Alte Post

Grenchen im Generalstreik 1918

Ergebnisse einer Seminararbeit

von Rolf Blaser, Grenchen





In Grenchen nahm der Generalstreik vom November 1918 eine tragische Wendung: die Arbeiterschaft unserer Gemeinde hatte die einzigen drei Todesopfer dieser grössten sozialpolitischen Auseinandersetzung unseres Landes zu beklagen. Ob ein Scharfschiessen der Ordnungsrkäfte unumgänglich war, blieb eine Streitfrage. Ungeachtet ihrer historischen Bedeutung, erinnerte man sich nur noch vage und ungern an die Novemberstreiktage. Die folgenden Ausführungen, Ergebnisse einer ersten eingehenderen Untersuchung der strittigen Fragen, stützen sich auf bisher nicht zugängliche militärgerichtliche Akten im Schweizerischen Bundesarchiv Bern.

I.


Mit dem Generalstreik verfolgte die Arbeiterschaft unter der Führung eines Oltener Aktionskomitees vermeintlich "bolschewistische" Ziele, die seither längst verwirklicht und für alle Bevölkerungsschichten zur Selbstverständlichkeit geworden oder mittlerweile bereits wieder überholt sind: Neuwahl des Nationalrates nach dem Proporzverfahren, Frauenstimm- und –wahlrecht, Einführung der 48-Stunden-Woche und einer Alters- und Invalidenversicherung. Diese Forderungen wurden während der Streiktage (12. bis 14. November) auch in öffentlichen Versammlungen auf dem Grenchner Postplatz laut. Man findet allgemein bestätigt, dass die Versammlungen im übrigen diszipliniert durchgeführt wurden und der lokale Streikleiter wiederholt zu Ruhe und Ordnung mahnte. Ein Gerücht, wonach der Streikleiter selbstherrlich die Solothurner Regierung benachrichtigt habe, Grenchens "Sowjetregierung" anerkenne Gesetze und Obrigkeit nicht mehr, erwies sich als Zeitungsente.

II.


Im Anschluss an die Versammlungen auf dem Postplatz versuchten Streikende, jene Geschäfte, die entgegen den Anordnungen der Streikleitung geöffnet hatten, gewaltsam zu schliessen. Vereinzelte Arbeitswillige ("Streikbrecher") wurden aus den Fabriken herausgeholt und gezwungen an der Spitze eines Umzuges durch das Dorf mitzumarschieren; ein Fabrikportal wurde beschädigt, auch ein paar Fensterscheiben gingen in Brüche: bei der gespannten Lage im ganzen sicher geringfügige Ausschreitungen.

III.


Um das Transportwesen lahmzulegen, wurden auf der Station Grenchen-Süd die Geleise verbarrikadiert, nachdem Solothurn einen Extrazug bis Biel angekündigt hatte. Auch der Bahnverkehr über die Station Grenchen-Nord war unterbrochen. Auf eine Anfrage aus Delsberg, ob ein Zug die Station passieren könnte, hatten Streikende die Weichenanlage am nördlichen Stationseingang demoliert. Diese Zwischenfälle verstiessen gegen die Anordnungen des Oltener Aktionskomietees; wie weit sie von der lokalen Streikleitung gebilligt oder zumindest geduldet wurden, wird aus den Akten nicht klar ersichtlich. Menschenleben waren auf jeden Fall nicht gefährdet. Der Barrikadenbau und die Beschädigung der Weichen geschahen nicht etwa heimlich, so dass sofort Gegenmassnahmen eingeleitet werden konnten. Der aus Delsberg avisierte Zug wurde gar nicht mehr angeordnet, und der aus Solothurn kommende Extrazug blieb in Nachbargemeinde Bettlach stationiert. – Vom Barrikadenbau auf dem Bahnhofareal Grenchen-Süd sind zufällig Fotos erhalten geblieben. Eine Aufnahme vereinigt Streikende und Landsturmsoldaten zu einem denkbar unrevolutionären Gruppenbild!


Bahnhof Süd
13. Nov. 1918: Gesperrte Geleise auf dem Bahnhof Grenchen Süd, Streikende und Landsturm-Soldaten friedlich zusammen
Bild aus: Kohler, Hans: Gruss aus Grenchen. Alte Fotos, Dokumente und Ansichtskarten
aus der Slg. Hans Kohler. - Grenchen: Edition der Literarischen Gesellschaft, 1985.




IV.


Den Ordnungsdienst versahen in Grenchen ursprünglich zwei Landsturmkompanien, die sich grösstenteils aus der Gemeinde selbst oder aus benachbarten Gemeinden rekrutierten. Im Ernstfall hätten die Wehrmänner somit gegen ihre eigenen Angehörigen und Bekannten und als Partei- und Gewerkschaftsmitglieder gegen ihre Organisationen und ihre eigenen Anordnungen vorgehen müssen. Von Auflehnung oder gar Meuterei konnte laut einer Beweisaufnahme in beiden Kompanien keine Rede sein, doch waren sich die Vorgesetzten darüber im klaren, dass ein Schiessbefehl oder ein Bajonettangriff kaum von allen Soldaten ausgeführt worden wäre. Diese bestimmt nicht unproblematische Ausgangslage wirkte sich indes nur positiv aus: Wegen Bagatellfällen provozierten die Landsturmkopanien keine unnötigen Zusammenstösse mit der Bevölkerung. Diese kluge Zurückhaltung wurde jedoch vom Militärdepartement als vollständiges Versagen aufgefasst und mit der Verlegung von "fremden" Einheiten nach Grenchen beantwortet.

Telegramm des Militärdepartements Solothurn
Abschrift des Telegramms vom 14. Nov. 1918, 12.45 Uhr, des Militärdepartements Solothurn
Beilage zur Proseminararbeit von Rolf Blaser


Beim Einsatz von Waadtländer Infanteristen und Berner Kavalleristen wurden offensichtlich die seit Kriegsausbruch bestehenden Spannungen zwischen Welsch- und Deutschschweizern und die Differenzen zwischen Bauerntum und Arbeiterschaft gegeneinander ausgespielt. Anders lässt sich das forsche Eingreifen der neuen Ordnungskräfte zu einer Zeit, da der Streikabbruch schon vereinbart war, kaum erklären.

V.


Aus der Zeugeneinvernahme des welschen Truppenkommandanten geht hervor, dass er und seine Subalternoffiziere über ihre Aufgabe in Grenchen ungenügend unterrichtet waren und die Lage nicht überblickten. Die Situation war am letzten Streiktag keineswegs bedrohlicher. Um die Mittagszeit hatte sich vor dem Bahnhofgebäude Grenchen-Nord eine kleine Menschenmenge angesammelt. Der Bahnverkehr war blockiert worden, aber die Aufregung hatte sich bereits wieder gelegt. Kein Eingreifen der Ordnungstruppe konnte die Ausschreitungen ungeschehen machen, weitere Zwischenfälle waren nicht zu befürchten.

Trotzdem liess der Kommandant der Waadtländer Einheit den Bahnhofplatz räumen und teilte danach seinen Zug, um Ansammlungen im Dorf zu zerstreuen. Erste Schüsse fielen beim Bahnviadukt an der Kirchstrasse: zwei Arbeiter wurden verletzt, der eine lebensgefährlich. – Auch an der Solothurnstrasse kam es zu einer Stauung, als die Menge versuchte, vor den patrouillierenden Infanteristen sich durch das enge Gässchen zum Schmiedehof hin zu retten. Die Waadtländer rückten mit entsicherten Waffen vor. Laut seinen eigenen Aussagen, beabsichtigte der Kommandant der Patrouille mit dem Schiessbefehl eigentlich bloss, die Leute zu verjagen. Da dieses Mittel hier zu versagen schien, wurde auf die fliehende Menge das Feuer eröffnet: wie der verantwortliche Kommandant gestand, nur weil ein Schiessen in die Luft den Eindruck hätte erwecken können, die Truppe habe Angst! Drei junge Männer mussten ihr Leben lassen, ein vierter wurde verwundet – unschuldige Opfer einer Kurzschlusshandlung, weit entfernt von jeder zwingenden gezielten Aktion.

Dass wahllos Unschuldige niedergeschossen wurden, steht ausser Zweifel. Die ärztliche Untersuchung der Leichen ergab, dass zwei der Getöteten von hinten getroffen worden waren. Bei einem der Opfer handelte es sich um einen 17jähreigen Jüngling aus Pieterlen, der für seine kranke Mutter in der Apotheke Medikamente besorgen sollte...

Es hiess, die Patrouille sei ausgepfiffen und beschimpft worden. Hätten aber die Ordnungstruppen auf jede Herausforderung so prompt wie in Grenchen mit Blei reagiert, wären nach den Streiktagen wohl Tausende von Toten zu verzeichnen gewesen. Der Arbeitskonflikt hatte sich in unserer Gemeinde nicht besonders gefährlich zugespitzt. Folgenschwerer und unglücklicher als andernorts war vielmehr das Vorgehen der mit den Verhältnissen nicht vertrauten und ihrer Aufgabe nicht gewachsenen Ordnungskräfte.

Eine Debatte über die Schuldfrage verlief im Nationalrat ergebnislos. Schadenersatzansprüche, wie sie die Verletzten und die Hinterlassenen der drei Todesopfer geltend machten, wurden ebenfalls abgewiesen. Die Anführer im Streik hingegen hatten teils mehrmonatige Gefängnisstrafen abzubüssen.

Ich danke Herrn Rolf Blaser, dass ich seinen Beitrag hier veröffentlichen darf.


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A. Fasnacht 07/2001