80 Jahre Generalstreik - 12. - 14. November 1918

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Sozialdemokratische und gewerkschaftliche Forderungen - gestern und heute

Restaurant Löwen, Saal im 1. Stock, Grenchen / 11. November 1998, 19.00 Uhr


Eröffungsrede von
Boris Banga, Stadtpräsident Grenchen, SP-Nationalrat, Co-Präsident der SP Kt. Solothurn




Sehr geehrte Damen und Herren
Am 12. - 14. November 1918 versammelten sich in Grenchen - wie in über 100 Ortschaften in der Schweiz - Arbeiterinnen und Arbeiter, die von Lohnabbau, Arbeitslosigkeit und starken Preissteigerungen betroffen waren.

Es war das Ende des 1. Weltkrieges; tausende von Menschen in der Schweiz waren an der Grippe gestorben. Einigen wenigen Kriegsgewinnlern ging es gut; den meisten Menschen - vor allem in den Städten - ging es schlecht. Die Löhne waren in den Kriegsjahren um 30% gesunken, die Lebensmittelpreise in der gleichen Zeitspanne um ein Mehrfaches gestiegen. Und die Wohnungsnot war verheerend.

Über die Hintergründe des Generalstreiks, über die Provokationen des Bundesrates und der Militärführung werden uns berufenere Referenten informieren. Für mich bleibt festzuhalten, dass die Grenchner Arbeiterschaft mit einem Streik den Forderungen des Oltener Aktionskomitees (Oltner waren meines Wissens keine dabei) Gewicht verleihen wollte.

Auf Druck der Streikenden blieben die Geschäfte geschlossen und die Fabriken leer. An den Bahnhöfen Grenchen Nord und Grenchen Süd wurden Barrikaden errichtet und Weichenanlagen demoliert - eben um den Eisenbahnverkehr lahmzulegen. Die ersten beiden Streiktage verliefen - abgesehen von einigen Sachbeschädigungen - ruhig und ohne grössere Zwischenfälle.

Am Donnerstag, den 14. November 1918 versammelten sich Arbeiterinnen und Arbeiter auf dem Postplatz, um sich für einen Demonstrationszug zu formieren. Obwohl der Streikabbruch bereits beschlossen war, wurden Truppen aus Bern und dem Welschland nach Grenchen verlegt. Den bis zu diesem Zeitpunkt anwesenden einheimischen Ordnungstruppen wurde nicht vertraut. Sie hätten bei einem Schiessbefehl ja auf die eigenen Mitbürgerinnen und Mitbürger schiessen müssen.

Im Laufe des Nachmittags trafen die neuen Truppen ein und beurteilten die Lage falsch. Welsche Infanteristen lösten die Versammlung beim Nordbahnhof auf und jagten die aufgescheuchte Menschenmenge durch die engen Gassen. Bei der Unterführung Kirchstrasse kam es zu den ersten Schüssen; es gab mehrere Verletzte.

Danach geschah das grausame, unentschuldbare Blutbad an Unschuldigen, dessen Ablauf bis heute nie genau geklärt wurde.

Die Opfer waren:

  1. Marius Noirjean: 17-jährig, Remonteur, wohnhaft im Unterdäderiz, aus Monfaucon gebürtig. Sein Vater Vital war vor sechs Jahren aus Tramelan nach Grenchen übersiedelt, wo er als Schalenmacher in der Firma Schmitz Frères arbeitete. Marius hinterliess neben seinen Eltern, zwei Schwestern und einen Bruder. Politisch war er ungebunden. Die tödliche Kugel traf ihn auf dem Weg zur Apotheke Lenzinger, wo er für seine schwerkranke Mutter Medikamente abholen sollte.

  2. Hermann Lanz: 18-jährig, Schraubenmacher in der Eterna, aus Rohrbach gebürtig, wohnhaft an der Kastelsstrasse 5, wo sein Vater einen Hof bewirtschaftete; Hermann hinterliess ausser seiner Mutter einen Bruder und fünf Schwestern. Er hatte sich an der Demonstration nicht aktiv beteiligt.

  3. Fritz Scholl: 21-jährig, Décolleteur in der Eterna, wohnhaft in Pieterlen, Sohn eines Uhrmachers, der nebenberuflich eine kleine Landwirtschaft betrieb und auf den Verdienst seines Sohnes angewiesen war. Am Unglückstag schickte ihn die Mutter nach Grenchen, damit er im Eisenladen einen Bestandteil für die Nähmaschine und in der Apotheke Hustensirup für seine Geschwister besorge.

Die militärische Schlamperei (kein kompetenter Platzkommandant, kein Einsatzkonzept) musste zwangsläufig in eine Katastrophe münden. Ob der verantwortliche Stabsoffizier Major Pelet nun fanatisch-sinnlos Amok lief oder nur schlicht und einfach überfordert war, kann niemals mehr eruiert werden. Und dies, weil die Militärjustiz total einäugig und schluderig untersuchte. Man befragte nur Untergebene des Majors bzw. Leute, die gar nicht Augenzeugen waren. Der Interpellation von Nationalrat Jacques Schmid kann sogar entnommen werden, dass den Opfern aus 50cm bzw. 4m Entfernung von hinten durch den Kopf geschossen wurde. Ich zitiere: ”Dem toten Lanz musste man noch beide Hände aus den Hosentaschen reissen, ein Beweis, wie feige dieser Mord ausgeübt wurde.

Es fand keine Gerichtsverhandlung statt, weil auch kein Zivilkläger für die Verletzten und Hinterbliebenen bestellt wurde. Selbst bürgerliche Kreise rafften sich später zu einer Protestschrift auf, was jedoch beim EMD ebenfalls nichts bewirkte.

Einzig Max Rüdt, Lokalredaktor der ”Neuen Freien Zeitung” und Grenchner Gemeinderat, wurde als Präsident der Streikleitung für die blutigen Ausschreitungen verantwortlich gemacht und zu vier Wochen Gefängnis verurteilt. Es folgten eine Hetzkampagne in der bürgerlichen Presse, der Ausschluss aus seinen politischen Ämtern und aus der sozialdemokratischen Partei Solothurn.

Bereits damals gerieten die gewerkschaftlich-sozialdemokratischen und bürgerlichen Kräfte hart aneinander. Am 15. November 1918 rief der Ammann im Namen des Gemeinderates zur Ruhe und Besonnenheit auf; der Armee-Einsatz wurde nur leicht kritisiert: ”Der Gemeinderat schliesst sich der in der Bevölkerung herrschenden Entrüstung und des Protestes an, dass Donnerstag mittag durch militärische Massnahmen drei junge Männer erschossen und einer lebensgefährlich verwundet worden sind. Er vertritt die Ansicht, dass ein Scharfschiessen unbegreiflich und durch andere Massnahmen hätte ersetzt werden können. Der Gemeinderat spricht den Hinterlassenen und betroffenen Opfern sein Beileid aus.”

Anderntags wehrten sich die Gemeinderatsfraktionen der Freisinnigen-Demokratischen Partei und der Volkspartei wie folgt öffentlich: ”Der Gemeinderat fasste nur den Beschluss, eine beruhigende Proklamation an die Bevölkerung zu erlassen und die Behördenmitglieder zur Teilnahme an der Beerdigung der getöteten Personen einzuladen, als konventionelle Sympathiebezeugung für die Angehörigen. Dabei wurde ausdrücklich betont, dass weder die Proklamation, noch die Teilnahme an der Beerdigung den Ausdruck eines Protestes enthalten solle. Vielmehr sprechen wir den wackeren Soldaten unseren innigsten Dank aus, dass sie durch ihr tatkräftiges und taktvolles Eingreifen die Revolution niedergeworfen und uns vor schlimmeren Heimsuchungen geschützt haben.”

Als Höhepunkt, ja als Provokation musste es die Grenchner Öffentlichkeit empfinden, dass die Stadt Solothurn ausgerechnet das Waadtländer Unglücksbatallion mit Major Pelet an der Spitze auszeichnete, materiell durch einen Ehrensold von 10 Franken, moralisch durch die Abgabe der Ehrenurkunde mit dem Vermerk: ”Füs Bat 6, die dankbare Stadt Solothurn, November 1918”.

Die Grenchner Geschichte über diesen 14. November 1918 ist heute noch nicht aufgearbeitet; je nach politischem Standpunkt finden sich entsprechend gefärbte Arbeiten. Selbst eine Erinnerung an die drei unschuldigen Todesopfer fehlt. Der von der Arbeiterunion 1918 (Vereinigung von Gewerkschaft, Partei und Sportvereinen) gestiftete, auffallend grosse Granitgrabstein für Hermann Lanz, Marius Noirjean und Fritz Scholl verschwand zwischen 1948 und 1950 bei der Räumung des entsprechenden Gräberfeldes. Meines Erachtens wäre es an der Zeit, der unschuldigen Toten zu gedenken, weil sie nicht vergebens gestorben sind.



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A. Fasnacht 01/2000