Generalstreik 1918 in Grenchen
Ernst Hohl
Ein Augenzeuge berichtet
Nach dem handschriftlichen Original im Stadtarchiv Grenchen
Generalstreik November 1918
Der älteren Generation wird wohl der Generalstreik vom November 1918 noch in guter (oder auch schlechter) Erinnerung sein. So auch mir. Bekanntlich mussten sämtliche Fabriken ihre Tore schliessen. Dort wo gleichwohl versucht wurde zu arbeiten, wurden die betreffenden Arbeiter von Teilnehmern am organisierten Gewerkschafts-Umzug unsanft aus den Fabriken rausgeholt u. mussten im Umzug mit marschieren. Die Geschäfte, die ihre Läden offen hielten, wurden zwangsweise geschlossen durch die Demonstranten. Da ich auch nicht arbeiten durfte, ging ich mit Kollegen spazieren. Infolge der ausgebrochenen Unruhen wurde sofort Militär angefordert. Es dauerte nicht lange, trafen Mitrailleure, Infanterie und Cavallerie ein. Letztere trieb angesammelte Menschengruppen auseinander. Mitten auf der Löwenkreuzung wurde ein Maschinengewehr aufgestellt. Ich war nun gerade auf einem Spaziergang zwischen Rest. Ochsen und Hotel Löwen als uns eine Infanterie Patrouille entgegen kam, geführt von einem Major. Auf dem nördlichen Trottoir hatten sich einige Leute angesammelt. Aus dieser Gruppe wurde der ankommende Major ausgepfiffen u. angepöbelt. Das liess sich der Offizier nicht gefallen und befahl seinen Soldaten: Front links – zum Schuss fertig – feuern. Die Soldaten gehorchten. Durch Panik ergriffen flüchteten diese Leute alle durch das schmale Gässlein das die Solothurnerstrasse mit der Bettlachstrasse verbindet. Und das Resultat war: 3 Todte am Boden liegend. Das geschah vor unseren Augen. Dieser Zwischenfall bewog uns dann ins Hotel Rössli, wo wir in Pension waren, zurück zu kehren. Daselbst angekommen, wurde vom Schulhaus I herunter auf einer Tragbahre ein Verwundeter gebracht, der an der Kirchstrasse angeschossen wurde.

Auszug aus dem Originalbericht von Ernst Hohl, Grenchen (Stadtarchiv Grenchen)
Ein anderes Moment: Bekanntlich fuhren damals die Eisenbahnen noch per Dampf, so dass man den Rauch der Lokomotiven auf grosse Distanzen sehen konnte. Während eines Streiktages ging das Gerücht um, es nähere sich ein Zug von Solothurn her. (Die Eisenbahner sollten alle auch streiken.) Flugs rannten die Uebeltäter alle zum Südbahnhof u. versperrten die Eisenbahngeleise mit schweren Quadersteinen, Post- und anderen Karren die auf dem Bahnhof zu finden waren. Es blieb dem Bahnhofvorstand nichts mehr anderes übrig als nach Selzach zu telephonieren den Zug aufzuhalten u. nicht mehr weiter zu lassen.
Und noch ein letztes: Infolge der verschiedenen Vorkommnisse stellte unser Patron eine Fabrikwache auf. Diese bestand aus 4 Mann welche sich die Zeit mit Jassen vertrieben. Als der Demonstrationsumzug auf dem Bahnhofplatz erschien wurde die Wache neugierig u. schaute im Versteckten zum Fenster raus. Doch oha, Sie wurden von den Demonstranten entdeckt u. sogleich wurde die Fabrik erstürmt u. die Wache hinaus geschmissen. Dies konnte nur geschehen, weil die Wache vergessen hatte die hintere Türe zu schliessen.
Dies einige Vorkommnisse die ich selbst erlebt habe u. nie vergessen werde.
Ernst Hohl
Rebgasse
Grenchen
Anmerkung von A. Fasnacht:
Bei der Uebertragung des Texts in die HTML-Datei habe ich die Orthografie und die Interpunktion des Originals beibehalten
Ernst Hohl starb Ende 1971, vermutlich schrieb er diese Erinnerungen 1968 anlässlich des fünfzigjährigen Jubiläums des Generalstreiks in der Schweiz
Heute befindet sich das Gebäude von COOP-City an der Stelle, wo früher das Restaurant Ochsen stand
Das Hotel Rössli stand an der Bielstrasse ungefähr gegenüber der östl. Treppe, die vom Schulhaus I herunterführt
Die Erwähnung der Fabrikwache bezieht sich auf die Fabrik Vogt (Fortis) beim Nordbahnhof Grenchen
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A. Fasnacht 07/2001