Alte Post

Generalstreik 1918 in Grenchen
Die historische Aufarbeitung des Themas

mit den Arbeiten im Volltext
von Rolf Blaser, Andi Streiff, Hans Ryf, Rainer W. Walter, Boris Banga und Hans Hartmann




Der Generalstreik 1918 galt mehr als ein halbes Jahrhundert als ein geschichtliches Ereignis, an dem sich historische wie politische Geister schieden. Ein Ereignis, das die Emotionen zwischen Rechts und Links aufwallen liess. Für die einen handelte es sich beim Generalstreik 1918 klar um einen bolschewistischen Umsturzversuch, der dank unserer Armee verhindert und die Demokratie gerettet werden konnte. Für die anderen war der Streik ein legitimes Mittel, um der herrschenden sozialen Not und der Verelendung der Arbeiterschaft Einhalt zu gebieten.

Selbst die Sozialdemokratische Partei wie auch der Schweizerische Gewerkschaftsbund hatten Probleme mit der Bewältigung des Themas, dies besonders in den Jahrzehnten zwischen 1930 und 1970. Prof. H. U. Jost, Universität Lausanne, meint zu dieser Tatsache: "Aber auch die Linke hatte Mühe mit ihrem Generalstreik. Eingeschüchtert durch die permanente bürgerliche Schelte begann man, die Legitimität dieses Streikes anzuzweifeln. Im gleichen Masse, wie die Bürgerlichen aus dem Generalstreik eine aufgeblähte Gespenstergeschichte machten, versteckte die Linke ihren Streik verschämt in den Schubladen der Partei- und Gewerkschaftbüros. Dies war dem Selbstbewusstsein der Arbeiterschaft wohl kaum sehr zuträglich."

In seiner Arbeit "Arbeiterbewegung und Politik in der Geschichtsschreibung" hält Bernard Degen folgende Tatsachen fest: "Eine Schlüsselstellung in der schweizerischen Geschichte und Geschichtsschreibung des 20. Jahrhunderts nimmt der landesweite Generalstreik vom November 1918 ein. Der bürgerlichen und nicht zuletzt der rechtsextremen Publizistik war es während Jahrzehnten gelungen, diese einschneidende soziale Bewegung mit dem Odium des bolschewistischen Revolutionsversuchs zu behaften. Der Druck erwies sich als derart stark, dass Robert Bratschi, der ehemalige Präsident des Schweizerischen Gewerkschaftsbundes, 1958 anlässlich des Todes von Robert Grimm, dem ehemaligen Präsidenten des Streikkomitees, den Landesstreik nicht einmal erwähnte".

Diese 'Verkrampfung' löste sich erst allmählich mit dem Erscheinen der beiden grossen Geschichtsarbeiten (1968) von Willi Gautschi und Paul Schmid-Ammann, die das Thema Generalstreik 1918 nach einem halben Jahrhundert monumental und wissenschaftlich hervorragend aufrollten und historisch Klarheit schafften. Ferner publizieren die Professoren E. Gruner, Universität Bern, später H.U. Jost, Universität Lausanne und Bernard Degen, Univeristät Bern, wichtige Beiträge zur Geschichte der Arbeiterbewegung und zur Sozialgeschichte der Schweiz.

Es ist also kein Zufall, wenn 1968 im Hotel Touring-Volkshaus in Grenchen eine grössere Gedenkfeier stattfand. Werner Vogt, der sozialdemokratische Regierungsrat und Ständerat aus Grenchen, hielt eine denkwürdige Rede über Geschichte und Folgen des Generalstreiks und über die Ereignisse in Grenchen (Das Volk Nr. 293 vom 18.12.1968).

In der Folge melden sich vermehrt Autoren, die sich den Vorkommnissen während des Generalstreiks 1918 in Grenchen widmen und das Thema historisch wie auch journalistisch aufarbeiten. Nach der Rede von Vogt im Jahre 1968 meldet sich Rolf Blaser im Grenchner Jahrbuch 1974 mit den Ergebnissen seiner Seminararbeit - ein sehr wichtiger Beitrag. 1988 folgt die dreiteilige Artikelserie vom Grenchner Lehrer Hans Ryf. 1986 publiziert Andi Streiff seine Seminararbeit am Historischen Seminar der Universität Zürich, bei Prof. W. Schaufelberger. Der Grenchner Schriftsteller und Lehrer Rainer W. Walter veröffentlicht 1993 eine sehr objektive Arbeit zum Thema. Am 11. November 1998 findet im Hotel Löwen, Grenchen, eine Gedenkveranstaltung statt zum Thema "80 Jahre Generalstreik – 12.-14. November 1918, Sozialdemokratische und gewerkschaftliche Forderungen - gestern und heute", wo der Grenchner Stadtpräsident Boris Banga eine bedeutende Rede hielt über die Ereignisse im Jahre 1918 in Grenchen. In einer Sonderbeilage der WOZ vom 5. November 1998 finden wir den ausführlichen und engagierten Beitrag von Hans Hartmann "Die Schüsse von Grenchen".

Von den erwähnten Arbeiten zum Thema "Generalstreik 1918 in Grenchen" darf ich hier diejenigen von Rolf Blaser, Andi Streiff, Hans Ryf, Rainer W. Walter, Boris Banga und Hans Hartmann im Volltext publizieren:

1974: Rolf Blaser veröffentlicht die Ergebnisse seiner Seminararbeit
1988: Hans Ryf schildert die Grenchner Tragödie
1993: Rainer W. Walter hält objektive Rückschau
1998: Boris Banga und Hans Hartmann melden sich
R. Blaser u. A. Streiff bereichern mit ihren Folgerungen den Rückblick
Links und neuste Informationen zum Generalstreik 1918
Weiterführende Literatur


Als frühen Beitrag über den Generalstreik in Grenchen ist das Heimatbuch Grenchen von W. Strub zu erwähnen. Das Buch erschien im Jahre 1949 und bringt den Anliegen der Arbeiterschaft in der Zeit des Generalstreiks Verständnis entgegen. (Strub, Werner: Heimatbuch Grenchen. - Solothurn, 1949. S. 212-214)


Bleibende Wünsche:

Es bleibt der Wunsch, dass an den Themen 'Generalstreik 1918 in Grenchen' und 'Geschichte der Industrialisierung und der Arbeiterbewegung in Grenchen' weiter gearbeitet wird.
Inzwischen wäre auch die nötige zeitliche Distanz gewonnen, diesem Themenkreis eine umfassende wissenschaftliche Arbeit zu widmen.





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A. Fasnacht 07/2001