Hans Ryf
"Wie Tiere abgeknallt"
Vor 70 Jahren: Tote in Grenchen
Auszug aus einem Artikel, den Ryf am 23. November 1988 im Grenchner Tagblatt veröffentlichte
Siebzig Jahre ist es her, als sich der Gegensatz zwischen Arbeiterschaft und Bürgertum in Grenchen zum Exzess steigerte. Der Donnerstag, 14. November 1918, war der dritte und letzte Streiktag. Die unfähige Grenchner Streikleitung konnte Angriffe auf Streikbrecher und Uebergriffe auf die Anlagen der Bahnhöfe Süd und Nord nicht verhindern. Noch hielten zwei einheimische Landsturmeinheiten den Volkszorn mit Mühe und Not unter Kontrolle.
Generalstreik 1918 in Grenchen: An der Spitze eines Streikumzugs die Arbeiterjugend.
Links die Alte Post, heutige Centralstrasse
Bild aus meiner Privatsammlung
Das besonnene Verhalten der ortskundigen Ordnungskräfte missfiel der Solothurner Regierung. In der Tat hätte ein allfälliger Schiessbefehl bei der Truppe Gewissenskonflikte auslösen können. Dies um so mehr, als es galt, einen an sich legalen Streik in Schranken zu halten. Trotzdem bestand Solothurn auf dem Einsatz welscher Einheiten, nachdem Hermann Obrecht (der spätere Bundesrat) Zweifel an der Verlässlichkeit der einheimischen Miliz geäussert hatte.
Politische Fehleinschätzung
Solothurns Begehren entsprang abstrakt militärischem Kalkül, missachtete aber sträflich die Erfahrung, dass sich das Entente-freundliche Welschland ideologisch der deutschfreundlich-alemannischen Schweiz seit Kriegsbeginn entfremdet hatte. Zudem nährte das Welschland einen deutlichen Widerwillen gegen den Generalstreik. Unterschwellig war man in den dortigen Militärkreisen dem Plan eines exemplarischen Abstechers zu den "Boches" jenseits der Saane gar nicht abgeneigt. Ein Zeuge hat den Verlad des Waadtländer Bataillons 6 unter Major Pelet wie folgt erlebt: "Frauen und Mädchen trugen die Gewehre ihrer Geliebten. Kinder brachten Sträusse und Zigaretten; in aller Augen leuchtete die Freude, nun einmal in der deutschen Schweiz Ordnung machen zu dürfen." Zu allem Unglück stammten die welschen Dragoner aus dem Bauernstand, dem man streikfeindliche Gesinnung nachsagte.
Militärische Stümperei
Im Gegensatz zu Solothurn, Olten und Zürich fehlte in Grenchen eine klare Befehls- und Einsatzdoktrin. Alle Ausschreitungen hätten vermieden werden können, wenn General Wille und die Solothurner Regierung der explosiven Stimmung in Grenchen Rechnung getragen hätten. Htpm Hänggi (III/25) wie auch Hptm Schnider (III/27) hielten den Grenchner Infanterieoberst Emil Obrecht für den Platzkommandanten. Doch das war Obrecht mitnichten, obwohl gerade er durch seine Popularität zur Beruhigung der Lage hätte beitragen können. Kaum war Hptm Schnider das Kommando übertragen, setzte ihm Oberst Hirt in Solothurn den ortsunkundigen, des Deutschen kaum mächtigen Waadtländer Henri Pelet (38), vor die Nase, einen ledigen Architekten aus Lausanne. Eine Stunde später machte ihm Dragonermajor Bürki dieses Amt wieder streitig, so dass kein Soldat mehr wusste, wer in Grenchen militärisch überhaupt noch das Sagen hatte. Innerhalb von dreieinhalb Stunden hatte sich das Befehlskarussell dreimal gedreht.
So war die Tragödie in Grenchen nach Strich und Faden programmiert, und Major Pelet sagte die Wahrheit, wenn er feststellte, dass er und seine Subalternoffiziere über ihre Aufgaben ungenügend unterrichtet waren.
Unverständliches Verhalten
Major Pelet, kaltgestellter Platzkommandant, durch Provokationen auf dem Nordbahnhof arg gestresst, besammelte um zwei Uhr nachmittags auf der Höhe der Firma Niederhäuser zwölf Füsiliere zum Sturm auf die Gaffer vor der Apotheke Lenzinger. Dr. Pégaitaz, dringend zu einem Kranken im Tripolispital aufgeboten, fand beim "Löwen" die Centralstrasse abgeriegelt. Kurzerhand packten ihn die welschen Infanteristen und warfen ihn über den Zaun seines Vorgartens. Aus unerfindlichen Gründen schickte Pelet neun Mann zurück zur Kreuzung, obwohl der mit zwölf Mann eher Herr der Lage geworen wäre. So entstand das Gerücht, er habe sich bewusst drei schiesswillige Füsiliere ausgesucht.
Mit fliegenden Schössen und säbelschwingend pirschte er jetzt Richtung Stöcklihaus. Bei der "Sonne" stauten sich Mitläufer und Zaungäste. Pelet, ortsunkundig wie er war, scheuchte die Leute ins "Ochsen"-Gässchen, nicht bedenkend, dass von der Bettlachstrasse her Passanten den Durchgang ebenfalls beanspruchten, da beim "Löwen" kein Durchkommen war.

Ort der Tragödie: Solothurnstrasse Grenchen, Restaurant Sonne und Restaurant Ochsen. Bild: ca. 1962
Bild aus: Kohler, Hans: Grenchen in Alter Zeit. Lithos, Ansichtskarten, Fotos und Dokumente
vom 19. bis 20. Jahrhundert aus meiner Heimatsammlung.Grenchen: Eigenverlag Hans Kohler, 1990.
Das Gässchen widerhallte vom Pfeifen und Johlen des verängstigten Volkes. Pelet aber deutete den Lärm fälschlicherweise als Attacke gegen seine Offiziersehre. Aus dem Laubhag heraus liess er, drei Meter von den nächsten Passanten entfernt seine drei Füsiliere auf die wehrlosen Zivilisten schiessen. Ein Jüngling wurde tödlich in den Rücken, die beiden anderen direkt in den Kopf getroffen. "Scheusslich", schrieb Dr. Girard in seinem Rapport an die Militärjustiz. Ein vierter erlitt einen Armdurchschuss. Statt sich um die Opfer zu bekümmern, setzte Pelet seine Strafexpedition fort. Pelet später: "die Beseitigung der Leichen habe ich dem Ortspolizisten übertragen."
"Traurige Wahrheit ..."
Eine Hausfrau an der Solothurnstrasse hatte entsetzt die Szene vom Fenster aus verfolgt. Erbost betrat sie den Balkon und rief ausser sich vor Zorn: "Mörder!" Abends erschien in der Offiziersmesse im "Löwen" Pfarrer Ernst Hubacher, pflanzte sich vor Pelet auf und schrie ihm ins Gesicht: "Monsieur, vous n'auriez pas du faire cela" (das hätten Sie nicht tun dürfen!). Pelet wies ihm barsch die Tür. "Sonnen"-Wirt Baumann, der allernächste Zeuge des Vorfalls, deponierte anderntags im Gemeinderat eine Interpellation des Inhalts. "Was sich nirgends sonst zugetragen hat, ist in Grenchen traurige Wahrheit geworden: Drei wehrlose junge Leute sind wie Tiere niedergeknallt worden."
Zurück
A. Fasnacht 07/2000