Hans Ryf
Entstellte Geleise, Barrikaden und Tote
Vor 70 Jahren wurde zum Generalstreik geblasen
Auszug aus einem Artikel, den Ryf am 12. November 1988 im Grenchner Tagblatt veröffentlichte
Heute vor siebzig Jahren: Zusammen mit rund 250000 Genossen aller Landesteile legten auch die Grenchner Uhrmacher die Arbeit nieder. Eine markante Rolle spielte dabei der Sozialrevolutionär Max Rüdt.
Von 1914 bis 1917 hatte sich die Kaufkraft des Frankens um mehr als die Hälfte verringert. Fleisch wurde für den Arbeiter unerschwinglich. Achtzig Rappen betrug der Sold des Wehrmannes, dessen Familie (ohne Lohnausgleich) auf Notunterstützung angewiesen war. Was Wunder, dass in Bellinzona die Frauen die Milchzentrale stürmten, in Zürich 2000 Arbeiterfrauen auf dem Rathaus die Beschlagnahme von Lebensmitteln forderten und in Biel die Arbeiterschaft zu Hungerdemonstrationen aufbrach. Schon als Hilfsredaktor am "Volksrecht" hatte Rüdt geschildert, wie bei Lohngebehren des Bankpersonals die Bittsteller den Prinzipalen das Konsumbüchlein vorzuweisen hatten, um den Nachweis "besonderer Sparsamkeit" zu erbringen.
In Grenchen war es nicht viel besser
Rüdt war vorerst vom klassenkämpferischen Geist und Temperament der Grenchner Genossen beeindruckt. Fünfmal hätten sie schon erfolgreich gestreikt, versicherten sie ihm stolz im "Café Bank". Doch anderes gefiel ihm weniger. Da war einmal das Missverhältnis zwischen Fabrikneubauten und Wohnungsbau. Fast wöchentlich gingen bei der Baukommission Gesuche für Fabrikerweiterungen ein, während Dutzende von Familien sich umsonst um ein Obdach bemühten. Die Reichen wurden offensichtlich immer reicher, die Armen immer ärmer. Scharf kritisierte Rüdt, dass einige Patrons das Koalitionsrecht der Arbeiter mit Füssen traten und Uhrmacher wegen ihrer Zugehörigkeit zum Syndikat entliessen. Mangel an Fingerspitzengefühl warf er ferner jenem christkatholischen Unternehmer vor, der den Vater einer siebenköpfigen Familie vor die Wahl stellte, entweder den Uebertritt von der römisch-katholischen Kirche zur christkatholischen zu vollziehen, oder aber auf das Arbeitsverhältnis zu verzichten. Noch schärfer ins Gericht ging Rüdt mit gewissen Herren, die während der Milchrationierung Kühe aufkauften, diese bei den Bauern in Pension gaben und so die Rationierungsvorschriften umgingen.
Krachen im Gebälk
In der Ausgabe vom 3. Januar 1918 seines SP-Organs schlug Rüdt Alarm: "Die Vergangenheit hat uns gelehrt, dass uns nur der rücksichtslose Klassenkampf vorwärtsbringen kann". Von Parole zu Parole immer ungehemmter verstreute er marxistisches Gedankengut. Gemässigte Grütlianer behaupteten gar, Rüdt stehe jeden Morgen auf, in der Hoffnung, am Abend werde die Weltrevolution ausbrechen. In der Tat krachte es anfangs November 1918 hörbar im gesellschaftpolitischen Gebälk Europas. Wie ein Flächenbrand verbreitete sich die russische Revolution über Deutschland und die Donaumonarchie. Hoffnungen auf einen baldigen Umsturz schöpften vor allem Rüdts "Jungburschen"; ihnen malte er das Morgenrot einer angeblich besseren Zukunft an die Wand.
Romantisch angehauchte Sozialreformer
Als rhetorisch und dialektisch geschulter Jünger der deutschen Spartakisten Karl Liebknecht und Rosa Luxemburg attackierte Rüdt mitleidlos das Bürgertum, und seine bolschewistischen Fanfaren klangen wie Musik in den Ohren seiner Anhänger. Selbst die Frauen der Arbeiterunion verfielen der Magie und dem Charisma des gutgekleideten St. Gallers mit den weltmännischen Manieren. Kein Grenchner Arbeiter habe sich, so bezeugt eine ehemalige Sozialisten, rhetorisch mit dem Rüdt messen können.
Würde der romanitsch angehauchte Sozialreformer, der mit der trügerischen Hoffnung auf einen Sieg des Grenchner Proletariats schmeichelte, auch die letzte Hürde überspringen - den Generlastreik?

Generalstreik 1918: Gesperrte Geleise auf dem Bahnhof Grenchen-Süd
Zweiter von links: Streikführer Max Rüdt
Bild: Stadtarchiv Grenchen
Oltner Aktionskomitee
Schwarze Wolken ballten sich in den Novembertagen 1918 zusammen. Sozialisten, Gewerkschafter und Bundesbeamte hatten gesamtschweizerisch ihr Schicksal in die Hände des "Oltner Aktionskomitees" gelegt. Dieses Gremium blies zum Generalstreik, nachdem alle Verhandlungen mit dem Bundesrat über soziale und politische Reformen gescheitert waren und die Landesregierung auf Drängen General Willes vier Infanterieregimenter und vier Kavalleriebrigaden nach Zürich aufgeboten hatte.
Der Generalstreik
Zusammen mit rund 250000 Genossen aller Landesteile legten die Grenchner Uhrenmacher während dreier Tage die Arbeit nieder (Dienstag, 12. November bis Donnerstag, 14. November 1918). Nicht um krank zu feiern, sondern - so Rüdt - um "die geschändete Ehre des einfachen Arbeiters wiederherzustellen". Vom Postplatz aus inspirierte Rüdt seine Genossen an jedem Streiktag zum Grossaufmarsch. Nach der gepfefferten Standpauke setzte sich jeweils der Demonstrationszug in Bewegung. Mit Drohungen schüchterte man vorerst streikunwillige Geschäftsinhaber ein; da und dort riss man sogar Rolladen herunter. Streikbrecher hatten nichts zu lachen. Am Mittwoch angelten Arbeiter den Buchhalter aus dem Uhrenatelier Stroun (Bettlachstrasse 132), stellten ihn unter Verhöhnung wie eine Trophäe an die Spitze des Zuges, wo er wie ein Popanz bis zur Entlassung auf dem Postplatz mitzumarschieren hatte.

Postplatz Grenchen: während des Generalstreiks täglicher Versammlungsort
Im Vordergrund, knapp ausserhalb des Bildes, stellte die Armee am 14. Nov. 1918 Maschinengewehre auf
Bild aus meiner Privatsammlung
Todesopfer
Mittags dirigierte Rüdt seine Leute zum Südbahnhof, wo sie unter den Augen einer Landsturmeinheit die Geleise verbarrikadierten. Am Donnerstag dem Tag des Streikabbruchs, glich Grenchen einem brodelnden Hexenkessel. "Besuch" erhielten die Uhrenfabriken Certina und Fortis, wobei sich die Sachschäden in Grenzen hielten. Trotz eines massiven Truppenaufgebots entlud sich jetzt der aufgestauate Volkszorn auf dem Nordbahnhof, wo Heisssporne Weichen aufschlitzten, Barrikaden errichteten und ein 20 Meter langes Schienenstück mit Schmierseife bestrichen.

Kirchstrass-Unterführung 1915: hier fielen am 14. Nov. 1918 die ersten Schüsse der Armee - mehrere verletzte Arbeiter
Bild aus: Kohler, Hans: Grenchen in Alter Zeit. Lithos, Ansichtskarten, Fotos und Dokumente
vom 19. bis 20. Jahrhundert aus meiner Heimatsammlung.Grenchen: Eigenverlag Hans Kohler, 1990.
Eine Füsiliergruppe unter Lt. Bettex eröffnete bei der Kirchstrass-Unterführung das Feuer. Schwer verletzt musste Linus Kaufmann in Sicherheit beracht werden. Dem eskalierenden Massaker fielen daraufhin zwischen "Sonne" und "Ochsen" Marius Noirjean (17), Hermann Lanz (18) und Fritz Scholl (21) zum Opfer.
Der Generalstreik, an sich eine legitime Notwehr der Arbeiter, hätte nach dem Willen des "Oltner Aktionskomitees" in Form einer stummen Anklage mithin ohne Ausschreitungen, erfolgen sollen. Von der dreiköpfigen Grenchner Streikleitung war indessen nur Rüdt existent, die beiden anderen verkrümelten sich in der Volksmasse. Eine Sternstunde somit für Rüdt, entweder als Held oder aber als Versager in die Grenchner Geschichte einzugehen.
Heldentum vergeben
Im entscheidenden Augenblick fehlte Rüdt der Schutzengel, der ihm ein "Halt, nicht so!" hätte zurufen, ihm in den Arm hätte fallen müssen. So vergab Rüdt sein Heldentum, ja, er musste zusehen, wie die heraufbeschworenen Geister ihre zerstörerische Eigendynamik entfalteten, wie der Geist des Bolschewismus, den er seinen Leuten unter die Weste gejubelt hatte, ihn selber in den Abgrund riss. Fünf Tage lang hielt er sich versteckt, ehe er sich in Solothurn der Justiz ergab. Das Amtsgericht verurteilte ihn wegen Nötigung und Amtsanmassung zu vier Wochen Haft, während die Militärrichter ihn wegen Anstiftung zu Insubordination gar vier Monate Gefängnis auferlegten.
Ein Sündenbock muss her
Die unentschuldbare Exekution dreier Jungmänner durch welsche Füsiliere versetzte alle in einen Zustand der Konsternation. Wie immer in solchen Fällen rief die verwundete Volksseele, Partei hin oder her, nach dem Schuldigen. Ein Prügelknabe muss her. Und das war natürlich der Rüdt, der, zu Recht oder Unrecht, für sämtliche Exzesse während der drei verhängnisvollen Tage geradestehen musste. Selbst seine engsten Freunde begannen ihn zu verleugnen, obwohl er laut Zeugenaussagen stets zur Mässigung geraten hatte.
Die Säuberung
Um jeden Verdacht, die Revolution gewollt zu haben, von sich zu weisen unterzog sich jetzt die SPS einer Entschlackungskur. Heute würde man von einer Säuberungswelle sprechen. Unter einem fadenscheinigen Vorwand (Unordnung in der Buchhaltung) hob Chefredaktor J. Schmid seinen Grenchner Mitarbeiter aus dem Sattel. Ja, scheute sich nicht, die schmutzige Wäsche im offiziellen SP-Organ auszubreiten, zur grossen Freude des Bürgertums. Der Gemeinderat forderte jetzt seine Abberufung, worauf Rüdt aus allen seinen Aemtern zurücktrat. Der Mohr hatte seine Pflicht getan; jetzt konnte er gehen. Und an Rüdt bewahrheitete sich die alte Binsenwahrheit: Die Revolution frisst ihre eigenen Kinder.
So unauffällig Max Rüdt Grenchens politische Bühne betreten hatte, so unspektakulär stahl er sich nach drei Jahren schriller Agitation aus dem Bewusstsein seiner enttäuschten Anhänger.
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A. Fasnacht 07/2000