Alte Post

Generalstreik 1918 in Grenchen

Debatte über den Generalstreik im Solothurner Kantonsrat

15. und 16. Januar 1919





Verhandlungen des Kantonsrates von Solothurn 1919 (VKS 1919), S. 165-267

Debatte über die November-Unruhen 1918 (Landes-Generalstreik)

15. und 16. Januar 1919


Die Debatte über den Generalstreik 1918 gehört bestimmt zu den historisch interessanten Verhandlungen im Solothurner Kantonsparlament. Die Debatte fand während zwei Tagen, am 15. und 16. Januar 1919, statt, also ziemlich genau zwei Monate nach dem Generalstreik. Die Debatte dominierten zwei Persönlichkeiten, die beide in der kantonalen und in der schweizerischen Politik wichtige Rollen spielten. Es waren dies die Kantons- und Nationalräte Hermann Obrecht, FdP (der spätere Bundesrat), und Jacques Schmid, SP.

Die Reden der beiden Ratsherren werden in dieser Dokumentation in Volltext zur Verfügung gestellt. Die Texte enthalten viele interessante Fakten und Argumente, die selbst heute noch lesenswert sind. Ferner stellen beide Reden wahre rhetorische Feuerwerke dar.

Von bürgerlicher Seite wurde in dieser Debatte klar gemacht, dass man den Generalstreik als versuchte Revolution oder mindestens als Generalstreik mit revolutionären Absichten einstufte. So breitete Obrecht ein Argumentarium aus (VKS 1919, S. 173-187), wie es während eines halben Jahrhunderts benutzt wurde, um aus dem Generalstreik einen revolutionären Umsturzversuch zu konstruieren. Obrechts Rede war zum grossen Teil eine Schelte an die Adresse der Organisatoren des Generalstreiks, der Streikteilnehmer und der lokalen Streikführer Grenchens und Solothurns. Verständnis für die elende Situation der Arbeiter schimmerte selbst am Schluss der Rede nur wenig durch.

Hermann Obrecht
Hermann Obrecht (1882-1940), FdP. Kantonsrat und Nationalrat
(später Bundesrat 1935-1940)

In Obrechts Rede (VKS 1919, S. 176) wie auch im Verlauf der Debatte wurde klar, dass der Einsatz der Emmentaler Dragoner und der Waadtländer Infanterie im Kanton Solothurn offenbar auf ein persönliches Gespräch Obrechts mit General Wille zurückzuführen war. Das Gespräch fand am Mittwoch, den 13. November 1918, in Bern statt. Wie der Regierungsrat bekannt gab, hatten zuvor sämtliche Bemühungen bei der Generalstabsabteilung eine Truppenverstärkung zu erwirken keinen Erfolg. Nach Obrechts Gespräch mit dem General wurde die Entsendung der Emmentaler und Waadtländer sofort eingeleitet.

Jacques Schmid
Jacques Schmid (1882-1960), SP. Kantonsrat, Regierungsrat und Nationalrat


Jacques Schmid, Olten, vertrat in seiner Rede (VKS 1919, S. 211-223) den Standpunkt der Arbeiterschaft, die seit Beginn der Industrialisierung vom Besitzbürgertum schlimm ausgenützt wurde und deren Rechte man bislang kaum anerkannte. Während des ersten Weltkrieges verschlimmerte sich die Situation zusehends. Der Generalstreik war die Reaktion auf die grosse soziale Not und die zunehmende Verelendung der Arbeiterschaft. Ferner entkräftet Schmid viele Vorwürfe, die den Streik gleichsetzen wollten mit einem Umsturzversuch.

In versöhnlichen Tönen schlägt Adrian von Arx, FdP, die Bereitschaft zur Aufbauarbeit vor (VKS 1919, S. 243): "Gestehen wir zu, dass längst allzusehr die Erwerbssucht das Tun und Handeln von uns allen beherrscht hat. Gestehen wir zu, dass viel mehr als innere Güter der äussere Gewinn gegolten hat. Mit der Habsucht bei den einen wuchs der Neid bei den andern. Das alles hat uns bedrängt und auseinandergeführt. Dann kam noch dieser Krieg, der alles viel schlimmer machte. Wir haben erlebt, dass ein Teil des Volkes einer zunehmenden Bedrängnis anheimfiel, der man nicht Herr zu werden vermochte, wie man es gewollt hätte. Aber wir haben es erlebt, dass anderseits Viele in dieser bösen Zeit aus der Not Kapital geschlagen und Reichtümer gesammelt haben. Das gab einen tiefen Groll und eine grosse Gärung, denen viele gutgesinnte, kleine Leute nicht Herr zu werden vermochten. "Aussprechen was ist"! gilt auch für uns, meine lieben Mitbürger.
Und nun, wenn wir diese Erkenntnis haben, dann werden wir den Willen fassen, auch unserseits das Bessere zu tun und gut zu machen, und ich habe, Herr Schmid, die Ueberzeugung, dass in diesen Reihen dieser Wille zum Bessermachen vorhanden ist. Es wird geschehen, indem wir sorgen, dass das Wort, welches der Bundesrat im letzten November den Schwachen und Bedrängten gegeben hat, eingelöst wird."


Reden von Hermann Obrecht und Jacques Schmid in Volltext




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A. Fasnacht 08/2002