Zeugeneinvernahme Henri Pelet
Architekt in Lausanne
Major Füs. Bat. 6, 14. November 1918
Bundesarchiv Bern: MJ 1919, 98/ 142
Gestern war das Bat. 6 in Biel angekommen. Da bekam es Befehl vom Regimentskommandanten sich bereit zu halten zum Abmarsch mit 19 Lastauto nach Solothurn. Mit der gleichzeitigen Weisung unterwegs in Grenchen einen Zug zurück zu lassen zur Bewachung des Elektrizitätswerkes. Um 4.30 Uhr marschierte das Bat. von Biel ab.
Bevor wir Mett verliessen, habe ich dem Lt. Bettex mitgeteilt, dass er mit seinem Zug in Grenchen zu bleiben, sich dort beim Platzkommandanten anzumelden und zu fragen habe, was seine Aufgabe sei. Der Zug des Lt. Bettex wurde in die beiden hintersten Autos der Kolonne verladen. Eines dieser Auto ist aus Versehen bis nach Solothurn gefahren; von dort wurden die Leute sofort nach Grenchen dirigiert. Das andere Auto war befehlsgemäss in Grenchen geblieben.
Heute 12 M. fragte mich der Platzkommandant, Herr Oberst Hirt, in Solothurn telephonisch an, welche Befehle ich meinem in Grenchen gelassenen Zugführer gegeben habe, er scheine nicht recht orientiert zu sein, es sei in Grenchen kein Platzkommandant, ich soll sofort mit seinem Automobil nach Grenchen fahren, wo grosse Unruhe herrsche, und soll dort die Ordnung aufrecht halten; er fügte noch bei, es werden noch andere Truppen nach Grenchen geschickt werden, der Brig. Kdt. 2, Herr Oberst de Meuron, werde das Platzkommando übernehmen. Kurz darauf kam ein Automobil mit einem Korporal Michel, der mir im Auftrag von Oberst Hirt den am Abend vorher schon erhaltenen Befehl, dass wir mit Ruhe aber energisch handeln sollen, in Erinnerung rief. Ich fuhr sofort ab. Bereits im letzten Dorf vor Grenchen wurde ich durch einen Bürger aufgehalten, der mir mitteilte, die Lage in Grenchen sei ernst, ich solle mich beeilen. Ich kam etwa um 1 Uhr A. in Grenchen an und begab mich zum Nordbahnhof, wo sich mein Zug befand. Dort angekommen erklärte mir der Lt. Bettex die Lage, wie sie in meinem Rapport von heute geschildert ist.
Der Bahnhofplatz war mit ca. 100 150 Manifestanten vesetzt, die Soldaten befanden sich vor dem Gebäude und waren im Begriffe die Suppe zu essen. Ich sagte zu meinen Leuten, dass ich laut Befehl des Platzkommandanten von Solothurn hier die Ordnung aufrecht zu halten habe, dass wir unsere Pflicht nicht leicht nehmen, sie aber gewissenhaft erfüllen werden. Ich erklärte, dass jegliche Ansammlungen und Umzüge verboten sind und nicht geduldet werden, ich befahl den Bürgern den Platz frei zu geben, ebenso die Zufahrtswege und die Geleise der Station. Diese Befehle wurden von meinem Adjudanten Oblt. Ruedi, der sehr gut deutsch spricht, langsam und deutlich verschiedene Male nach den verschiedenen Richtungen des Platzes auf deutsch wiederholt.
Hierauf entfernte sich ein kleiner Teil der Bürger. Aus denjenigen die zurück blieben, fielen von allen Seiten Rufe in französischer Sprache an die Truppe: "vous ne marcherez pas, crosse en l'air, vous ne tirerez pas" und ähnliche Rufe.
Darauf erwiderte ich französisch, an die, die gerufen hatten, gerichtet: "Nous ne venons pas ici de coeur gai, mais mes hommes feront leur devoir." Meine Leute riefen darauf Hurra. Hierauf entfernten sich wieder einige der Bürger. Hierauf befahl ich meinem Zug, der inzwischen in Linie vor dem Stationsgebäude aufgestellt hatte, den Platz zu räumen, und dazu verwendete ich die beiden Flügelgruppen. Der rechte Flügel stiess auf Widerstand, meine Leute mussten sich mit den Fäusten und mit Kolben Platz machen; immerhin gelang es nach und nach die Leute zurück zu drängen. Aus der Menge fielen Rufe an die Soldaten, um sie von ihrer Pflicht abzuhalten. Einige riefen, sie hätten auch noch Munition zu Hause. Darauf befahl ich der Flügelgruppe: "Pour tirer armes!". Hierauf machten meine Leute schussbereit und rückten mit gefälltem Gewehr vor. Das wirkte. Als ich sah, dass die Leute ca. 10 m zurück wichen, befahl ich den Soldaten das Gewehr zu sichern. In diesem Augenblick kam eine Kavallerie-Schwadron vom Dorf gegen den Bahnhof, um den Ordnungsdienst aufzunehmen. Ich nahm nun meinen Zug zusammen, um im Dorf Ansammlungen zu verhindern. Wir marschierten zuerst zur Brücke über der Eisenbahnlinie, wo eine grosse Menge beisammen war. Mein Zug teilte sich nun in zwei Hälften, ich ging mit der einen gegen die Brücke, während Lt. Bettex mit der anderen Hälfte die Eisenbahnlinie entlang ging. Bei dieser Gruppe fielen dann die ersten Schüsse, den Hergang habe ich aber selber nicht gesehen, denn ich vertrieb unterdessen mit meiner Hälfte die Leute von der Brücke. Nun kam eine Ordonnanz von Lt. Bettex, um mir mitzuteilen, dass der Leutnant habe schiessen lassen müssen und die Truppe sich bei der Bahnunterführung befinde. Ich begab mich mit meinen Leuten sofort dorthin, Lt. Bettex teilte mir mit, dass er auf Widerstand gestossen und habe schiessen müssen, zwei Civilisten seien gefallen. Ich marschierte darauf mit dem ganzen Zug gegen das Dorf hinunter, wo grosse Menschenansammlungen waren.
Während des ganzen Weges vom Bahnhof bis zur Stelle wo ich schiessen liess, habe ich die Menge aufgefordert sich zu zerstreuen, zu zirkulieren und Platz zu machen. Am Kreuzweg im Dorf habe ich, wie es im Rapport angegeben ist, Trompetensignale geben lassen. Ueberall leisteten die Leute meiner Aufforderung Folge. Einzig vor dem Kaffee an der Solothurnstrasse wollten die Leute nicht weichen. Trotzdem ich den Bürgern befahl (auf Deutsch): "Trottoir freigeben, Platz, bitte zurück," was ich auf dem ganzen Weg wiederholt habe, erhielt ich zur Antwort (französisch): "A bas l'armée, vive les Bolchevikis;" dabei wurden mir Fäuste entgegen gestreckt.
Um die Leute zu vertreiben, befahl ich meinen drei Mann: "Pour tirer armes," was sofort befolgt wurde; ich wollte mit diesem Befehl die Leute zurückschrecken, was mir auf dem ganzen Weg mit dem gleichen Mittel gelungen war. Da dieses Mittel hier versagte, befahl ich "Feu," worauf die drei Mann anlegten, vielleicht einige Sekunden warteten, und einen Schuss abgaben, d.h. es schossen nur zwei Mann, der dritte schoss nicht, warum weiss ich nicht.
Ich glaube, dass ich im Recht war zu schiessen, oder besser gesagt, ich bin überzeugt, dass ich recht getan habe. Einen Schuss in die Luft abzugeben hielt ich nicht für zweckmässig, einmal weil dadurch Unschuldige, z.B. Leute in den Fenstern gefährdet werden, und sodann weil das Schiessen in die Luft den Eindruck gemacht hätte, dass wir Angst haben.
Ein Mann fiel sofort, zwei andere machten noch einige Schritte und fielen ebenfalls. Der nächste der Gefallenen befand sich etwa drei Meter von mir, die beiden anderen etwa vier Meter. Ich besah sie nicht näher, hatte aber den Eindruck, dass alle drei tot waren.
Anmerkung A. Fasnacht:
Interpunktion und Orthografie habe ich beibehalten
Den Text verdanke ich Herrn Rolf Blaser, er recherchierte für seine Proseminararbeit im Bundesarchiv
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A. Fasnacht 08/2001