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Generalstreik 1918 in Grenchen

Grenchen 1918

Demografisch-politische Situation





Demografische und politische Situation zur Zeit des Generalstreiks 1918 in Grenchen

In der zweiten Hälfte des 19. Jahrhunderts entwickelte sich das Bauerndorf Grenchen zu einem bedeutenden Industrieort. Zur Zeit des Generalstreiks hatte Grenchen ungefähr 9000 Einwohner. Die Arbeitgeber in Grenchen, hauptsächlich Uhrenfabriken, beschäftigten etwa 4500 Arbeiter und Arbeiterinnen wovon rund 1500 Auswärtige (aus den Nachbargemeinden). Man kann annehmen, dass während des Generalstreiks praktisch alle Arbeitnehmer die Arbeit niederlegten, z.T. unter dem Druck der aktiven Streikteilnehmer.

Der grössere Teil der Grenchner Arbeiterschaft war gewerkschaftlich organisiert.

Die grössten Arbeitgeber waren damals: Gebr. Schild & Cie. (ETERNA), Adolf Schild (ASSA), Obrecht & Co., Gebr. Baumgartner, Gebr. Kurth (später CERTINA), Adolf Michel, W. Vogt & Cie. (FORTIS).

Gemeinderat im Jahre 1918: Die SP bildete mit 16 von 30 Sitzen die Mehrheitspartei und stellte auch den Gemeindeammann, Hermann Guldimann. Die verbleibenden Sitze hatten die FDP und Volkspartei (Konservative) inne.

Die Streikleitung Grenchen während des Generalstreiks setzte sich aus 25 Vertretern der verschiedenen Gewerkschaften und der SP zusammen. Präsident der Streikleitung war der Redaktor der Neuen Freien Zeitung, Max Rüdt. Rüdt war zudem Präsident der SP des Bezirks Lebern, Präsident der SP Grenchen, Präsident der Arbeiterunion Grenchen, Präsident der Volksküchenkommission sowie Gemeinde-, Kantons- und Erziehungsrat. Rüdt wurde von den Vorständen der Gewerkschaften zum Präsidenten der Streikleitung Grenchen gewählt. Vizepräsident der Streikleitung war Adolf Marti.

Tabelle 1 gibt die starke Position der Sozialdemokraten wieder zur Zeit des Ersten Weltkrieges und des Generalstreiks. Auffallend ist das Jahr 1917. Die Gewerkschaften und die SP hatten in den Kriegsjahren einen starken Mitgliederzuwachs zu verzeichnen, der vor allem auf die prekären sozialen Verhältnisse zurückzuführen war. So feierte die SP 1917 ein glanzvolles Resultat bei den Kantonsratswahlen. In Grenchen erhielten die Sozialdemokraten über 900 Stimmen.

Interessant ist auch der Niederschlag der Spaltung der SP im Wahlergebnis des Jahres 1921. Nach der Ablehnung des Beitritts zur III. Internationale (1920/21) trennten sich die Befürworter von der SP und gründeten die Kommunistische Partei der Schweiz. Die Kommunistische Partei der Schweiz konnte sich nicht durchsetzen. Die unrühmlichen Taten der neuen russischen Machthaber schreckten viele davon ab, diese Richtung weiter zu verfolgen. Bei den Wahlen 1921 fielen etwa 160 Stimmen auf die abgespaltenen Parteien (Neugrütlianer und Kommunisten) und schwächten die SP zusätzlich. Die Wirren des Generalstreiks und der Parteizwist in der SP waren für den Stimmenverlust mitverantwortlich.

Politische Parteien
Tabelle 1
Die rubrizierten Jahre 1904-1917 geben die Anzahl der Stimmberechtigen bei den Kantonsratswahlen an


Tabelle 2 illustriert die rasante Entwicklung Grenchens zur Industriestadt. Eindrücklich ist der Anteil der Zuzüger aus anderen Kantonen. Innert weniger Jahrzehnte hatte sich die Identität Grenchens völlig verändert. 1915 schlugen sich sogar die Bauarbeiten am Grenchenberg-Tunnel statistisch nieder: 1165 Ausländer, 13 % der damaligen Einwohnerschaft (s.a. Grafik G10, gelbe Linie). Es handelte sich vor allem um italienische Gastarbeiter, die in Grenchen in einer Arbeitersiedlung, dem Tripolis, mit eigener Infrastruktur untergebracht wurden. Mit dem 1915 eröffneten Eisenbahntunnel Grenchen-Moutier erhielt Grenchen eine direkte Verbindung zum französischsprachigen Jura und bestimmt auch zu neuen Ideen, denn viele Jurassier fanden durch die verkehrstechnische Erleichterung Arbeit in der Uhrenstadt.

Tripolis, Grenchen
Barackensiedlung der Tunnelarbeiter 1911-1915 in Grenchen, Tripolis genannt
Bild aus der Sammlung Hans Kohler, Grenchen




Tabelle 2


Das schnelle Wachstum der Gemeinde und der Uhrenindustrie, soziale Missstände und Identitätswandel führten zu Spannungen, die sich, wie in vielen Industriesiedlungen dieser Jahre, in Arbeitskämpfen äusserten und in Grenchen schliesslich mit der Aussperrung von 1914 den Höhepunkt erreichten. Selbst der besondere Verlauf des Generalstreiks 1918 in Grenchen darf teilweise als Entladung lokaler Spannungen eingestuft werden.

Die Grafik G10 konfrontiert die schweizerische Durchschnittsentwicklung der Wohnbevölkerung (nach Geburtsort/Herkunft) mit der Bevölkerungsentwicklung in Grenchen. Die im Vergleich zur durchschnittlichen Entwicklung fast dramatischen Veränderungen der Bevölkerungsstruktur treten deutlich in Erscheinung. Seit Beginn der Uhrenindustrie, in der MItte des 19. Jahrhunderts, bis ins Jahr 1918 ist die Einwohnerzahl Grenchens von etwa 1600 auf rund 9000 angestiegen.

Bevölkerungsstruktur nach Herkunft
Das © Copyright der Grafik "Bevölkerung nach Geburtsortsklassen" liegt beim BFS
150 Jahre schweizerischer Bundesstaat im Lichte der Statistik. Bern, 1998.
Diagramm Grenchen von A. Fasnacht eingefügt.


Die Grafik G16 über die Ausgabenstruktur eines Arbeiterhaushalts aus der Zeit des Generalstreiks 1918 stellt die engen Haushaltsverhältnisse der Arbeiterfamilien dar. Etwa 90 % des Einkommens mussten für Ernährung, Kleidung und Wohnung ausgelegt werden. Wie krass sich diese Situation in den folgenden Jahrzehnten verbesserte, zeigt der weitere Verlauf der Grafik.

Arbeiterhaushalt
Das © Copyright der Grafik "Ausgabenstruktur eines Arbeiterhaushalts" liegt beim BFS
150 Jahre schweizerischer Bundesstaat im Lichte der Statistik. Bern, 1998.
Achse 1917/18 von A. Fasnacht eingefügt.




Ich danke Herrn Rainer W. Walter, Grenchen, für die Ratschläge zur Erstellung dieser Seite.

Quellen:
Strub, Werner: Heimatbuch Grenchen. Solothurn, 1949. Tabellen S. 539 u. 540
150 Jahre Uhrenindustrie Grenchen und Region. Hrsg. vom Stadtarchiv Grenchen. Grenchen, 2001.



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A. Fasnacht 1/2003