Generalstreik 1918 in Grenchen
Rolf Blaser
sachlich orientierte und aus dem Studium der Akten gewonnene Sicht der Ereignisse
Schlussteil der Seminararbeit von Rolf Blaser
Aus:
Blaser Rolf: Grenchen im Generalstreik 1918. Historisches Seminar der Univ. Bern, Seminararbeit bei Prof. H. von Greyerz, 1969.
Grenchen hat mit seinen drei Todesopfern durch den Generalstreik eine traurige Berühmtheit erlangt. Es drängt sich die Frage auf: Waren die Ausschreitungen der Streikenden in Grenchen so gefährlich, dass ein Scharfschiessen unumgänglich wurde? Oder waren folgenschwerer als andernorts nicht sosehr diese Ausschreitungen als das ungerechtfertigt harte Eingreifen der Ordnungstruppen?
Getrennt von der reinen Dokumentation, erlaubt die Beurteilung der Streiktage eine ebenfalls sachlich orientierte, aber persönlich weniger zurückhaltende Stellungnahme. Nicht d i e Wahrheit über den Generalstreik in Grenchen, sondern meine aus dem Studium der Aktien gewonnene Sicht der Ereignisse ist in folgenden Punkten zusammengefasst.
1. Das Grenchener Tagblatt beginnt seinen ausführlichen Bericht über die Novemberstreiktage mit einem bemerkenswerten Eingeständnis:
Dienstagmorgen ruhte die Arbeit überall und um 9 Uhr eröffnete der Leiter des Streikes in Grenchen, Redaktor Max Rüdt, die erste öffentliche Versammlung auf dem Postplatz. Er legte die Gründe dar,
die das Oltener Aktionskomitee veranlasst hatten, den Landesstreik zu proklamieren ... Zum Schluss forderte er alle Anwesenden auf, sich der grössten Ruhe zu befleissen, Ruhe sei des Bürgers erste Pflicht.
Also selbst das bürgerliche Grenchener Tagblatt musste anerkennen, dass die Versammlungen der Streikenden auf dem Postplatz diszipliniert durchgeführt wurden und dass gerade Streikleiter Max Rüdt wiederholt zu Ruhe und Ordnung mahnte.
2. Im Anschluss an die Versammlungen vom Mittwoch und Donnerstag (13. und 14. November 1918) versuchten Streikende jene Geschäfte, die entgegen den Anordnungen der Streikleitung geöffnet hatten, gewaltsam zu schliessen. Einzelne Arbeitswillige (Streikbrecher) wurden aus den Fabriken herausgeholt und gezwungen, an der Spitze eines Umzuges durch das Dorf zu marschieren. Wir glauben gerne, dass sie dabei beschimpft wurden und einige Püffe einstecken mussten. Aber ebensowenig wie ein beschädigtes Fabriktor oder zerbrochene Fensterscheiben rechtfertigten diese kleinen Ausschreitungen das verhängnisvolle zusätzliche Truppenaufgebot.
Der Kommandant der Landstrumkompagnie III/25 hatte übrigens die Zusicherung erhalten, "dass keine Ausschreitungen stattfinden werden und dass die Fabriken nicht bewacht zu werden brauchten, wenn nirgends gearbeitet würde." Wie aus einer Zeugeneinvernahme hervorgeht, war aber der betreffende "Arbeitswillige" auf besonderen Befehl seines Patrons zur Arbeit erschienen. Man wird folglich den Fabrikanten den Vorwurf nicht ersparen können, die Streikenden zu unüberlegten Handlungen herausgefordert zu haben.
3. Mittwoch, 13. November 1918, wurden auf der Station Grenchen-Süd die Geleise verbarrikadiert, nachdem Solothurn einen Extrazug bis Biel angekündigt hatte. Auch der Bahnverkehr über Grenchen-Nord wurde verunmöglicht. Am Donnerstagvormittag gab eine Anfrage von Delsberg, ob ein Zug die Station Grenchen-Nord passieren könnte, den Anlass zum Demolieren der Weichenanlage am nördlichen Stationseingang. Diese Zwischenfälle verstiessen eindeutig gegen die Anordnungen des Oltener Aktionskomitees. Wie weit sie von der lokalen Streikleitung gebilligt oder zumindest geduldet wurden, wird aus den Akten nicht ganz klar.
Eine direkte Gefährdung von Menschenleben bestand in beiden Fällen nicht und wäre zweifellos auch nicht im Sinn der Streikenden gewesen. Der Barrikadenbau und die Beschädigung der Weichen geschahen nicht etwa heimlich, sodass sofort Gegenmassnahmen eingeleitet werden konnten. Der von Delsberg avisierte Zug wurde gar nicht angeordnet, und der von Solothurn kommende Extrazug blieb in der Nachbargemeinde Bettlach stationiert.
Vom Barrikadenbau auf dem Bahnhofareal Genchen-Süd sind Fotos erhalten. Wer diese Fotos kennt, wird nicht mehr ein "Komplott" in Betracht zeihen. Eine Aufnahme vereinigt Streikende und Landsturmsoldaten zu einem denkbar unrevolutionären Gruppenbild. Anhand dieser Aufnahmen hätte sich die Täterschaft mit Leichtigkeit ermitteln lassen. Die "gut organisierte Menschenjagd" hingegen konnte nicht diesem Zweck dienen.
4. Den Ordnungsdienst in Grenchen versahen ursprünglich die Landsturmkompagnien III/25 und III/27, welche sich grösstenteils aus der Gemeinde selbst und aus Nachbargemeinden rekrutierten. Im Ernstfall hätten sie somit gegen ihre eigenen Angehörigen und Bekannten und als Gewerkschaftsmitglieder gegen ihre Organisation und ihre eigenen Anordnungen eingreifen müssen. Diese bestimmt heikle und vom militärischen Standpunkt aus ungünstige Situation hat sich unseres Erachtens auch positiv ausgewirkt. Man provozierte aus diesem Grund keine unnötigen Zusammenstösse mit der Bevölkerung. Von "Meuterei" oder "Insubordination" konnte zwar in den betreffenden Kompagnien nach dem Untersuchungsergebnis "keine Rede sein", "wenn auch ein Befehl zum Schiessen oder Bajonettangriff kaum von allen ausgeführt worden wäre". Die Vorgesetzten waren sich dessen bewusst und hielten sich klugerweise zurück bei Bagatellfällen wie der eigenmächtigen Sperrung der Volksküche für das Militär durch das Streikkomitee.
Die nicht absolute, d.h. nicht blinde Zuverlässigkeit der Landsturmkompagnien wurde vom Militärdepartement als vollständiges Versagen ausgelegt und mit der Verlegung von "fremden" Einheiten nach Grenchen beantwortet. Es scheint, als habe man beim Einsatz von "kaltblütigen" Waadtländer Infanteristen und "markanten" Berner Kavalleristen bewusst den gärenden Konflikt zwischen Welsch und Deutsch und zwischen Bauerntum und Arbeiterschaft ausgespielt. Darin liegt eine Erklärung für das forcierte Vorgehen der neuen Ordnungstruppen am Donnerstagnachmittag, zu einem Zeitpunkt also, da der Streik eigentlich schon beigelegt war.
5. Die tödlichen Schüsse fielen durch einen Zug Waadtländer Infanteristen, Angehörige des Füs. Bat. 6. Die kleine Truppe war nach Grenchen beordert worden, ohne über ihre Funktion richtig orientiert zu sein. Als der verantwortliche Major am Donnerstagmittag eintraf, war der Zug beim Bahnhof Nord stationiert. Wir folgen dem Bericht des Kommandanten:
Der Bahnhofplatz war mit ca. 100 150 Manifestanten besetzt, die Soldaten befanden sich vor dem Gebäude und waren im Begriffe die Suppe zu essen.
Die Lage war offensichtlich keineswegs bedrohlich. Die Weichen waren ausser Betrieb geesetzt, aber die Aufregung hatte sich schon wieder gelegt. Kein Eingreifen der Ordnungstruppe konnte die Ausschreitungen vom Vormittag ungeschehen machen. Trotzdem erliess der Major den uneinsichtigen Befehl, "dass jegliche Ansammlungen und Umzüge verboten sind und nicht geduldet werden, liess den Bahnhofplatz räumen und teilte danach seinen Zug, um Ansammlungen im Dorf zu zerstreuen. "Es ging den Obermilitaristen aber anscheinend zu langsam", und die erste Schussabgabe beim Bahnviadukt an der Kirchstrasse hatte zwei Verwundete zur Folge. Auch an der Solothurnstrasse kam es zu einer Stauung, als die Menge versuchte, sich durch das enge Gässchen gegen den Schmiedehof zu flüchten.
Um die Leute zu vertreiben, befahl ich meinen drei Mann: "Pour tirer armes," was sofort befolgt wurde; ich wollte mit diesem Befehl die Leute zurückschrecken, was mir auf dem ganzen Weg mit dem gleichen Mittel gelungen war. Da dieses Mittel hier vesagte, befahl ich: "Feu" ...
Aus der Schilderung des Majors wird deutlich, dass er mit dem Schiessbefehl die Leute eigentlich nur zurückschrecken wollte. Als er damit keinen Erfolg hatte, mussten drei junge Männer sterben, aus Prestigegründen, wie der Kommandant selbst eingesteht: "weil das Schiessen in die Luft den Eindruck gemacht hätte, dass wir Angst haben." Also eine Kurzschlusshandlung des verantwortlichen Majors, keine notwendige, gezielte militärische Aktion.
Dass wahllos auf Unschuldige geschossen wurde, steht ausser Zweifel. Die ärztliche Untersuchung ergab, dass zwei der Getöteten von hinten erschossen worden waren. Bei einem der Todesofper handelte es sich um einen 17 jährigen Jüngling aus der Nachbargemeinde Pieterlen, der für seine kranke Mutter in der Apotheke ein Medikament besorgen wollte. Einer der Gefallenen hatte noch beide Hände in den Hosentaschen. Wie konnte da Bundesrat Decoppet auf die absurde Idee kommen (in seiner Beantwortung der Interpellation Schmid), das Militär sei mit Steinen beworfen worden! Der Kommandant der Patrouille erwähnt davon kein Wort.
Wir entnehmen seinem Bericht: Die Truppe wurde ausgepfiffen und beschimpft. Es ertönten Rufe wie "A bas l'armée, vive les Bolchevikis." Die Waadtländer sollen mit "sales boches" und "cochons" tituliert worden sein. Als die bürgerliche Presse mit diesen harmlosen, im Grund lächerlichen Ausfällen gegen das Militär das Scharfschiessen zu rechtfertigen versuchte, entgegnete der damalige protestantische Pfarrer richtig:
Wenn in den letzten Tagen auf jede Beleidigung des Militärs so prompt wie in Grenchen mit Blei geantwortet worden wäre, hätten wir als Ergebnis des Landesstreiks in der Schweiz herum nicht ein halbes Dutzend, sondern einige Tausend Tote zu verzeichnen. Und wenn das französische Schimpfwort auch wirklich gefallen ist, so muss gesagt werden, dass sich die Volksbewegung der letzten Tage unter anderem auch gegen jenen undemokratischen Geist in der Armee richtete, der meint, die verletzte Ehre eines Offiziers mit drei geopferten Menschenleben wiederherstellen zu müssen. Dieser Punkt ist es vor allem, der eine Untersuchung heischt...
Aus den Akten geht hervor, dass diese Untersuchung für die Verletzten und die Hinterbliebenen der drei Todesopfer ergebnislos verlief. Der Bürgerblock war stark genug, das offene Unrecht auf sich beruhen zu lassen.
6. Einen etwas zwiespältigen Eindruck macht die Person des lokalen Streikleiters Max Rüdt. Als Redaktor der sozialdemokratischen Neuen Freien Zeitung war er natürlich auch persönlichen Anfeindungen und Verleumdungen ausgesetzt. Wir glauben nicht, dass man die vom Oltener Aktionskomitee nicht gebilligten Ausschreitungen seiner "Hetzarbeit" zur Last legen darf. Es scheint vielmehr, als habe er die Führung über die aufgebrachte Arbeiterschaft verloren. Offenbar fand Rüdt, wie er sich selber beklagte, zu wenig Rückhalt bei den älteren, gesetzteren Genossen. Mehr nur dem Namen nach Streikleiter, musste er dennoch vor Gericht als Sündenbock herhalten. Seine Behauptung, er sei nie für den Generalstreik eingetreten, überrascht allerdings, gewinnt man doch eher den Eindruck, er habe sich vielleicht von seiner Stellung auch persönliche Vorteile versprochen. Um einen "Berufsrevolutionär" kann es sich bei Max Rüdt aber nicht im entferntesten gehandelt haben, sonst hätte er sich nicht bereits wenige Monate nach dem Generalstreik, von der Partei bitter enttäuscht, ganz von der Politik zurückgezogen.
Anmerkung von A. Fasnacht
dieser Teil der Proseminararbeit diente als Grundlage für Blaser's Beitrag im Grenchner Jahrbuch 1974.
Die Nummern-Hinweise auf Quellen habe ich nicht eingesetzt
Ich danke Herrn Rolf Blaser, dass ich die diesen Teil seiner Arbeit hier publizieren darf.
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A. Fasnacht 08/2001