Alte Post

Generalstreik 1918 in Grenchen

Rüdt's "feige" Flucht

oder kurzer Bericht über eine unrühmliche Jagd


von Alfred Fasnacht




Das seltsame Verschwinden des Max Rüdt

Der Präsident des Grenchner Streikkomitees, Max Rüdt, wusste, wie er selber schrieb, dass seine Verhaftung schon am Vormittag des 14. Novembers 1918 vorgesehen war. Unmittelbar nach der Bluttat der Ordnungstruppen, am Nachmittag des 14. Novembers, begann die Suche und Jagd nach Rüdt. Rüdt berichtet, wie abends um 8.00 Uhr Kavallerie an ihm vorbeisprengte, ohne ihn zu erkennen. In der Nacht vom 14. auf den 15. November 1918 flohen Max Rüdt und der Vizepräsident des Streikkomitees, Adolf Marti. Sie hielten sich einige Tage in einem Versteck auf. Rüdt stellte sich am Abend des 19. Novembers 1918 in Solothurn der Polizei. Rüdt wurde vorläufig in Untersuchungshaft genommen.

Rüdt und Marti befürchteten Misshandlungen seitens des Militärs und anderer Kreise. Wie der massive Einsatz schwer bewaffneter Kavallerie in Verbindung mit Bodentruppen und Polizei für die Suchaktion nach Rüdts Person zeigt, waren solche Befürchtungen nicht aus der Luft gegriffen, zumal ein Kavallerie-Offizier der Ordnungstruppen Fr. 200.- Prämie aussetzte auf die Verhaftung von Max Rüdt. Vieles deutet jedoch darauf hin, dass dieses "Kopfgeld" nicht aus der Schatulle des Offiziers stammte.


Verhaftungen auf der Löwenkreuzung
14. November 1918, später Nachmittag: Verhaftungen auf der Löwenkreuzung
vor dem Restaurant Schweizer Halle.


Es ist selbstverständlich, dass das Verschwinden von Rüdt und Marti als feige Aktion und als Flucht aus der Verantwortung galt. Vermutlich schadete den beiden das Untertauchen und in dieser Hinsicht ist es als Fehler einzustufen. Wie die vorgängige Schilderung der Jagd auf Rüdt zeigt, ist es aus heutiger Sicht sehr gut verständlich, dass die beiden die Beruhigung der Lage in einem Versteck abwarten wollten.



Quellen: zeitgenössische lokale Presse (Solothurner Zeitung, Neue Freie Zeitung)



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A. Fasnacht 11/2002