sind aber auch Verbindungsstationen zur spirituellen Wirklichkeit des Lebens. jenseits von Zeit und Raum. Heute findet man auf Schalensteinen vermehrt Blumengaben, Nüsse und oft Spuren von Kerzen. Wer auf diese Weise seine Dankbarkeit ausdrücken will, möge dafür natürliche Gaben verwenden.
Text aus:
Hänni, Pier: Magisches Bernbiet. Wanderungen zu Orten der Kraft im Emmental, Schwarzenburgerland, Seeland und Mittelland. - Aarau: AT Verlag, 2003. - 320 S., ill.
ISBN 3-85502-804-4
S. 40-42
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