Alte Post

Generalstreik 1918 in Grenchen

Einvernahme Otto Hänggi

Kaufmann in Bellach, Kommandant Ldst. Kp. III/25
vom 16. November 1918.

Bundesarchiv Bern: MJ 1918, 98/ 2333 II



Meine Kompagnie wurde durch das Kant. Militärdepartement Solothurn aufgeboten am Dienstag, den 12. November zur sofortigen Mobilisation auf dem Kompagniesammelplatz in Grenchen. Sie rekrutiert sich aus den Gemeinden Grenchen, Bettlach und Selzach. Der Sollbestand ist 228 Mann. Abends 5 Uhr waren ca. 120 Mann eingerückt. Im Verlaufe des Abends und des folgenden Tages erreichte die Kompagnie den Bestand von ca. 160 Mann. Von den fehlenden 68 Mann sind ca. 30 Mann dispensiert wegen Krankheit. Der Rest ist noch nicht abgeklärt.

Die Kompagnie kantonierte im Schulhaus 2 in Grenchen. Den erhaltenen Auftrag gebe ich zu den Akten und verweise darauf. Es handelte sich um Aufrechterhaltung von Ruhe und Ordnung, Schutz des öffentlichen und privaten Eigentums, Schutz der Arbeitswilligen. Die von mir begrüssten Ammannämter Selzach und Bettlach lehnten eine militärische Unterstützung als nicht notwendig ab. In Grenchen gaben mir der Ammann Guldimann und der von mir ebenfalls begrüsste Oberst Emil Obrecht die Zusicherung, dass Ruhe und Ordnung voraussichtlich nicht gestört würden, dass keine Ausschreitungen stattfinden werden und dass die Fabriken nicht bewacht zu werden brauchten, wenn nirgends gearbeitet würde. Es wurde vereinbart, die Bewachung zu beschränken auf die beiden Bahnhöfe, das Post- und das Bankgebäude. Ich stellte einen Unteroffizier mit je 10 Mann auf jeden der beiden Bahnhöfe und je einen Doppelposten beim Post- und beim Bankgebäude. Nachts Patrouillengang. Diese Anordnungen wurden von der Truppe ohne Widerspruch ausgeführt. Die Nacht vom 12./13. verlief vollkommen ruhig. Einzig wurde mir am Mittwoch Morgen gemeldet, dass auf Anordnung des Streikführers Rüdt, Redaktor in Grenchen, die uns von der Behörde zur Verfügung gestellte Volksküche durch den Zivilkoch geschlossen worden sei. Das meldete ich sogleich dem Kant. Militärdepartement und übergab ihm zugleich einen Aufruhrzettel, der von einem der Soldaten verteilt worden war. Ich werde ein Doppel zu den Akten geben. In meinem Rapport meldete ich zugleich, dass der Bestand meiner Kompagnie ungenügend und auf sie kein Verlass sei. Ich suchte also um Verstärkung nach.

Ordnungstruppen in Grenchen
Generalstreik 1918 in Grenchen: Hauptverlesen der Ordnungstruppen (vermutlich Landsturm Kp III/25) auf dem Schulhausplatz Schulhaus III,
im Hintergrund die Häuser von Dr. Hermann Hugi und Frl. Gubler
Bild stammt aus der Sammlung von Hans Kohler, Grenchen

Die Kompagnie rekrutiert sich zum grössten Teil aus Grenchener Fabrikbevölkerung. Grenchen zählt ca. 4500 Arbeiter, die streikten. Die Ortschaft hat ca. 10000 Einwohner. Die Soldaten meiner Kopagnie sind im bürgerlichen Leben Mitglieder der Gewerkschaften, einzelne davon waren Mitglieder des Streikausschusses und hatten also kurz zuvor noch die Anordnungen für die Durchführung des Streikes getroffen, als sie noch nicht mobilisiert waren. Wäre es also zu ernrsthaftem Einschreiten gekommen, so hätten sie gegen ihre eigenen Angehörigen und gegen ihre eigene Organisation und ihre eigenen Anordnungen eingreifen müssen. Nicht dass meinen Befehlen nicht nachgelebt worden wäre oder dass Widersetzlichkeiten stattgefunden hätten, sondern aus den mir von den Offizieren und den Unteroffizieren gemachten Mitteilungen und meinen persönlichen Wahrnehmungen musste ich schliessen, dass die Kompagnie gegebenen Falls nicht zuverlässig sein würde.

Im Verlaufe des Vormittags erhielt ich Mitteilung vom Kant. Militärdepartement, dass noch zwei weitere Kopagnien zur Verstärkung einlangen werden und dass ich bezüglich der Volksküche nichts vorkehren solle, die neuen Truppen würden das weitere besorgen. Im Verlaufe des Nachmittags rückte dann die Kompagnie III/27 ein. In Verbindung mit deren Kommandant Htpm. Schnider wurde dann die Küchenangelegenheit mit dem Ammann gütlich dahin erledigt, dass sie uns wieder zur Verfügung gestellt wurde. Hptm. Schnider übernahm hierauf den Patrouillendienst und ich führte meine bisherigen Aufgabe weiter.

Während des Verlaufes des Dienstes ereigneten sich keine Disziplinwidrigkeiten oder Gehorchsamsverweigerungen seitens der Truppe, ausgenommen einzelne Vorkommnisse von geringer Bedeutung, über die mir Rapporte einliefen und die ich im Rahmen meiner Kompetenz disziplinarisch bestrafen werde.

Am Donnerstag 14. ct. erhielt die Kompagnie dann von Major Tatarinoff, Kommandant des Ldst. Bat. 27, Befehl, nach Selzach zu dislozieren. Dort steht die Kompagnie noch heute und ist ihrer Entlassung stündlich gegenwärtig.


Anmerkung A. Fasnacht:
  • Interpunktion und Orthografie habe ich beibehalten
  • Den Text verdanke ich Herrn Rolf Blaser, er recherchierte für seine Proseminararbeit im Bundesarchiv



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    A. Fasnacht 08/2001