Alte Post

Generalstreik 1918 in Grenchen

Ernst Hubacher, ein Pfarrer mit Mut und Zivilcourage

Die Schuldfrage aus juristischer und moralischer Sicht





Die Schuldfrage zu den tragischen Ereignissen wurde erneut aufgeworfen, als der Anwalt der Verletzten Linus Kaufmann und Arnold Vogt und der Hinterbliebenen von Hermann Lanz, Marius Noirjean und Fritz Scholl Schadenersatzansprüche anmeldete. Der Entscheid des Bundes vom 13. November 1919 fiel negativ aus:

    Wir haben auf ein Gutachten des eidgenössischen Justiz- und Polizeidepartements hin uns entschieden, die Schadenersatzpflicht des Bundes in solchen Ernstfällen grundsätzlich abzulehnen, weil es sich hier nicht um Tötung oder Verletzung einer Zivilperson anlässlich einer "militärischen Uebung" handelt, für welche Fälle letzterer Art allein in Art. 27 der Militärorganisation eine Haftpflicht des Bundes vorgesehen ist.

Dieser Entscheid schien gut begründet zu sein, blieb demzufolge unangefochten und endgültig. Die Hinterbliebenen und Verletzten erhielten keine Entschädigung seitens des Bundes. Aus der Sicht des Bundes trugen Verletzte und Todesopfer die Schuld an der tödlichen Schiesserei. Anlass für eine Rehabilitation der Opfer gab es offenbar bis heute nicht.

Um die moralische wie auch die private Dimension des traurigen Geschehens ein wenig zu erhellen, sei hier aus der Grabrede für Hermann Lanz von Pfarrer Ernst Hubacher zitiert:

    Was sich in dieser Woche in Grenchen abgespielt hat, ist wie Sie wissen nicht etwas Vereinzeltes. Es war nur der Ausschnitt aus einer grösseren Bewegung, die ruhig oder unter Sturm sich in der ganzen Welt vollzieht. Wir stehen an der Schwelle einer neuen Zeit. Die Völker regen sich und fordern das als Recht, was man ihnen bisher nur als freundliches Almosen gewährt hat. Etwas von dem, was in unserer Nachbarrepublik Deutschland Tatsache geworden ist, wird sich auch bei uns durchsetzen. In einem Augenblick, wo die ganze Welt eine Neugestaltung erfährt, wird nicht die Schweiz allein ein frohes Idyll im alten Stile bleiben. Schon vor dem Kriege und seither erst recht, sind ganze Volksteile einem physischen und moralischen Elend anheimgefallen, das nur der nicht sieht, der nicht sehen will oder am Nichtsehen interessiert ist. Wir haben trotz unserer Demokratie noch immer den Zustand, wo die Zivilisation Weniger durch die Unzivilisation Vieler besteht, wo neben der bettelhaften, in Schmutz verkommenden Armut vieler Proletarier sich Luxus und Wohlleben der Besitzenden breit macht, wo der im Besitz von Sachen, Geld, Boden und Bildung bestehenden Macht der einen die trotz aller formalen Freiheit faktische Macht- und Rechtlosikgheit der anderen gegenübersteht. Wenn nun Hermann Lanz auf der Seite derjenigen gestanden hat, die sich wehren für Sonne und Freiheit, so hat er damit nur seine Pflicht getan, er hat sich gewehrt für sich selber, für seine Klassengenossen und für allgemeine Menschenwürde. Er ist gefallen für seine Sache, die unser aller Sache ist. Auch der Herrschenden und Besitzenden Sache. Er ist in tieferem Sinne sogar auch für den Herrn Major gefallen, der das Feuer an der Solothurnerstrasse in eigener Person geleitet hat, denn auch dieser hat ein Interesse, unter Verhältnissen zu leben, die ihn nicht mehr in die Lage bringen werden, gegen Mitbürger schiessen lassen zu müssen. Die Welt ist nun einmal so eingerichtet, dass ein Mensch nie als Einzelner und eine Klasse nie allein zum Genuss der Lebensgüter kommen kann. Solange ein Glück sich aufbaut auf der Verkürzung eines einzigen Menschen, auf dem Kummer einer einzigen Mutter, kann es kein volles Glück sein. < ... >

    Wenn ich eine Partei zu ergreifen habe, so ist es höchstens diejenige des armen Toten, der mit seinem, wie es scheint, durch einen Schuss von hinten verstümmelten Kopf eine schwere Anklage bildet. Hermann Lanz ist, darüber braucht eine Untersuchung nicht mehr zu walten, als Unschuldiger gefallen. Als die Ausschreitungen geschahen, war er nicht dabei, es ist nicht richtig, dass er am Morgen Streikbrecher hat misshandeln helfen, er hat den ganzen Vormittag daheim häusliche Arbeiten verrichtet und ist erst mittags ins Dorf gekommen. Dass er sich in der Strasse aufgehalten hat, kann ihm nicht zum Vorwurf gemacht werden, er hatte das Recht dazu, da keine Proklamation die Bevölkerung aufgefordert hatte, sich zurückzuziehen. Die Strassen sind ohne weiteres mit Pferdehufen und blanken Waffen von Menschen gesäubert worden. Lanz hat sich auch sonst in keiner Weise unangenehm hervorgetan, er war ein stiller Bürger. Wie jeder anständige Arbeiter, gehörte er der Organisation an, zog für sie zeitweilig die Beiträge eines Kreises ein und sang im Grütlimännerchor mit. Er war also weder ein von andern fanatisierter Grünling, er geht gegen die dreissig, noch ein gemeingefährlicher Vollbolschewiki. Und wenn jetzt fast in der gesamten schweizerischen Presse versucht wird, die Sache so darzustellen, dass er in einem Zusammenstoss zwischen Soldaten und Demonstranten getötet worden sei, so muss ich mich im Interesse des Toten und seiner Familie aufs Schärfste dagegen verwahren. Es hat überhaupt kein Zusammenstoss stattgefunden. Wenn ein Eisenbahnzug einen Kinderwagen über den Haufen rennt, so ist das etwas ganz anderes als ein Zusammenstoss. Es fehlte nach der Aussage aller Zeugen der Gegenstoss der Bevölkerung, der ein Scharfschiessen unvermeidlich gemacht hätte. Es war kein Aufeinanderprallen annähernd gleicher Kräfte, sondern wie es gestern im Gemeinderat gesagt worden ist, eine gut organisierte Menschenjagd. Man spreche uns nicht von Insulten, um sie zu entschuldigen; wenn in den letzten Tagen auf jede Beleidigung des Militärs so prompt wie in Grenchen mit Blei geantwortet worden wäre, hätten wir als Ergebnis des Landesstreiks in der Schweiz herum nicht ein halbes Dutzend, sondern einige Tausend Tote zu verzeichnen. Und wenn das französische Schimpfwort auch wirklich gefallen ist, so muss gesagt werden, dass sich die Volksbewegung der letzten Tage unter anderm auch gegen jenen undemokratischen Geist in der Armee richtete, der meint, die verletzte Ehre eines Offiziers mit drei geopferten Menschenleben wiederherstellen zu müssen. Dieser Punkt ist es vor allem, der eine Untersuchung heischt und dessen restlose Klarstellung zur Beruhigung unserer Bevölkerung unbedingt nötig ist. Wie sie aber auch ausfallen wird, sie wird dem jungen Mann das Leben und den Eltern den guten Sohn nicht zurückgeben, darum ist die Teilnahme mit seinem tragischen Geschick so allgemein und tief.

Ernst Hubacher
Pfarrer Ernst Hubacher
Bild aus: Berner Schulblatt v. 29.6.1963, S. 246

Pfarrer Hubachers Mut und Zivilcourage sollen uns ein Vorbild sein. Er war es auch, der noch am Abend des 14. November 1918 im Hotel Löwen Major Pelet aufsuchte und ihn mit den Worten begrüsste: "Monsieur, vous n'auriez pas du faire cela" (das hätten Sie nicht tun dürfen!). Worauf Pelet dem Pfarrer die Tür wies.


Zur Person Hubachers

Hubacher wurde am 7. August 1888 in Biel geboren, durchlief dort die Schulen bis zur Maturität. Er studierte Theologie in Genf, Bern, Heidelberg, Berlin und Zürich. Seine erste Pfarrstelle trat er 1912 in Grenchen an, wo er mit den sozialen Kämpfen dieser Zeit hart konfrontiert wurde und sich vehement für die Benachteiligten einsetzte. Nach dem Generalstreik trat Pfarrer Ernst Hubacher 1919 der Sozialdemokratischen Partei bei. Dieser Entschluss brauchte in jenen Jahren für einen Mann seines Berufsstandes etlichen Mut. Hubacher sympathisierte mit der religiös-sozialistischen Bewegung rund um Leonhard Ragaz, dessen Schüler er war. Walter Lüthi schreibt im Nachruf auf Hubacher: "Angeregt durch Leonhard Ragaz, gehörte er zu denen, die früher als die meisten Zeitgenossen die Verpflichtung der christlichen Kirche dem damaligen Industrieproletariat gegenüber erkannten." In den Jahren 1916/17 gründete Hubacher die "Literarische Gesellschaft Grenchen". Es gelang ihm, Autoren wie Hermann Hesse und Jakob Bosshart für Lesungen nach Grenchen einzuladen. Ebenfalls im Jahre 1916 fand die Heirat mit Marie-Louise Tscherter aus Biel statt. 1918 erregte die Grabrede für Hermann Lanz grosses Aufsehen. Als reformierter Pfarrer amtete er von 1912 – 1922 in Grenchen.

Im Jahre 1922 wurde er, portiert von der sozialdemokratischen Richtung, ehrenvoll als Pfarrer an die Friedenskirche in Bern gewählt. Hubacher entfaltete eine reiche schriftstellerische Tätigkeit im Bereich Kirche, Kunst und Literatur. Er war sehr erfolgreich aktiv in der Jugendarbeit (Jugendgruppe PAX) wie auch als Religionslehrer. 1952 trat Hubacher in den Ruhestand, war jedoch weiter seiner Schriftstellerei verpflichtet. Während Jahren stellte er sich der Arbeiterbildungszentrale als Referent zur Verfügung. Pfarrer Hubacher litt an einer Augenkrankheit, die schliesslich zur Erblindung führte. Hubacher starb unerwartet am 1. Mai 1963, am Tag der Arbeit, im Alter von 75 Jahren.

Der bekannte Schweizer Bildhauer Hermann Hubacher (1885-1976) war Ernst Hubachers Bruder.

Quellen:
  • Blaser, Rolf: Grenchen im Generalstreik 1918. Historisches Seminar der Univ. Bern, Proseminararbeit bei Prof. H. von Greyerz, ca. 1969.
  • Neue Freie Zeitung vom 20. November 1918
  • Keller, Willy, O.E. Strassser und Alfred Wirz: Friedenskirchgemeinde Bern. Chronik. 3 Bde. Bern, ca. 1953 - 1984. (Typoskript)
  • Keller, Willy: Bibliographie Ernst Hubacher, 1888-1963. - Bern, 1973. [Erscheint zum 10. Todestag am 1. Mai 1973]
  • Küffer, Georg: Ernst Hubacher [Nachruf]. Berner Schulblatt v. 29. Juni 1963. - Bern, 1963. S. 246-247.
  • Lüthi, Walter: Ernst Hubacher. Mensch, Prediger, Seelsorger. [Nachruf]. 'Der Bund' vom 5. Mai 1963, Sonntagsausgabe.
  • Berner Tagwacht vom 3. Mai 1963 [Nachruf Hubacher]

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    A. Fasnacht 10/2001