Landesstreik / Generalstreik 1918
Ein Meilenstein auf dem Weg zu unserer Gesellschaft
Der Generalstreik vor 80 Jahren
Ein Meilenstein auf dem Weg zu unserer Gesellschaft
Artikel für eine Personalzeitschrift EMD/VBS von Beat Jufer
Uneinigkeit in der Europafrage, Röstigraben und soziales Auseinandertriften: Fehlt unserem Land der Zusammenhalt, um die anstehenden Probleme zu lösen? Die Schweiz hat jedoch bereits einige Zerreissproben überstanden. Eine der prägendsten in unserem Jahrhundert war der Generalstreik. Ein Konflikt zwischen Arbeiter- und Bürgertum, Stadt und Land, Deutsch- und Welschschweiz.
Die Ereignisse im Herbst 1918 waren die Folgen einer langen Entwicklung. Der Anstoss, diese anhand der spärlichen Quellen näher auszuleuchten, gaben mir die Erzählungen meines Grossvaters, der als Unteroffizier Augenzeuge der Tragödie in Grenchen wurde. Versetzen wir uns zuerst in jene Zeit: Der 1. Weltkrieg ist zu Ende. Die zum Teil offene Parteinahme der Romands für die Franzosen und der Deutschschweizer für die Deutschen erschüttert die junge Nation immer noch. Vier Jahre lang litt die Schweiz an Rohstoffmangel, an der serbelnden Wirtschaft und den häufigen Militärdiensten der Ernährer. Weil eine griffige Preiskontrolle, ein funktionierendes Rationierungssystem und ein Lohnersatz für die Wehrmänner fehlten, sind breite Bevölkerungskreise in tiefer Not. Nicht verwunderlich, dass die Revolution in Russland und die Umsturzversuche in Deutschland bei der besonders ausgezehrten Arbeiterschaft Signalwirkung zeigen. Auch die Agitation Lenins, der einige Jahre in der Schweiz Asyl genoss, trägt Früchte.
Ringen um Solidarität
Die geplante Einführung einer Arbeitspflicht zur Urbanisierung brachte das Fass zum überlaufen. Sozialdemokraten und Gewerkschafter schlossen sich im Februar 1918 zu einem Aktionskomitee zusammen, um den Regierenden die Stirn zu bieten. Zum Entsetzen der Stadtväter wurde dieser Ausschuss nach seinem ersten Tagungsort benannt: Oltener Komitee. Die Führung übernahm der Berner Nationalrat Robert Grimm. Nebst gemässigten Kräften gehörten dem Komitee auch einige Revolutionäre unter der Wortführung des Zürcher SP-Nationalrates Fritz Platten an. Er galt als Vertrauter Lenins und emigrierte übrigens später in die Sowjetunion, wo er unter Stalin in Ungnade fiel und in einem Gulag umkam. Die Bereitschaft zu Kampfmassnahmen war sehr unterschiedlich. Während die Zürcher Arbeiterunion eine noch radikalere Gangart forderte, folgten die Eisenbahner, Grütlivereine und christlichen Gewerkschaften nur halbherzig. Die Romands verweigerten die Gefolgschaft fast gänzlich; sie vermuteten den Erzfeind Deutschland hinter den Aktivitäten. Im Forderungskatalog fanden sich Anliegen, die von Verbesserungen in der Lebensmittelversorgung, Proporz-Nationalratswahlen, Frauenstimmrecht und 48-Stunden-Woche bis zur Altersversicherung reichten. Viele Dinge, die wir heute für selbstverständlich halten.
111'000 Mann gegen 250'000 Streikende
Der Generalstreik lief in drei, eng miteinander verknüpften Phasen ab: Dem Proteststreik vom 9. November, dem Zürcher Generalstreik vom 10. und 11. November, und schliesslich dem Landes-Generalstreik vom 11. bis 14. November. Da der Streik als Beginn einer Revolution gesehen wurde, war auf der Gegenseite keine Gesprächsbereitschaft vorhanden. Seitens der Bauern und der Bürgerlichen wurden Stimmen gegen den zaudernden Bundesrat laut. Auch die Armeeführung drängte die Behörden zum energischen Durchgreifen. Mit Geschick wurde ein Drittel der Armee zum Ordnungsdienst ausgewählt: Praktisch die gesamte Kavallerie, in deren Reihen sich kaum Arbeiter fanden, Truppen aus ländlichen Regionen und der Westschweiz. Einzig bei den neugebildeten Mitrailleur-Kompanien zeigten sich Loyalitäts-Probleme: Hierzu wurden junge Leute aus mechanischen Berufen umgeschult, die grösstenteils gewerkschaftlich organisiert waren. Die zu dieser Zeit grassierende Grippewelle erschwerte den Entscheid zum Aufgebot und raffte einige hundert Soldaten dahin. Das Kavalleriedenkmal auf der "Lueg" zeugt heute noch davon. In 19 Städten gingen die Arbeiter auf die Strasse. Zeitungen erschienen nur noch mit Unterstützung der Armee. Die Bahnen verkehrten unter Militärschutz. Zur Unterbindung der ideologischen Beeinflussung wurde die Sowjet-Botschaft ausgewiesen.
Streikabbruch oder Revolution
Die Truppen in Zürich standen unter dem Kommando des Hardliners Divisionär Sonderegger. Nach dem ein Füsilier bei der Auflösung einer Demonstration aus der Menge heraus erschossen wurde, erliess er den Befehl, nötigenfalls Handgranaten einzusetzen. Der "Nationale Block" begann sogar mit der Bildung einer Bürgerwehr. In Bern lief der Streik nach Bernerart ab: Eine besonnene Arbeiterschaft stand den Truppen des weitsichtigen Korpskommandanten Wildbolz gegenüber. Auch in den meisten anderen Städten behielt die Vernunft Oberhand. Am 13. November fand eine ausserordentliche Bundesversammlung statt. Der Bundesrat wurde beauftragt, dem Oltener Komitee ein Ultimatum zum Streikabbruch zu stellen. Diesem war klar, dass es nun beigeben oder den Kampf um die Macht im Staat einleiten musste. Um den drohenden Bürgerkrieg zu verhindern, entschloss sich die Mehrheit für ersteres. Das Angebot der USA, Frankreichs und Grossbritanniens, der Schweizer Regierung Truppen zu entsenden, wenn die Lage ausser Kontrolle geraten sollte, mag den Entscheid beeinflusst haben. Kurz nach der Kapitulation erreichte die Gewalt aber erst ihren Höhepunkt: In Grenchen besetzten Demonstranten provokativ die Durchgangsstrassen. Ein Berner Guide-Schwadron und ein Waadtländer Füsilier-Bataillon wurden zur Räumung entsandt. Als dies nicht gelang, wurde das Feuer eröffnet. Eine Salve genügte und kostete drei Uhrenarbeitern das Leben.
Spuren in unsere Zeit
Die Streikführer hatten sich vor dem Divisionsgericht III zu verantworten. Um den keimenden Frieden nicht zu gefährden, fielen die Urteile recht milde aus. In den Folgejahren kam es noch zu einigen kleineren Konfrontationen, die aber ohne Eskalationen beigelegt wurden. Der Streik hat den Arbeitern zwar keine unmittelbare Besserstellung verschafft. Spätere Fortschritte in der Arbeits- und Sozialgesetzgebung sind aber eindeutig auf die Kraftprobe von 1918 zurückzuführen. Als wahrer Verlierer ging die Armee aus dem Streik hervor. Bis in unsere Tage boten die Ereignisse von 1918 immer wieder Anlass, das Militär als "Instrument der herrschenden Klasse" darzustellen. Ein weiterer Grund dazu war der Einsatz von 1932 gegen Demonstranten in Genf. Doch das ist eine weitere Geschichte.
Auch im Generalstreik gelang es im letzten Moment, im Interesse des ganzen Landes die Vernunft walten zu lassen, bevor die Entwicklungen aus dem Ruder liefen. Hoffen wir, diese Gabe begleite die Schweiz noch lange!
Quellen:
Willi Gautschi: Der Landesstreik 1918
Paul Schmid / SGB: Die Wahrheit über den Generalstreik von 1918
Heer + Haus: Die Schweizer Armee im Ordnungsdienst 1856-1970
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A. Fasnacht 10/2000