Schalenstein Grenchen

Der Schalenstein in Grenchen

Werner Strub beschreibt den Stein (ca. 1945)




Der Schalenstein auf dem Breitholz [Eichholz]

Der Stein: Entdeckung, Lage, Bechreibung

Die Schalen und Rinnen

Archäologische Untersuchung

Deutung, Datierung

Der "kleine" Schalenstein



Der Stein: Entdeckung, Lage, Bechreibung

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Die Schalensteine sind wohl neolithisch. Der unter dem Namen «Heidenstein« bekannte Schalenstein wurde 1867 von Dr. F. J. Schild aufgefunden. Er befindet sich auf dem Hügelzug Breitholz oder Eichholz. Es ist der als «Erratischer Block» auf Blatt Grenchen des Topographischen Atlasses eingetragene Stein, 88 mm von links, 72 mm von unten. Die Meereshöhe der Spitze des Schalensteins beträgt 466 m. Die höchste Erhebung des Hügels von 477 m liegt 150 m ost-nordöstlich des Blocks. An seinen heutigen Standort ist der Wanderblock auf dem Rücken des eiszeitlichen Rhonegletschers gelangt, wie so mancher andere Findling auf dem Breitholz. Im Jahre 1928 notierte David Andrist auf dem Hügel östlich des Schalensteins acht weitere Blöcke mit mehr als 1 m Länge. Der Schalenstein ist ein kristalliner Schiefer der Bernhard-Decke. Er setzt sich demnach aus Chlorit (grün) und Albit (Feldspat, weiss) sowie aus Quarz zusammen. Das Gestein findet sich in den südlichen Walliser Tälern anstehend, und der Stein von Grenchen hat somit auf dem Rücken des Rhonegletschers einen Weg von 200 km zurückgelegt. Für diese Reise mag er etwa 3000 Jahre benötigt haben. Obschon der Block Tausende von Jahren an seinem heutigen Standort liegt, hat die Verwitterung ihm verhältnismässig wenig zugesetzt. Der Block hat die Form einer mit 30 Grad WSW geneigten Platte von rechteckförmigem Grundriss. Bei 4 m grösster Länge, 3 m Breite und 1,20 m maximaler Dicke hat er einen Inhalt von 8 m3 und ein Gewicht von 200 q.

Die Schalen und Rinnen

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Der Findling weist folgende Zeichen auf: 81 sichere und 29. fragliche Schalen und fünf Rinnen, die nicht alle künstlich sein müssen. Die Schalen sind ungefähr kreisrund. Die acht grössten Näpfe haben nachstehende Durchmesser und Tiefen (in Millimeter): 90/30, 80/30, 65/20, 60/20, 60/20, 60/15, 55/15, 50/15. Im allgemeinen nimmt mit dem Durchmesser auch die Tiefe ab. Die Schalen sind nicht besonders glatt gearbeitet, sondern oft recht rauh. Die Rinnen sind weder tief, noch sauber

Steinzeitliche Funde vom Eichholz
Steinzeit: Funde vom Eichholz
Obere Reihe von links nach rechts: Schaber, Schaber, Schaber, Schaber
Mittlere Reihe von links nach rechts: Spitze, Pfeilspitze, Stichel, Spitze
Untere Reihe von links nach rechts: Messerchen, Stichel, Dreikanter, Stichel


herausgemeisselt. Eine kurze Furche verläuft gegen den Westrand der Platte. Eine andere verbindet zwei benachbarte Schalen. Zwei kurze, schlechte Rinnen laufen von einer Schale nach der langen Mittelrinne hin. Diese beginnt oben an der Knickung der Gesteinsfläche und erstreckt sich über die Längsachse des Steines hinab. Stellenweise besteht sie aus kleinen und schlechten Schälchen, welche dicht aneinander gereiht sind. Dann löst sie sich in eine Reihe von 34 selbständigen, zum Teil fraglichen Schalen auf, deren Durchmesser sich auf durchschnittlich 3 cm beläuft; die Distanz von Napf zu Napf beträgt 4 cm. Diese Reihe lässt sich 2,20 m weit verfolgen. Keine einzige dieser Schalen ist tief ausgearbeitet.

Grenchen: Schalenstein Eichholz
Eichholz Grenchen: Schalenstein. Zum Vergrössern aufs Bild klicken. Bild A. Fasnacht.


Archäologische Untersuchung

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Gleichzeitig mit der Untersuchung einer römischen Villa bei Punkt 572 auf dem Breitholz wurde eine Grabung bei dem Schalenstein vorgenommen. Im November 1940 und März 1941 huben Arbeiter des Lagers Breitholz auf allen Seiten des Findlings eine grosse Masse Erde weg. Man hoffte dabei, den Zweck der Schalen und die Zeit ihrer Erstellung ermitteln zu können. Die wissenschaftliche Leitung lag in den Händen des solothurnischen Konservators Prof. Dr. Stephan Pinösch und David Andrist, Sekundarlehrer, Pieterlen. Die Museumsgesellschaft Grenchen beaufsichtigte die Arbeiten.

Eine Trockenmauer verläuft parallel zur untern Schmalseite des erratischen Blocks. Die Entfernung der Innenseite vom Findling beträgt 2,50 m; die der Aussenseite 3 m. Bei einer Breite von 50 cm erreicht sie eine Länge von 13 m. Dagegen ist ihre Höhe sehr gering; ziemlich gleichmässig beläuft sie sich auf 20 cm. Die Oberfläche des Mauerwerks liegt etwa 60 cm unter dem natürlichen Rasen. Das niedrige Mäuerchen setzt sich aus eckigen alpinen Geschieben und aus gerundeten Kieselsteinen von Kopfgrösse bis Eigrösse zusammen. Runde und eckige Steine liegen wirr durcheinander; sie sind nicht zurechtgeschlagen, und es lässt sich keine Regelmässigkeit in ihrer Anordnung erkennen. Dagegen sind Höhe, Breite und Richtung der Trockenmauer so gleichmässig, dass man den Eindruck hat, sie sei noch völlig unversehrt. Im Norden schliesst ein rundlicher Block alpinen Gesteins von mehr als 50 cm Durchmesser die auffällige Konstruktion ab. Diese Mauer biegt weder im Norden noch im Süden um. Dagegen zeigte sich 1,50 m nördlich des grossen Abschlußsteines im Niveau der Mauer eine Gruppe von gleichen Steinen, wie sie von der Mauer beschrieben wurden, und in einem Suchgraben, 5 m östlich der ersten Gruppe, wieder eine solche. Eine eigentliche Mauer zur Einfassung des Schalensteins im Norden schien jedoch zu fehlen. Auch im Osten und Süden fehlen Anzeichen einer entsprechenden Mauer. Dagegen sind einige Blöcke, die ostwärts, unter oder neben der grossen Gneisplatte steckten, möglicherweise als Stützen aufzufassen, sei es für einen Menhir, sei es für die Schräglegung der Platte. In 3,50 m Entfernung, südlich vom Schalenstein, zeigte sich in der Grabungswand eine Feuerstelle 40 cm unter dem Humus. Die Brandschicht hat ein etwas höheres Niveau als Mäuerchen und Bsetzi; sie wird somit jünger sein. Diese Feuerstelle ist nicht etwa als Kochplatz innerhalb der Trockenmauer aufzufassen. Aber um eine Küche kann es sich bei dem abgegrenzten Raume nicht handeln. Man steht unter dem Eindruck, dass Steinkonstruktionen und Schalen unbedingt zusammengehören, aber das Steinmaterial bietet keine Anhaltspunkte für eine Datierung.

Situationsplan Schalenstein Grenchen
Schalenstein Grenchen, Situationsplan. Gut erkennbar ist die 13 m lange Trockenmauer 2,5 m westlich des Steins, verlaufend ungefähr in Richtung Nord-Süd. Bild: St. Pinösch, Jahrbuch für Solothurnische Geschichte, Bd 14 (1941).

Bei der Ausgrabung des Schalensteins fand man eine Tonscherbe und einen Bronzering. Nach Dr. E. Vogt, Konservator, scheinen diese Funde nicht zeitlich bestimmbar zu sein. Die kleine Randscherbe sieht wohl prähistorisch aus, könnte aber doch noch im frühen Mittelalter vorkommen. Der Bronzering ist nach ihm nicht bronzezeitlich.

Deutung, Datierung

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Ist schon die Datierung der Schalensteine schwierig, so ist es die Sinnbedeutung noch viel mehr. Ueber die Bedeutung der Schalensteine herrschen die verschiedensten Meinungen. Ueber den Sinn der eingetieften Zeichen können wir bloss Vermutungen haben. Als Stand für Gefässe mit runden Böden hätten beim Schalenstein auf dem Breitholz nur einige Schalen dienen können. Als Steinlampen zur Aufnahme von Oel könnten nur die paar grössten, nicht aber die übrigen gebraucht worden sein. Näher liegt der Gedanke, dass das Ganze den Plan einer einzigen Ansiedelung darstellte, wobei die Schalen Rundhütten, die Rinnen Wege bedeuten würden. Eine der ältesten Deutungen gibt die Schalengruppen für Sternbilder aus. Ohne Zweifel hat der gestirnte Himmel auf den Naturmenschen einen tiefen Eindruck gemacht. So wurde von Theodor Schweizer die Ansicht ausgesprochen, dass die lange Schalenreihe, respektive Rinne, die Milchstrasse bedeute. Oft sind die Schalensteine als Opfersteine beschrieben worden. Mancherorts sind so regelmässig gestaltete, mächtige Steinplatten durch Menschen der Vorzeit senkrecht aufgerichtet worden. Nach David Andrist ist es wohl denkbar, dass auch unser Block einstmals einen solchen Menhir darstellte. Obwohl die nächsten Feuersteinfunde bis auf 20 m an den Stein heran reichen, hat die 90 m2 haltende abgetragene Fläche rings um den Findling nicht einen einzigen neolithischen Scherben geliefert. So naheliegend der Gedanke an das steinzeitliche Alter der Schalen ist, so wenig lässt er sich mit dem bisherigen Material begründen. Das Schalenbild des Grenchner Steins wird als das interessanteste im Kanton Solothurn bezeichnet. Auch heute noch kann sich keiner, der den Block aufmerksam betrachtet, eines tiefen Eindrucks erwehren. Das geheimnisvolle Dunkel, das den berühmten Stein umschwebt, ist durch die Grabungen noch zu wenig aufgehellt worden. Der schöne Findling, der nun zu den geschützten Altertümern gehört, gibt seine Geheimnisse nicht so leicht preis.

Der "kleine" Schalenstein

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Bei der Ausgrabung der römischen Anlage auf dem Breitholz wurde zirka 400 m östlich des oben besprochenen Schalensteines von J. L. Karpf, Leiter der Ausgrabungen, unter Gesteinstrümmern in 40 cm Tiefe ein abgerundetes Stück eines Schalensteines gefunden. Diese Gesteinstrümmer bildeten vermutlich das Fundament einer Terrassenmauer. Dieses Bruchstück eines Schalensteins misst etwa 55/35/12 cm und besteht aus dem nämlichen Chloritgneis wie der grosse Schalenstein. Eine ziemlich ebene Fläche trägt sechs ausgesprochene Schalen, von denen die grösste 60 mm Durchmesser hat. Zwei der Schalen sind senkrecht entzweigebrochen, so dass nur die eine Hälfte vorhanden ist.

Stück eines Schalensteins. Fundort: Römervilla Eichholz Grenchen
Bruchstück eines Schalensteins gefunden bei der Ausgrabung der Römervilla Eichholz Grenchen, 55/35/12 cm.
Das Stück besteht aus dem gleichen Chloritgneis wie der grosse Schalenstein auf dem Eichholz Grenchen. Ausgestellt im Kultur-Historischen Museum Grenchen.

Es erscheint höchst unwahrscheinlich, dass die Schalen von Römern erstellt worden sind. Die Schalen dieser kleinen Platte sind als vorrömisch anzusehen. Es ist kein Bruchstück des grossen Schalensteins. Demnach fand sich auf dem Breitholz zur Zeit der Römer, d. h. im 1. bis 2. Jahrhundert n. Chr., ein zweiter Schalenstein vor. Der Stein ist im Besitze des Museums Grenchen.


Aus:
Strub, Werner: Heimatbuch Grenchen. Solothurn, 1949. - XVI, 758 S., ill.
S. 4 - 7



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