Landesstreik / Generalstreik 1918
Forderungen und Erreichtes
Etwas persönlich gezogene Bilanz aus heutiger Sicht
von Alfred Fasnacht

1917: Kinder warten vor der öffentlichen Suppenküche im Areal des Kern-Schulhauses in Zürich-Aussersihl.
Oeffentliche Suppenküchen, Volksküchen, mussten in vielen grösseren Ortschaften eingerichtet werden, so auch in Grenchen, um Hunger und Lebensmittel-Knappheit zu lindern. So weiss man z.B. aus der Stadt St. Gallen, dass dort Ende 1918 die Suppenküchen (5 Koch- und 15 Ausgabestellen) täglich bis zu 5000 Liter Suppe der hungernden Bevölkerung ausschenkten.
Bild aus: Gretler's Panoptikum zur Sozialgeschichte, Roland Gretler, Zürich
Wie ihr es immer dreht und wie ihr's immer schiebt,
Erst kommt das Fressen, dann kommt die Moral,
Erst muss es möglich sein auch armen Leuten,
Vom grossen Brotlaib sich ihr Teil zu schneiden
Brecht, Dreigroschenoper
Vor dem Landesstreik wurde vom Oltener Aktionskomitee der Proteststreik vom Samstag, den 9. November 1918, ausgerufen als Antwort auf das unverhältnismässige Truppenaufgebot des Bundesrates gegen die Arbeiterschaft in Zürich. Vor allem in den Deutschschweizer Industrieorten, so auch in Grenchen, wurde an diesem Samstag gestreikt. Dieser Proteststreik wurde vielerorts als Generalstreik bezeichnet, so auch in Grenchen.
Der Beschluss des Oltener Aktionskomitees zum eigentlichen Generalstreik erfolgte am Sonntag, den 10. November 1918. Streikbeginn: am Montag, den 11. November 1918, um Mitternacht.
Forderungen der Steikenden:
1. Sofortige Neuwahl des Nationalrats auf Grundlage des Proporzes
2. Aktives und Passives Frauenwahlrecht
3. Einführung der Arbeitspflicht
4. Einführung der 48stundenwoche in allen öffentlichen und privaten Unternehmungen
5. Reorganisation der Armee im Sinne eines Volksheeres
6. Sicherung der Lebensmittelversorgung im Einvernehmen mit den landwirtschaflichen Produzenten
7. Alters- und Invalidenversicherung
8. Staatsmonopole für Import und Export
9. Tilgung der Staatsschulden durch die Besitzenden

Zürich 1918: Der Handgranaten-Befehl Sondereggers schafft Klarheit: es wird scharf geschossen werden
Bild aus: Grafiksammlung der Zentralbibliothek Zürich

Oberstdivisionär Emil Sonderegger
Als "Sieger von Zürich" liess er nach dem Streik Postkarten mit seinem Bild anfertigen und in Umlauf bringen.
Als Frontenführer bei der Nationalsozialistischen Bewegung der Schweiz endete Sonderegger.
Bild aus: Gretler's Panoptikum zur Sozialgeschichte, Roland Gretler, Zürich
Doch wovon lebt der Mensch? Indem er stündlich
Den Menschen peinigt, auszieht, anfällt, abwürgt und frisst
Nur dadurch lebt der Mensch, dass er so gründlich
Vergessen kann, dass er ein Mensch doch ist
Brecht, Dreigroschenoper

Zürich 1918: Frauen aus dem bürgerlichen Establishment versorgen die Truppen mit Dienstleistungen, welche bei den Damen zuhause normalerweise die Mägde und Dienstmädchen erbrachten: Zürcher Damen beim "Gamellenwaschen"!
Bild aus: Gretler's Panoptikum zur Sozialgeschichte, Roland Gretler, Zürich

November 1918: Das Bundeshaus wird von Truppen mit aufgepflanztem Bajonett bewacht.
Im Gegensatz zu Zürich versuchte in Bern eine kluge Armeeführung, unter Oberstkorpskommandant Eduard Wildbolz, Provokationen auszuweichen.
Bild aus: Militärbibliothek Bern
Beendigung des Generalstreiks am Donnerstag, 14. November 1918
Auf Grund eines Ultimatums des Bundesrates und der Bedrohung durch die aufgebotene Armee entschied das erweiterte Oltener Aktionskomitee, den Generalstreik am Donnerstag, 14. November 1918, um Mitternacht, abzubrechen.
Inzwischen Realität geworden:
Proporzwahl des Nationarats: 1919 die Sozialdemokraten werden zweitstärkste Partei im NR
Stimm- und Wahlrecht für die Frau: 1971
Nach dem Landesstreik wird in der ganzen Schweiz die 48-Stundenwoche eingeführt
Demokratisierung der Armee
Einführung der AHV / IV
Vermögenssteuer und vielleicht bald Kapitalgewinnsteuer
... zudem finden heutige Selbstverständlichkeiten, wie z.B. Gesamtarbeitsverträge, ihren Ursprung im Generalstreik von 1918.

Fabriksaal in Grenchen ca. 1928: Sie lächeln wieder ...
Bild aus meinem Privatbestand
Regierungsbeteiligung
Bis der erste sozialdemokratische Bundesrat gewählt wurde, dauert es noch 25 Jahre: 1943 wird der Zürcher Ernst Nobs zum ersten SP Bundesrat gewählt.
Schlusswort des Artikels "Generalstreik 1918 und die heutige Bewegung: Wären wir dazu in der Lage?"
von SGB Präsident Paul Rechsteiner
So erklärt sich das scheinbare Paradox, dass sich im historischen Rückblick verkehrt, was als Sieg und was als Niederlage zu betrachten ist. Aus heutiger Sicht erweist sich der Landesgerenalstreik als Niederlage, die in vielen Bereichen den Keim des Sieges bereits ins sich trug. Forderungen wie der Achtstundentag und das Proporzwahlrecht wurden rasch realisiert. Bei anderen Anliegen dauerte es länger. Sicher ist aber, dass die Arbeiterbewegung noch Jahrzehnte von der Kraft des Landesstreiks zehren konnte. Darüber lohnt es sich heute wieder nachzudenken.
Ich danke Herrn Roland Gretler, Gretler's Panoptikum zur Sozialgeschichte, Zürich, dass ich die Bilder verwenden darf
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A. Fasnacht 01/2000