Arbeiterbewegung und Landesstreik 1918







Proseminar-Referat von Simon Muff
bei Frau Dr. C. Bosshart
Universität Freiburg i.Ue.

E-Mail an Simon Muff






WS 2001/2002







1. Einleitung


1.1 Wieso referiere ich über den Landesstreik? Was will ich zeigen?

Die Arbeiterbewegung hat mich schon immer fasziniert, dieser Kampf gegen die Ungerechtigkeit, für mehr Lohn und bessere Arbeitsbedingungen. Was führte zu solch mutigen Taten, bei denen sich viele Leute selbstlos und voller Enthusiasmus und Idealismus in ein Schlachtfeld stürzten, das keinen (leichten) Erfolg garantierte, am Ende gar noch tote Kollegen und den Spott der bürgerlichen Parteien zur Folge hatte? Spannend ist auch zu sehen, wie der entstehende Kommunismus ein Produkt der radikalen Arbeiterbewegung ist. Klar, er ist gescheitert und wird wohl mit uns Menschen nie funktionieren, doch ich glaube, wenn ich 80 Jahre früher gelebt hätte, wäre ich auch Kommunist gewesen. Denn die Anliegen der Arbeiter kann ich sehr wohl nachvollziehen, was auch die Motivation für das hier vorliegende Referat erklärt.

Ich möchte in meinen Ausführungen zeigen, was der Landesstreik überhaupt bewirkt hat, ob er eben eine Revolution oder nur ein Sturm im Wasserglas war. Dazu möchte ich über die Entstehung der Arbeiterbewegung, deren wichtigste Köpfe und über den Verlauf sprechen, um am Ende eine Beurteilung der Folgen, Gewinne und Niederlagen machen zu können.


1.2 In welcher Zeit befinden wir uns?

Um das Entstehen einer so grossen Aktion wie dem Landesstreik von 1918 verstehen zu können, ist es unbedingt notwendig, die Augen auf das Geschehen in Europa und der Schweiz zu richten. Eine ganz entscheidende Entwicklung brachte die Industrielle Revolution, die ungefähr ab 1840 auch in der Schweiz richtig Fuss fasste. Die vielen neuen Fabriken schufen neue Voraussetzungen in der Arbeitswelt. Die Arbeiter, die vorher als Bauern noch Kapital besessen hatten, konnten nun nur noch ihre Arbeitskraft an die Fabrikherren verkaufen - das Fabrikproletariat war geboren. In der Schweiz war es aber nicht so extrem wie in andern Ländern Europas weil es erstens kaum Ballungszentren gab (Wasserkraft), und weil viele zu Hause noch eine Ziege oder sonst ein Tier im Stall stehen hatten – sie blieben also immer noch etwas „Hobby-Bauern“.

Das einschneidende Ereignis war dann aber der 1. Weltkrieg. Er hatte eine enorme Teuerung zur Folge, bei gleichzeitigem Rückgang der Reallöhne. 1/6 der Schweizer Bevölkerung oder 700'000 Menschen waren 1918 „armengenössig“, mussten Sozialhilfe beziehen. Kam dazu, dass die Regierenden nicht in der Lage waren, dem herrschenden sozialen Elend wirksam entgegenzutreten. Arroganz und mangelndes Verständnis waren bei Behörden und Armeeführung weit verbreitet. Der Bundesrat, beeinflusst durch die Armeeführung, das verängstigte Besitzbürgertum wie auch durch den ausländischen Druck der Entente, beurteilte die Lage falsch und sah in der Arbeiterbewegung der Schweiz ein umstürzlerisches Potential, das gebändigt werden musste, wenn nötig mir Gewalt.
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So schrieb der Sprecher des Generalstabs:
“In verschiedenen Blättern dieses Monats [...] ist die Notiz erschienen, der Bundesrat habe für den Fall des Generalstreiks das Aufgebot der ganzen Armee vorgesehen. Die Nachricht ist unseres Wissens weder berichtigt noch abgeleugnet worden. [...] Einen festen Auftrag hat die Armee bisher nicht erhalten, im Hinblick auf den Landesstreik und was damit zusammenhängt, bestimmte Vorbereitungen zu treffen. Soll sie aber in den Stand gesetzt werden, einem Auftrage zur Sicherung oder Wiederherstellung der öffentlichen Ordnung mit Aussicht auf Erfolg nachzukommen, so sind Schutzmassnahmen und Vorbereitungen von mancherlei Art unerlässlich [...]. Wir halten uns für verpflichtet, den hohen Bundesrat ausdrücklich hierauf aufmerksam zu machen und ihn zu ersuchen, dem Armeekommando seine Willensmeinung baldmöglichst und in bestimmter Weise kundtun zu wollen.“
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Weiter ist es wichtig zu wissen, dass in der Schweiz zwischen 1900 und 1914 rund 125 Streiks pro Jahr gezählt wurden.
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Auch die russische Oktoberrevolution von 1917 trug zur Verunsicherung der Behörden bei. Lenin, der führende Kopf der Revolution hielt sich bis am 9. April 1917 noch in der Schweiz auf und war in der Linken Szene der Schweiz aktiv. Als nun die Schweizer Arbeiter den Jahrestag der russischen Revolution feiern wollten, läuteten beim Bundesrat und der Armee die Alarmglocken.

Zusammenfassend können die Probleme der Arbeiterschaft und die Angst der Behörden vor einer Revolution und auch deren Arroganz den Arbeitermissständen gegenüber als ausreichender Nährboden für den Generalstreik angesehen werden.


2. Die Arbeiterbewegung in der Schweiz


2.1 Entstehung und Entwicklung

Die Anfänge der Schweizer Arbeiterbewegung sind schwer, weil noch zu wenig erforscht zu bestimmen. Tatsache ist, dass nach der Aufhebung der Zünfte sich viele kleine Arbeitervereine bildeten, die aber oft nicht lange Bestand hatten. Die erste dauerhafte Organisation wurde 1838 in Genf gegründet: der Grütliverein. Sein erklärtes Ziel war die Geselligkeit, die gegenseitige Hilfe mittels Unterstützungskassen und den sozialen Aufstieg durch Bildung. Um 1850 schafften dann auch erste Vertreter der Arbeiterorganisationen den Sprung in Kantonsparlamente. Um 1870 kann zumindest mitgliedermässig ein erster Höhepunkt der Arbeiterbewegung festgestellt werden. 1877 dann der erste grosse politische Erfolg mit dem neuen Fabrikgesetz, welches Kinderarbeit verbot, die Arbeitszeit verkürzte und Frauen in der Schwangerschaft mehr Rechte einräumte. Einen grossen Verdienst daran hatte der (Alte) Schweizerische Arbeiterbund, der von 1873-1880 existierte. Auch die Arbeiterzeitung „Tagwacht“ entstand in dieser Zeit. 1880 war es, als der Schweizerische Gewerkschaftsbund (SGB) ins Leben gerufen wurde. 1921 entstand aus einem Zusammenschluss von mehreren katholischen Organisationen der Christlichnationale Gewerkschaftsbund der Schweiz (CNG). Die Sozialdemokratische Partei (SP) wurde 1888 nach einem missglückten Versuch Ende der 1870er Jahre gegründet und eroberte 1890 den ersten Sitz im Nationalrat.

Interessant ist, dass ab Mitte der 1880er Jahre viele Arbeiterkonflikte gezählt wurden. Zwischen 1880 und 1914 sind rund 2'416 Streiks verzeichnet, davon mussten 40 mit Militäreinsatz bekämpft werden.


2.2 Die Köpfe der Arbeiterbewegung

An dieser Stelle will ich drei Personen aus der Schweizerischen Arbeiterbewegung speziell hervorheben. Es sind dies Robert Grimm, Rosa Bloch-Bollag und Ernst Nobs. Grimm war der Führer der Arbeiter schlechthin und als Präsident des Oltener Aktionskomitee (OAK) massgeblich an den Geschehnissen beteiligt. Rosa Bloch-Bollag war für die Frauenbewegung eine sehr wichtige und engagierte Kämpferin und schliesslich Ernst Nobs, der es 1943 als erster Sozialdemokrat in den Bundesrat schaffte. Ich denke, diese drei Personen sind es wert, genauer betrachtet zu werden.


2.2.1 Robert Grimm (1881-1958)

Der Berner Robert Grimm spielte eine ganz entscheidende Rolle für den Kampf der Arbeiter in der Schweiz. Er war es nämlich, der am 4. Februar das Oltener Aktionskomitee (OAK) gründete, welches innerhalb von kürzester Zeit zur Exekutive der Arbeiterschaft aufstieg, dies nicht zuletzt wegen dem energischen, redegewandten und autoritären Präsidenten Grimm. Zur Zeit als Lenin in der Schweiz war, fochten die beiden manch verbales Gefecht miteinander. Grimm hatte bezüglich der Arbeiterbewegung eine gemässigtere Haltung als sein russischer Kollege. Dieser forderte die Revolution mit einem Umsturz der staatlichen Ordnung. Grimm hingegen ging nie soweit, sondern sah den Kampf der Arbeiter "als dialektischen Prozess zwischen politischem Massenstreik und gewerkschaftlicher Verhandlungstaktik".
4 Als mehr oder weniger direkte Folge der Meinungsverschiedenheit kann der Umzug von Lenin nach Zürich gesehen werden, weil Grimm in Bern viele Anhänger hatte. Lenin fand in Zürich dann die gesuchten radikaleren Genossen.

Gerne hätte Grimm im internationalen Arbeiterkampf Karriere gemacht, vertat sich aber in der so genannten Hofmann-Grimm-Affäre. Als er 1917 in Russland weilte, wurde er von Bundesrat Hofmann aufgefordert, bei den Russen herauszufinden, unter welchen Umständen sie zu einem Frieden mit Deutschland bereit wären. Neutrale Schweizer Politiker wollten hier quasi einen aussenpolitischen Coup landen. Dieser Auftrag flog aber durch eine Indiskretion auf. Das hatte zur Folge , dass Hofmann als Bundesrat auf der Stelle zurücktreten musste, gleichzeitig verlor Grimm viel Ansehen, vor allem in der Westschweiz und er musste seine internationale Karriere begraben. Umso heftiger meldete er sich dann im Schweizer Geschehen zurück.

Er war von allem Anfang an von der Idee eines Massenstreiks überzeugt und sagte an einem Vortrag 1906:
"Die Arbeiterklasse bildet die Grundlage für die heutige Gesellschaft, deren ganzes Gebäude auf ihren Schultern ruht. Ohne den emsigen Fleiss der Arbeiterschaft könnte die Bourgeoisie nicht bestehen. Wie nun, wenn sich die Arbeiterschaft weigerte, diesen sozialen Körperbau für alle Zeiten zusammenzuhalten, wenn sie im Moment, wo ihre Feinde am brutalsten sie bedrücken, eine Unordnung in das ganze Wirtschaftswesen hineinbringt, indem sie die Arbeit niederlegt und ihre Gegner dadurch in Verwirrung bringt? [...]"
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Grimm war also genau der Richtige für die Schweizer Arbeiterbewegung. Er war energisch, unglaublich motiviert und mit viel Idealismus ausgestattet, zudem auch Nationalrat (1911-1955) und Redaktor der Berner Zeitung "Tagwacht", so konnte er die Anliegen der Arbeiter auch auf höchster Ebene vertreten.


2.2.2 Rosa Bloch-Bollag (1880-1922)

"Und bei jedem Parteianlass, bei Sturm und Regen, bei Hitze und Kälte, ohne Hut, mit ihrem vollen, schönen Haare, ein Bündel Zeitschriften, Karten oder Sowjetfähnchen unter dem Arm, zog sie hinaus auf die Strasse, oder in die Versammlung, emsig kolportierend und kämpfend. Keine Gelegenheit liess sie vorübergehen, den Frauen zur Gleichberechtigung und Gleichstellung mit den männlichen Parteimitgliedern zu verhelfen, kein Amt, das einer Genossin offen stand, durfte unbesetzt bleiben, und wo die Türe sich verschloss, da hämmerte sie so lange und ausdauernd, bis sie sich auftat und sie stolz und glücklich neben Genossen auch einer Genossin Platz hatte verschaffen können."
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Dieses Zitat von Mentona Moser zeigt die Persönlichkeit von Rosa Bloch-Bollag sehr gut. Engagiert und ohne Furcht setzte sie sich für die Anliegen der Frauen ein. Sie wurde im Februar 1918 ins OAK gewählt, war gleichzeitig aber auch noch in der Geschäftsleitung der SPS tätig. Ihr ist es wohl zu verdanken, dass die Einführung des Frauenstimmrechts an zweiter Stelle der Forderungen des OAK stand. Seit 1917 war sie auch Präsidentin der Frauenagitationskommission und sie verschaffte sich im Juli 1918 auch energisch Zutritt zum Zürcher Kantonsparlament. Die Verfassung des Kantons Zürich räumte nämlich allen Bürgern das Recht ein, ihre Anliegen direkt vor dem Parlament vorzubringen. Nur war bis anhin noch nie eine Frau auf diese Idee gekommen. Nach hartnäckigem Beharren wurde ihr schliesslich Eintritt gewährt:
"Die Tribüne war überfüllt. Studenten, Damen, hauptsächlich aber Arbeiterinnen und Arbeiter waren dort. Rat und Tribüne hörten mit gespannter Aufmerksamkeit den drei Rednerinnen zu. Manch zustimmendes Nicken, unter den Studenten manches Erstaunen ob der Gewandtheit und Sicherheit unserer Genossinnen. [...]"
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Persönlich war Rosa Bloch-Bollag skeptisch gegen den Generalstreik eingestellt:
"Man hat in Bezug auf den Generalstreik zu viel gesagt und ist zu weit gegangen. Einen revolutionären Generalstreik wollen wir nicht, nur den befristeten Generalstreik für zwei bis drei Tage. Wird er an möglichst vielen Orten durchgeführt, werden die Repressalien nicht gross sein. Die Arbeiter müssen über den Streik aufgeklärt werden. Der Generalstreik um gewisse Forderungen führt nur zum Ziele, wenn er in grösster Ruhe durchgeführt wird. Hätten wir mit der Propaganda beim Militär vor einigen Jahren begonnen, stünde es besser; jetzt ist es zu spät. Die Situation in Partei und Gewerkschaftsbund ist einem Generalstreik nicht günstig."
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Rosa Bloch-Bollag trat 1920 zur neu gegründeten Kommunistischen Partei über und starb 1922 an der Folge einer eigentlich einfachen Operation.


2.2.3 Ernst Nobs (1886-1957)

Er zählte zum engeren Kreis der Zimmerwalder-Linken, schaffte es aber, eine eigenständige Haltung zu bewahren.
"Komisch war die Figur des linken Opportunisten Nobs, der nicht wusste, wie er dem wilden Russen entwischen sollte; aber die Gestalt Iljitschs [Lenins], der Nobs krampfhaft am Mantelknopf festhielt und ihn durch seine Propaganda überzeugen wollte, erschien mir tragisch...Einen Nobs durch Propaganda überzeugen zu wollen, hiess das nicht auch auf Gitterstangen stossen?"
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So wurde Nobs von Krupskaja geschildert. Seit 1915 war Nobs Redaktor bei der linken Zürcher Zeitung "Volksrecht" und er war auch Mitglied der Geschäftsleitung der SPS. Als dieses sagte er zum eigenmächtigen Vorgehen Grimms im OAK:
"Die Kompetenz des Aktionskomitees besteht darin, dass es über die bekannten fünf Forderungen zu beraten und an Partei und Gewerkschaft Anträge zu stellen hat. Eine Nebenregierung wollen wir nicht...ein Vorgehen wie das geschilderte können wir nie anerkennen...Ich bin mit Gschwend einig, dass wir Verwahrung einlegen gegen das Vorgehen des Aktionskomitees, das sich wie ein Exekutivausschuss der Partei und des Gewerkschaftsbundes geriert."
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Wie wir bereits wissen, hatten diese Worte keine Wirkung. (siehe 3.1 Das Oltener Aktionskomitee) Interessant ist, dass Nobs mit seinem Stichentscheid den Ausschlag gab die heikle Stelle "Schon rötet die nahende Revolution den Himmel über Zentraleuropa. Der erlösende Brand wird das ganze morsche, blutdurchtränkte Gebäude der kapitalistischen Welt erfassen."
11 im Flugblatt für die Jahresfeier der Russischen Revolution zu belassen. Diese Äusserung war vermutlich mitverantwortlich, dass bürgerliche und militärische Kreise in ihrer Annahme, dass sich auch in der Schweiz eine Revolution abzeichne bestärkt wurden und Truppen aufgeboten wurden, was dann wiederum die Arbeiterschaft provozierte. Für Nobs war es klar, dass ein Landesstreik in einem disziplinierten und geordneten Rahmen verlaufen musste, wollte man einen blutigen Zusammenstoss mit den Ordnungskräften vermeiden. Deshalb erklärte er, die Parole für den Streik müsse "Hände im Sack und Ruhe und Disziplin" 12 sein.
Nur durch die gemässigtere Haltung der Sozialdemokraten in der Zwischenkriegszeit kann der Umstand erklärt werden, dass ein "Mitarbeiter" des Landesstreiks 1943 als erster Sozialdemokrat in den Bundesrat gewählt wurde.


3. Der Landesstreik 1918


3.1 Das Oltener Aktionskomitee (OAK)

Das Oltener Aktionskomitee wurde am 4. Februar von Robert Grimm ins Leben gerufen. Der eigentliche Anlass dazu war die Absicht des Bundesrates, welcher zur Steigerung der Produktion das Recht erhalten wollte, alle 14 bis 60jährigen Schweizer zu einem zivilen Hilfsdienst von maximal vier Wochen aufbieten zu können. Obwohl das Komitee den Ort Olten im Namen trägt, tagte das Komitee meistens in Bern, selten in Olten und nur einmal in Basel.
13 Olten war aber der Gründungsort und blieb in der späteren Namengebung bestehen. Ursprünglich war es vorgesehen, dass das OAK eine Brückenfunktion zwischen Gewerkschaft und Partei hat und Anträge nur vorbereitend behandelt. Schnell aber stellte sich heraus, dass Grimm mehr wollte und eigentlich von Anfang an im Sinn gehabt hatte. Denn nach der Hofmann-Grimm-Affäre beschränkte er sein Wirken in konzentrierter Form auf die Schweiz.
"Es spricht aber für die Zähigkeit und die geistige Wendigkeit des Politikers - aber auch für dessen Unentbehrlichkeit innerhalb der Arbeiterbewegung -, dass er kaum ein halbes Jahr später mit Hilfe eines neugeschaffenen Komitees eine dominierende Position innerhalb der Partei zurückgewann."
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Parteipräsident Gschwend äusserte sich nach der Einladung des Komitees zu einer Sitzung, in welcher der vom Komitee, ohne Wissen der Parteileitung ausgearbeitete Aktionsplan vorgelegt werden sollte:
"Das Aktionskomitee, das nur ein vorbereitendes Organ von Partei und Gewerkschaftsbund ist, verbietet es, uns die notwendigsten Mitteilungen zu machen. Das ist eine Beleidigung der Geschäftsleitung, und wir werden uns entschieden dagegen verwahren. Sollen wir an die Konferenz in Bern gehen? Zuerst muss Klarheit geschaffen werden. Wir machen das uns zugedachte Theaterspiel nicht mit. Wir werden dem Aktionskomitee mitteilen, dass es seine Kompetenzen überschritten hat und dass wir uns persönliche Intrigen verbitten [sic!]."
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Was hier noch an Widerstand zu spüren ist, war schon bald nutzlos geworden, denn unter der Führung von Grimm avancierte das OAK schnell zur Exekutive der Arbeiterschaft. Der Kampf um die Vormachtstellung innerhalb der Arbeiterbewegung aber war de facto entschieden. Obwohl nach wie vor die Tätigkeit des Aktionskomitees auf keinem formellen Beschluss irgendeiner zuständigen Instanz basierte, gewöhnte sich die Arbeiterschaft - und auch das Bürgertum - daran, im Oltener Komitee eine mit Vollmachten ausgestattete Exekutive zu erblicken.

3.2 Der Verlauf

"Das üblicherweise als 'Generalstreik' bezeichnete Ereignis besteht aus drei verschiedenen Phasen, die zwar eng miteinander verflochten sind, sich aber deutlich unterscheiden lassen: Einmal aus dem 24stündigen Proteststreik vom 9. November 1918, der durch das Oltener Aktionskomitee ausgelöst wurde, dann aus dem zürcherischen Generalstreik vom 10. bis 11. November, der von der Arbeiterunion ausging, und schliesslich aus dem schweizerischen Landes-Generalstreik vom 11./12. November bis 14. November 1918."
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Wie kam es nun zu diesen drei Ereignissen? Dass die Lage mit den Vorbereitungen zur Jahresfeier der russischen Oktoberrevolution und der Unzufriedenheit der Arbeiterschaft bereits gespannt war ist klar, doch es kamen noch Bombenfunde im Raum Zürich dazu, die natürlich Regierung und Armeestab in eine Achtungsstellung versetzten. Am 6. November wurden in Zürich Truppen aufgeboten, um die Aufrechterhaltung der öffentlichen Ordnung gewährleisten zu können. Am 8. November folgte dann auch in Bern ein Truppenaufgebot. Bald waren rund 110'000 Soldaten aufgeboten, was einem Drittel der ganzen Armee gleichkam.
17 Von Seiten der Arbeiterschaft wurde dieses Aufgebot als grosse Provokation empfunden. Es wurden auch Stimmen laut, die behaupteten, die Armee hätte nur auf eine Gelegenheit gewartet, nach einem zumindest militärisch ereignislosen Krieg sich noch zu präsentieren. In der Folge beschloss das OAK auf den 9. November einen Proteststreik.
"Es löste den Proteststreik aus in der Meinung, dass er als Blitzableiter nach zwei Seiten wirksam sein sollte. Auf der einen Seite wollte man der in weiten Kreisen der Arbeiterschaft erregten Stimmung Rechnung tragen, auf der andern sollte er als Demonstration eine Warnung an die Adresse des Bundesrates und des Bürgertums sein."
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Als direkte Folge des Proteststreiks wurden die Feierlichkeiten zum Jahrestag der Russischen Revolution vom 10. November vom Bundesrat verboten.
Gemäss der Weisung des OAK hätte der Proteststreik im ganzen Land in der Samstagnacht zu Ende gehen sollen. Doch am Sonntagmorgen erschien in Zürich ein Flugblatt, welches von der Zürcher Arbeiterunion gedruckt worden war. Die Union forderte eine Weiterführung des Streiks.
"Arbeiter Zürichs! Der Belagerungszustand, der in Zürich herrscht, macht den Abbruch des Streiks auf den vom schweizerischen Aktionskomitee festgesetzten Zeitpunkt für uns unmöglich. Wir führen den Kampf aus eigenen Kräften weiter und sind gewillt, solange auszuharren, bis die Truppen von Zürich zurückgezogen sind und die Arbeiter-Union Zürich die Bewegungsfreiheit besitzt, die sie in normalen Zeiten hatte."
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Folgende Punkte sollten zusätzlich erfüllt sein: "Befreiung der Stadt vom Truppenaufgebot; Wiedereinführung der Versammlungsfreiheit; Abwendung von Massregelungen der Streikenden; Freilassung der politischen Gefangenen; Anerkennung der Sowjetgesandtschaft."
20 Warum aber entschieden sich die Zürcher zu diesem Vorgehen, welches eine klare Undiszipliniertheit gegenüber dem OAK bedeutete? Um diese Frage zu klären ist es wichtig, einen Blick auf das Geschehen in Deutschland zu werfen. Am 9. November dankte dort nämlich der Kaiser ab und Arbeiter- und Soldatenräte übernahmen die Macht. Diese Tatsache wirkte sich auf die radikalen Linken in Zürich aus. Sie sahen nun die Stunde gekommen, eine bolschewistische Revolution lancieren zu können. Dieses Vorgehen brachte aber das OAK in einen enormen Zugzwang. Rief man nun nicht den Landes-Generalstreik aus, hätte man gegenüber den Zürchern und vielen Arbeitern das Gesicht verloren und sich dem Spott preisgegeben. So wurde auf den 11. November, nachts 12 Uhr der unbefristete Generalstreik ausgerufen. Folgende Forderungen wurden aufgestellt:

  1. Sofortige Neuwahl des Nationalrates auf der Grundlage des Proporzes
  2. Aktives und passives Frauenwahlrecht
  3. Einführung der allgemeinen Arbeitspflicht
  4. Einführung der 48-Stundenwoche in allen öffentlichen und privaten Unternehmungen
  5. Reorganisation der Armee im Sinne eines Volksheeres
  6. Sicherung der Lebensmittelversorgung im Einvernehmen mit den landwirtschaftlichen Produzenten
  7. Alters- und Invalidenversicherung
  8. Staatsmonopol für Import und Export
  9. Tilgung aller Staatsschulden durch die Besitzenden.

Auf Dienstag 12. November berief der Bundesrat eine ausserordentliche Bundesversammlung ein. In dieser ging es hoch zu und her. Grimm liess es sich nicht nehmen, eine pathetische und für die Arbeiter einstehende Rede zu halten - doch es hatte keinen Erfolg. Die Bürgerlichen waren zu absolut keinen Kompromissen bereit und forderten die Beendigung des Landesstreiks. Nicht zuletzt weil man Angst hatte, dass wenn man in sich in einem Punkte nachgiebig zeigte, die andern Forderungen postwendend folgen würden. Die Regierung stellte Grimm folgendes Ultimatum:
"Im Hinblick auf die ungeheuren, von Stunde zu Stunde wachsenden innern und äussern Gefahren, die als direkte Folgen des Generalstreiks dem Lande und dem gesamten Schweizervolke drohen, fordert der Bundesrat Sie auf, dem Generalstreik mit heute ein Ende zu machen und bis heute abend 5 Uhr eine bezügliche schriftliche Erklärung abzugeben. Ist der Bundespräsident bis zu dieser Stunde nicht im Besitze einer solchen Erklärung, so nehmen wir an, dass Sie sich weigern, unserer Aufforderung Folge zu leisten."
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Es war klar, wenn der Streik nicht beendet würde, hätte das einen Bürgerkrieg zur Folge. Der Bundespräsident versuchte nach der Debatte Grimm noch zum Einlenken zu überzeugen, dieser aber entgegnete: "C'est tout réfléchi. La classe ouvrière troimphera ou mourra en combattant."
22 Das war ein letzter Versuch Grimms, mit demonstrierter Entschlossenheit zu einem Zugeständnis zu kommen, jedoch ohne Erfolg. Nun entwickelte sich im OAK eine heftige Debatte und Grimm konnte das Ultimatum noch ein wenig verlängern. Die Lage jedoch war ziemlich aussichtslos. Wollte man ein Blutbad verhindern, so war die Beendigung des Landesstreiks die einzig logische Folge. Wohl schwankten die Mitglieder in ihrem Meinungsbildungsprozess, doch schliesslich wurde die Kapitulation in der Nacht vom 14. auf den 15. November bekannt gegeben.
Jetzt hagelte es aber zum Teil heftige Kritik und das OAK wurde als Verräter dargestellt. Doch dazu nur soviel: Es lässt sich immer leicht kritisieren, wenn man nicht die Verantwortung trägt. Als Beispiel sei hier nur erwähnt, was Nobs im "Volksrecht" schrieb:
"Es ist zum Heulen! Niemals ist schmählicher ein Streik zusammengebrochen, nicht unter den Schlägen des Gegners, sondern an der feigen, treulosen Haltung der Streikleitung."
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4. Auswirkungen des Landesstreiks


Eine direkte Auswirkung auf die Auflösung des Landesstreiks war die Spaltung der Arbeiterschaft. Während das eine Lager einsah, dass man wieder vermehrt mit gemässigten und legaleren Mitteln agieren sollte, hätte die andere, radikale Seite am liebsten gleich die ganze Staatsordnung auf den Kopf gestellt. Vor allem Platten „outete“ sich einmal mehr als hartgesottener Anhänger des Klassenkampfs. Als direkte Folge kann man die Gründung der Kommunistischen Partei sehen. Des weitern wurde ein Sündenbock für das Misslingen gesucht und im Oltener Aktionskomitee schnell gefunden. Man beschloss das Komitee in seiner Zusammensetzung ausgeglichener zu machen. Doch es zeigte sich schnell, dass das „neue“ Aktionskomitee nicht annähernd die Dynamik das alten erreichte. Am 29. September 1919 ist die letzte Sitzung protokolliert.
23 Unmittelbar nach dem Streik verschärfte sich auch das Verhältnis von Bürgerlichen und Arbeiter noch einmal merklich. Ein Graben tat sich auf und Grimm goss mit dem folgenden Zitat noch Öl ins Feuer. Er schrieb in einem Leitartikel in der „Tagwacht“, dass die unbewaffneten Arbeiter blutenden Herzens vor den Bajonetten zurückgewichen seinen, „mit dem heiligen Schwur, im nächsten Augenblick den Kampf ungeschwächt und mit doppelter Begeisterung wieder aufzunehmen. Man täusche sich nicht im Bürgertum. Es wird ein grausames Erwachen geben, wenn es glauben wollte, nun endgültig die revolutionären Arbeitermassen niedergeworfen zu haben.“ 24

Es wäre aber falsch, alles nur negativ betrachten zu wollen. Das Proporzwahlsystem wurde bereits 1919 bei den Nationalratswahlen eingeführt und bescherte den Sozialdemokraten einen Sitzgewinn von 22 auf 41, obwohl die Zahl der Stimmen eher rückläufig war. Auch die Forderung der 48-Stunden-Woche war bereits 1920 im Gesetz verankert. Das Frauenstimmrecht und die Alters- und Invalidenversicherung sind für uns heute selbstverständlich, also auch diese Forderungen erfüllten sich, wenn auch weniger schnell. Im Laufe der Zwischenkriegszeit und dem 2. WK fand wieder eine Annäherung von Bürgertum und Arbeiterschaft statt. Die Arbeiter hatten gezeigt, dass sie eine wichtige Macht im Land darstellen und die Bürgerlichen hatten bald auch ihre Schuld am Streik herausgefunden, wenn auch nie an die grosse Glocke gehängt. Es gelang aber dem Schweizer Volk den Klassenkampf gänzlich zu überwinden und es zeigte sich auch versöhnlich. Denn die einstigen Rädelsführer Grimm und Nobs hatten bald wichtige politische Ämter inne. Grimm war 1946 Nationalratspräsident und Nobs wurde 1943 Bundesrat und war 1948 gar Bundespräsident.

5. Schlussbemerkung


Viel habe ich in den letzten Wochen über den Landesstreik gelesen, viel gelernt und mir auch viele Gedanken gemacht. War der Landesstreik nun eine Revolution oder bloss ein Sturm im Wasserglas? Ich denke, beide Bezeichnungen vermögen das Geschehen nicht zu beschreiben. Viel mehr muss man einen vermittelnden Zwischenbegriff finden. „Glücksfall“ finde ich gar nicht so schlecht. Warum? Nun, durch den Streik wurde die Not der Arbeiterschaft offensichtlich. Obwohl einige Unruhen im Land herrschten, konnte doch die allgemeine Ordnung aufrecht erhalten werden und bereits gut 20 Jahre später war man soweit, dass ehemalige Anführer des Streiks hohe politische Ämter bekleiden konnten. Was ich sagen will ist, dass der Streik den Annäherungsprozess von Arbeiterschaft und Bürgertum beschleunigt hat. Das ist zwar eine hypothetische Aussage, aber ich bin von ihr überzeugt. Denn im Anschluss in den Streik machten sowohl die Bürgerlichen wie auch die Arbeiter der andern Seite Zugeständnisse. Einerseits wurde die 48-Stunden-Woche und das Proporzwahlsystem, andererseits fand ein Prozess zu einer gemässigten Politik statt. Für den weiteren Verlauf des Jahrhunderts denke ich, war das sicher gut und ich unterstütze auch die Meinung vieler Historiker, die den Landesstreik von 1918 als wichtigstes Ereignis seit der Gründung des Bundesstaates 1848 einschätzen.

Mir hat die Arbeit Spass und ich würde sie wieder machen. Obwohl ich mit der Arbeiterschaft sympathisiere, denke ich, dass es nicht ideal war, den Streik als Kampfmittel zu wählen. Jedoch müssen sich auch die Bürgerlichen und der Bundesrat sowie die Armeeleitung einen grossen Vorwurf gefallen lassen. Hätten sie die Lage nur ein wenig realistischer und tiefgründiger analysiert, wäre es nie zum Streik gekommen. Ein offenes Ohr für die Anliegen und Probleme des andern zu haben, das würde auch in der heutigen Zeit vielen gut tun, oder wie es der Historiker Joe Schelbert in seiner Lizentiatsarbeit über den Landesstreik in der Region Luzern ausdrückt:
„Die Geschichte wiederholt sich zwar nicht, aber die Binsenwahrheiten.“
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6. Zitate


1 http://mypage.bluewin.ch/a.fasnacht/streik/TraurigerVorfall1.html (17.11.01).
2 Gautschi, Dokumente zum Landesstreik 1918, S. 116.
3 http://www.woz.ch/wozhomepage/streik/streik1.htm (17.11.01), Bernhard Degen, Als die Schweiz ein bewegtes Land war.
4 Gautschi, Der Landesstreik 1918, S. 70.
5 Gautschi, Dokumente zum Landesstreik 1918, S. 21.
6 http://www.woz.ch/wozhomepage/streik/streik1.htm (17.11.01), Elisabeth Joris, Brot Geld und Frauenstimmrecht.
7 Ebenda.
8 Gautschi, Der Landesstreik 1918, S. 106.
9 Ebenda S.53.
10 Ebenda S. 97.
11 Ebenda S. 155.
12 Ebenda S. 107.
13 Ebenda S. 398.
14 Ebenda S. 93.
15 Ebenda S. 97.
16 Ebenda S. 225.
17 Ebenda S. 245.
18 Ebenda S. 249.
19 Gautschi, Dokumente zum Landesstreik 1918, S. 234f.
20 Gautschi, Der Landesstreik 1918, S. 257.
21 Ebenda S. 312.
22 Ebenda S. 313.
23 Ebenda S. 398.
24 Ebenda S. 364.
25 Schelbert, Der Landesstreik vom November 1918 in der Region Luzern, S. 111.


7. Bibliographie

  1. ·Gautschi Willi, Der Landesstreik 1918, Zürich 3. druchgesehene Auflage 1988.
  2. ·Gautschi Willi, Dokumente zum Landesstreik 1918, Zürich, Köln 1971
  3. ·Schelbert Joe, Der Landesstreik vom November 1918 in der Region Luzern, Luzern 1985
  4. ·http://www.woz.ch/wozhomepage/streik/streik1.htm (17.11.01)
  5. ·http://mypage.bluewin.ch/a.fasnacht/streik/TraurigerVorfall1.html (17.11.01)




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