Alte Post

Generalstreik 1918 in Grenchen

Bahnhof Grenchen-Nord

Zeugeneinvernahme Rudolf Balsiger

Stationsgehülfe Bahnhof Grenchen-Nord





Zeugeneinvernahme Rudolf Balsiger, Stationsgehülfe Grenchen-Nord, 16. November 1918, Bundesarchiv MJ 1919, 98/2369 II


1. Ich hatte an den drei Streiktagen Dienst auf der Station Grenchen-Nord. Die Streikenden schickten von Zeit zu Zeit Patrouillen um den Bahnhof herum. Das Personal des Betriebsdienstes liess sie gewähren, wogegen Bahnmeister Reusser sich dagegen auflehnte und die Patrouillen wegwies. Dabei kam es zwei oder drei Male zu Auftritten zwischen ihm und den Streikenden. Beidseitig fielen Schimpfworte. Der Bahnmeister nannte sie Saubande und dergleichen. Dieses Verhalten des Bahnmeisters ist offenbar der Streikleitung mitgeteilt worden. Infolgedessen kam am Mittwoch 10 – 11 Uhr ein Zug von etwa 100 – 200 Streikenden auf den Bahnhof mit zwei roten Fahnen und Tambour, geführt von Redaktor Rüdt. Die Fahnen wurden auf Perron 2 aufgepflanzt, wo Rüdt eine kurze Rede hielt, von welcher wir aber des Wirrwarrs wegen nichts verstanden. Aus der Menge fielen Worte wie: "Wo ist der Chaib? Wir werden ihn schon noch holen. Er kann sich nicht stets in den ersten Stock flüchten. Wir haben hier zu befehlen." Es war augenscheinlich, dass sie es auf den Bahnmeister abgesehen haben, der aber nicht auf der Station war. Nachher zog der Zug wieder ab. Zumutungen an das Stationspersonal, wie die Arbeit nieder zu legen, habe ich nicht gehört.

2. Am Donnerstag Vormittag wurde unsere Station von Delsberg angefragt, ob wir den Zug 2154, der um 11.55 hier fällig ist, annehmen könnten. Wir antworteten, es bestehe unsererseits kein Hindernis, die Strecke sei begangen worden. Wir meldeten die dem Kommandanten der Landsturmkomp., damit er eventuell zur Zeit des Zuges Militär auf die Station schicken könne. Der Zug ist aber tatsächlich nicht angeordnet worden. Immerhin ist die Anfrage von Delsberg unter den Streikenden bekannt geworden, was offenbar den Anlass gegeben hat, am nördlichen Stationseingang die Weichen zu demolieren.

Grenchen-Münsterbahn
Generalstreik 1918 in Grenchen: Barrikadenbau, Demolierung der Geleise Grenchen-Münsterbahn

Aus den Akten der militärgerichtlichen Voruntersuchung:

1. 100m oberhalb Weiche 1 waren die Schienen nach Angabe des Bahnmeisters mit einer Flüssigkeit eingeschmiert, um den Zug ins Schleudern zu bringen.
Mehrere Angeschuldigte sagen aus, sie hätten dies mittelst Seife und Wasser getan, damit der Zug ins Schleudern komme.

2. Bei Weiche 1 wurde der Spitzenverschluss verkrümmt, die Bolzen weggerissen, Weichenzungen und Kreuzungen mit Steinen verkeilt.

3. Zwischen den Weichen 1 & 2 lagen 6 Gerüststangen und mehrere weggerissene Zementsockel auf den Schienen.

4. Bei Weiche 2 wurde der Spitzenverschluss und die Führungsschiene weggerissen, eine Weichenzunge ganz abgeschlagen und quer über das Geleise gelegt. Alle Bolzen und Schrauben wurden mit dem Hammer weggeschlagen.

5. Die Drahtleitung für das Einfahrtssignal und das Vorsignal Richtung Münster wurde durchschnitten, die automatische Weichenverriegelung verstellt, mehrere Drahtrollen der Leitungsständer zerschlagen.

Nähe Bahnhof Nord, Geleise werden demoliert
Generalstreik 1918 in Grenchen: Streikende demolieren und sperren Geleise
in der Nähe des Bahnhofs Nord.



Anmerkungen A. Fasnacht:
  • Schäden Bahnhof Nord: Kostenrechnung der BLS
  • Interpunktion und Orthografie habe ich beibehalten
  • Den Text verdanke ich Herrn Rolf Blaser, er recherchierte für seine Proseminararbeit im Bundesarchiv Bern
  • Bilder aus meiner Sammlung


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    A. Fasnacht 10/2001