Alte Post

Landesstreik / Generalstreik 1918
Situation in Bern







aus: Beat Junker: Geschichte des Kantons Bern seit 1798: Band III, Tradition und Aufbruch 1881-1995, I. Kapitel

In Bern war die Atmosphäre weit ruhiger als in Zürich. Dennoch wurde – ohne dass der bernische Regierungsrat oder die Stadtbehörden um einen zusätzlichen Schutz gebeten hätten – am 8.November 1918 zwei Infanterieregimenter und zwei Kavalleriebrigaden in den Raum der Bundesstadt verlegt. Hier tagte ja die Landesregierung, sass im Hotel "Bellevue" die Armeeleitung und versammelte sich häufig das Oltener Aktionskomitee. Als Platzkommandanten hätte sich General Wille den forschen Oberstdivisionär Fritz Gertsch gewünscht, der vielleicht in Bern ähnlich vorgegangen wäre wie Sonderegger in Zürich. Der Bundesrat zog aber den behutsameren Oberstkorpskommandanten Eduard Wildbolz vor, der Wille gegenüber schon in Ausbildungsfragen einen eigenen Standpunkt behauptet hatte. Wildbolz stammte aus der Stadt Bern, hatte eine Instruktorenkarriere durchlaufen und stand christlich geprägten Kreisen nahe. Er suchte seine Aufgabe möglichst unauffällig zu lösen und brachte den Grossteil der Truppen nicht in Bern selber unter, sondern in den umliegenden Dörfern und suchte ausdrücklich Provokationen zu vermeiden.

Oberstdivisionär Eduard Wildbolz
Oberstkorpskommandant Eduard Wildbolz, der Kommandant der Ordnungstruppen in Bern.
Seine kluge und zurückhaltende Führung der Truppen verhinderte Gewalttätigkeiten in der Bundesstadt.
Bild aus meiner Sammlung.


Er blieb stets in Verbindung mit dem Polizeidirektor der Stadt Bern, dem Sozialdemokraten Oskar Schneeberger, der zwar als Präsident des schweizerischen Gewerkschaftsbundes dem Oltener Aktionskomitee angehörte, aber vom Generalstreik als Waffe beim politischen Kampf in der Eidgenossenschaft nicht allzuviel hielt, weil die Volksrechte wirksamere Mittel böten. Schneeberger versicherte, die städtische Polizei werde selber für Ordnung sorgen und Gewalttätigkeiten verhindern. Tatsächlich kam es in Bern nur zu einzelnen Aufläufen von Jungsozialisten ohne Tumulte oder Eigentumsbeschädigungen. Hingegen klagten Bürgerliche, sie hätten unter dem Druck von Demonstranten ihre Geschäfte schliessen müssen. Der – mehrheitlich sozialdemokratische – Gemeinderat forderte die städtischen Beamten und Angestellten auf, ihre Arbeit zu leisten, was im allgemeinen auch geschah. Die Strassenbahnen allerdings verkehrten nicht.

Gegen eine Arbeiterversammlung am 9.November – also noch vor dem eigentlichen Landesstreik – auf dem Waisenhausplatz und damit direkt vor dem Hauptquartier des Platzkommandos im städtischen Gymnasium, schritten die Behörden nicht ein, aus der Überlegung, "dass man solange wie irgend möglich einen Zusammenstoss von Truppen und Demonstranten vermeiden wolle, der zu Blutvergiessen und anderen schweren Folgen führen könnte".

Später wurde die Stimmung aufgeregter, doch betonte Wildbolz in seinem Schlussbericht an die Armeeleitung stolz, in Bern habe die Truppe während des ganzen Landesstreikeinsatzes nie von der Waffe Gebrauch machen müssen. Seine Proklamation an die Bevölkerung hob hervor: "Jedermann soll wissen, dass niemals meine Massnahmen gegen die Arbeiterschaft und gegen eine politische Partei sich richten." Gegen übermütige anarchistische Burschen sei aber eine "mutige Selbsthilfe des Bürgers am Platze". Wie der Regierungsrat, so unterschätzte auch Wildbolz zuerst die Gefahr, welche die Bildung eigenmächtiger Bürgerwehren in sich barg, und hinterher mahnte er zu "weisen Massnahmen" gegen Übereifer, der da und dort vorgekommen sei. Zudem betonte er: "Soziale Reformen auf der ganzen Linie sind nötig. Diesen Forderungen darf sich auch der militärische Führer nicht verschliessen, und an seiner Stelle muss er mitwirken am Ausbau sozialer Gesetzgebung." Fingerspitzengefühl bewies Wildbolz zudem, als er nach dem Streikende in Bern keine militärische "Siegesparade" durchführte, wie General Wille sie in Zürich abhielt und auch für die Bundesstadt gewünscht hätte.


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A. Fasnacht 01/2000