Generalstreik 1918 in Grenchen
Normale Zeiten / Ein Bundesrat besucht Grenchen
Grenchner Tagblatt vom 18. November 1918
Grenchner Tagblatt vom 18. November 1918
Normale Zeiten / Bundesrätlicher Besuch
Normale Zeiten scheinen anzubrechen. Der Krieg ist fertig, die Friedensverhandlungen sind für die nächste Zeit in Aussicht gestellt, und auch der Landesstreik, der ein Moment drohte, den Bürgerkrieg zu bringen, scheint beigelegt worden zu sein. Heute morgen haben alle Fabriken unserer Ortschaft den normalen Betrieb wieder eröffnet. Schade um die Lohnausfälle, die der Streik gebracht hat. Wenn man in Grenchen eine Anzahl von 5000 Arbeitern annimmt, beträgt der mutmassliche Ausfall an Löhnen zirka 250000.- Franken. für diese sechs verlorenen Tage. Eine Viertelmillion, die dem Geschäftsverkehr entzogen wurde. Die Handelsleute von Grenchen werden das auch merken.
Gestern kam Herr Bundesrat Ador in Grenchen an, um dem Genfer Bataillon 10, das hier stationiert ist und dessen Chef er einst war, einen Besuch abzustatten. Die Bataillonsmusik spielte ihm einige Nummern ihres Repertoirs vor, worauf er an die Musikanten einige schlichte Worte sprach. Herr Ador sprach fast auf demselben Platz, wo Rüdt drei Tage vorher noch erklärte, der Kampf werde nicht ruhen, bis der ganze Bundesrat abgedankt habe. Wir müssen schon gestehen, dass uns Herr Ador besser gefiel als der Präsident der Soviet-Republik von Grenchen. Der Musik wurde nachher im Restaurant Rosengarten ein Imbiss serviert, der den Anlass zu einigen kurzen Ansprachen ab. Wir möchten nur die Worte eines Genfer Wehrmannes hervorheben, der erklärte, dass die Genfer Soldaten, die nach Grenchen gekommen sind, keineswegs Bourgeois, sondern in der überwiegenden Mehrzahl Arbeiter sind. Als Arbeiter seien ihnen die Forderungen der Arbeiterschaft mindestens ebenso gut bekannt, wie den Arbeitern der deutschen Schweiz. Diese Reformen müssen aber auf gesetzlichem Weg durchgeführt werden, wie dies einer gebildeten Demokratie entspricht. Der Schweizer Arbeiter weiss sehr wohl, was Freiheit ist, und braucht sich darüber keine Vorlesungen machen zu lassen durch Leute, die bis vor kurzer Zeit sozusagen in der Sklaverei lebten. Der Fortschritt ist noch immer vom Westen, nicht vom Osten gekommen. Die welsche Schweiz weiss das kostbarste Gut der Menschheit: die persönliche Freiheit in der Demokratie hoch zu schätzen und ist nicht gewillt, auf diese Freiheit zu Gunsten irgend einer Diktatur, sie komme woher sie wolle, zu verzichten. Der einmütige Beifall aller Anwesenden, die sich ganz spontan erhebten, um "Trittst im Morgenrot daher" zu singen, bewies, dass der Soldat allen aus dem Herzen gesprochen hatte.
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A. Fasnacht 10/2001