Generalstreik 1918 in Grenchen
Fragen an Max Rüdt
Häufig gestellte Fragen zum Streikverlauf in Grenchen
Frage 1: Wieso reagiert Rüdt nicht auf Meldungen vom Streikabbruch am 14. Nov. 1918?
Rüdt gibt die Antwort in der Neuen Freien Zeitung NFZ vom 20. November 1918 gleich selber:
Erst als ich vom Postplatz hinauf ins Bureau der Streikleitung mich begab, zeigte man mir ein Bulletin von Niederhäuser. Einstimmig war die Streikleitung der Ansicht, dass es sich hier um eine bürgerliche Finte handle. Wir konnten nicht glauben, dass wir morgens um 10 Uhr noch gar keine Meldung vom Aktionskomitee hätten, derweilen die bürgerlichen Blätter bereits Bulletins ausgeben konnten. Die Herren müssen eben wissen, dass man uns das Telephon und die sonstigen Verkehrsmöglichkeiten abschnitt. Um halb 11 Uhr kam der Demonstrationszug vor das Bureau der Streikleitung, wo ich eine kurze Ansprache hielt und wörtlich ausführte: "Wenn das Aktionskomitee den Streik als abschlossen betrachtet, so wird es uns die Meldung schon mitteilen und zwar rechtzeitig, so dass wir das Ende gleich wie den Anfang geschlossen durchführen können."
Am Mittag 12 Uhr sandten wir einen Radfahrer nach Biel, um Erkundigungen einzuziehen. Erst nachdem der Mord auf dem Postplatz bereits Tatsache geworden war, kam Genosse Stämpfli ins Bureau der Streikleitung und teilte mit, dass er in Biel privatim um Auskunft gebeten habe und dass der Streik nachts um 12 Uhr beendigt sei. Die Meldung des von Biel zurückkehrenden Radfahrers bekam ich erst abends um 9 Uhr. Im übrigen wäre vielleicht das Telegraphenbureau in der Lage, Auskunft zu geben, ob ein Telegramm oder ein Telephon mir eine solche zukommen liess. Ich habe nie so etwas erhalten.
Frage 2: Stimmt es, dass Rüdt verkündete, nach der Streikkapitulation würde man alles demolieren?
Rüdts Antwort ebenfalls in der NFZ vom 20. November 1918:
Und nun die Demolierungsgeschichte. Herr Girard, hören Sie, was ich sagte: "Wir haben in Grenchen das Alkoholverbot eingeführt. In einigen Herrenwirtschaften scheint man jedoch keine Notiz davon nehmen zu wollen. Ich rate ihnen an, unserer Aufforderung (die übrigens von der Gemeinderatskommission unterstützt worden war) Folge zu leisten, ansonst wir keine Verantwortung übernehmen könnnen, wenn irgend etwas demoliert wird."
Frage 3: Hat Rüdt die Sovietregierung von Grenchen ausgerufen?
In einem Schreiben an die Solothurner Regierung soll Rüdt diese benachrichtigt haben, dass die Sovietregierung von Grenchen die Regierung von Solothurn nicht mehr anerkenne.
Diese Meldung wurde auch in den Verhandlungen vor dem Amtsgericht Solothurn-Lebern (4.-14. März 1919) vorgebracht. Zeuge Norbert Keussen, Pfarrer der christkatholischen Kirchgemeinde Grenchen, entlarvte diesen angeblichen Brief als eine Erfindung.
Frage 4: Hat Rüdt Falschmeldungen verbreitet, wonach in Zürich das Bat. 90 auf die Kavallerie geschossen hätte?
Dazu die Einvernahme von Max Rüdt, vom 25. Januar 1919:
Am Dienstag Abend, den 12. November, kam ich erst gegen 12 Uhr auf das Bureau zurück, wo ich die eingegangenen Meldungen vorfand, u.a. auch diejenige betr. das Bat. 90, die uns von Solothurn zugeschickt worden war (Streikleitung). Bereits Nachmittags hatte die Streikleitung beschlossen, am folgenden Tag ein Flugblatt über eingelaufene Meldungen herauszugeben; da ich Abends abwesend war, gab ich Weisung, dass mir das Nötige für meine Rückkehr bereit gelegt werde.
Ich entwarf nun in er Nacht noch, trotz meiner grossen Ermüdung, das fragliche Flugblatt und verwendete dabei die Meldung betr. das Bat. 90. Ich hatte keine Gelegenheit mich zu vergewissern, ob die Meldung den Tatsachen entsprach; ich nahm es aber ohne weiteres an.
Richtig ist allerdings, dass mir schon an jenem Abend ein Flugblatt der Solothurner Zeitung in die Hände gekommen war, worin es hiess, dass die vom Metallarbeitersekretär Müller Gottfried verbreitete Meldung betr. das Schiessen des Bat. 90 auf Kavallerie in Zürich falsch sei. Wenn ich trotz dieses Dementis die Meldung in mein Flugblatt aufnahm, so geschah es deswegen, weil ich dem Genossen Gottfried Müller mehr Glauben schenkte, als der dementierenden freisinnigen Solothurner Zeitung.
Das Flugblatt wurde dann in der Nacht bei von Gunten gedruckt und am Morgen, den 13. November, herausgegeben. In der öffentlichen Versammlung jenes Morgens las ich es auch vor.
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A. Fasnacht 09/2001