Vor 75 Jahren
Grenchen während des Generalstreiks 1918
Artikel aus dem Jahre 1993 von Rainer W. Walter
1993 waren genau 75 Jahre verstrichen: 1918 forderten die Auseinandersetzungen während des Generalstreiks in Grenchen drei Menschenleben. Was die Arbeiter, die zusammen mit ihren Familien in erschreckendem Ausmasse unter den Folgen des Ersten Weltkrieges zu leiden hatten, damals im Bereich der Sozialgesetzgebung forderten, ist uns längst zur Selbstverständlichkeit geworden. Ob allerdings die Wunden, die 1918 geschlagen wurden, heute auch emotional überwunden sind, erscheint noch als eine offene Frage. Werner Strub, der im "Heimatbuch Grenchen" die wichtigsten Grenchner Ereignisse von der Frühzeit bis kurz nach Beendigung des zweiten Weltkrieges chronologisch festhielt, schrieb über den "Landesstreik im November 1918" folgendes: "Die Vorfälle in Grenchen vom 12. bis 16. November 1918 ereigneten sich nach schweren Prüfungen unserer Bevölkerung und speziell des Arbeiterstandes, nach einer grossen Teuerung und Geldentwertung, nach der Dienstmüdigkeit in der Armee und nach einer opferreichen Grippe. In unserer Arbeiterschaft zeigten sich deutlich die Symptome einer wachsenden sozialen Unzufriedenheit. Die Notlage, in die der Arbeiter geraten war, zwang ihn, seine besonderen Interessen wahrzunehmen."
Jean Maurice Lätt hielt in seinem Buch "120 Jahre Arbeiterbewegung des Kantons Solothurn" fest, dass in Grenchen bereits am 2. Februar 1918 eine Protestversammlung gegen die vom Bundesrat angekündigte Zivildienstpflicht stattgefunden hatte. Diese "Zivildienstpflicht" hätte es dem Bundesrat ermöglicht, "die gesamte Bevölkerung zwischen 16 und 60 Jahren der Befehlsgewalt der Armee zu unterstellen". Reden hielten damals der Grenchner, Redaktor Max Rüdt, und Pfarrer Humbert-Droz aus La Chaux-de-Fonds. In der Protestresolution wird mit dem Landesstreik gedroht. Erst zwei Tage später wurde das sogenannte Oltner Aktionskomitee gegründet.
Keine "Sowjetregierung" Grenchen
Der Chronist Werner Strub lässt in seiner sonst eher knappen und nicht sehr detaillierten Darstellung der Ereignisse während des Generalstreikes in Grenchen Verständnis für die Notsituation der Arbeiter durchschimmern. Eine gründlichere Darstellung, die zudem auf vorher nicht bekannten militärgeschichtlichen Akten basierte, verfasste Rolf Blaser für das "Grenchner Jahrbuch 1974". Der Verfasser stellte in seiner grundsätzlichen Arbeit fest, dass das Gerücht, wonach die Streikleitung ins Rathaus nach Solothurn berichten liess, Grenchens "Sowjetregierung" anerkenne die Gesetze nicht mehr, nichts anderes war als eine Zeitungsente. Vielmehr konnte Rolf Blaser ermitteln, dass die Versammlungen der Streikenden diszipliniert vorübergingen, und die Streikleitung immer wieder zu Ruhe und Ordnung aufgerufen habe. Ausschreitungen blieben jedoch nicht vollständig aus. So versuchten die Streikenden jene Geschäfte gewaltsam zu schliessen, die sich den Anweisungen der Streikleitung widersetzt hatten und ihre Betriebe geöffnet hielten. Dazu kam, dass einzelne Arbeitswillige aus den Fabriken geholt wurden. Man zwang sie, an der Spitze eines Umzuges der Streikenden mitzumarschieren. Aufs Konto der Streikenden gingen dann der Barrikadenbau beim Südbahnhof und die Zerstörung einer Eisenbahnweiche beim Nordbahnhof. Beide Vorkommnisse behinderten wohl den Eisenbahnverkehr, gefährdeten aber nie Menschenleben.
Ursprünglich waren zwei Landsturmkompanien in Grenchen stationiert, welche den Ordnungsdienst zu versehen hatten. Die Wehrmänner stammten aus Grenchen selber und aus benachbarten Gemeinden. Für die militärische Leitung war die Ausgangslage nicht unproblematisch, besass aber den enormen Vorteil, dass sich Militärpersonen und Streikende kannten und sich gegenseitig nicht provozierten. Ein gemeinsames Erinnerungsbild beider Parteien auf der Barrikade beim Südbahnhof vermag vielleicht am ehesten noch die herrschende Stimmung wiederzugeben.

13. Nov. 1918: Gesperrte Geleise auf dem Bahnhof Grenchen Süd, Streikende und Landsturm-Soldaten friedlich zusammen
Bild aus: Kohler, Hans: Gruss aus Grenchen. Alte Fotos, Dokumente und Ansichtskarten
aus der Slg. Hans Kohler. - Grenchen: Edition der Literarischen Gesellschaft, 1985.
Diese offensichtlich geübte Zurückhaltung der Landsturmsoldaten wurde vom Militärdepartement als Versagen beurteilt, worauf mit Waadtländer Infanteristen und Berner Kavalleristen "fremde" Truppen nach Grenchen beordert wurden. Rolf Blaser kommt zum Schluss, dass mit der Verlegung dieser Truppen "offentsichtlich die seit Kriegsausbruch bestehenden Spannungen zwischen Welsch- und Deutschschweizern und die Differenzen zwischen Bauerntum und Arbeiterschaft" ausgenützt und bewusst als Mittel eingesetzt wurden.
Dramatische Entwicklung in Grenchen
Verschiedene Umstände, letztlich aber doch ein unentschuldbares Nicht-Verstehen der Anliegen und sozialen Nöte des Arbeiterstandes führten in Grenchen zum Tod von drei jungen Menschen. Die Truppen kamen nach Grenchen, im Glauben hier herrsche totales Chaos. Rücksichtslos liessen die Offiziere die Menschenansammlungen auflösen,

Zwischen Postplatz und Löwenkreuzung: Westschweizer Truppen
Bild aus meiner Sammlung
und als es dabei zu Stauungen gekommen war, schoss die Truppe in die fliehende Menge. Rolf Blaser schreibt dazu: "dass wahllos Unschulidge niedergeschossen wurden, steht ausser Zweifel. Die ärztliche Unteruschung der Leichen ergab, dass zwei der Getöteten von hinten getroffen worden waren. Bei einem der Opfer handelte es sich um einen 17jährigen Jüngling aus Pieterlen, der für seine kranke Mutter in der Apotheke Medikamente besorgen sollte."
Noch im Jahre 1918 erschien die Schrift "der Generalstreik Ein Wort zur Aufklärung". Als Herausgeberin zeichnete die freisinnig-demokratische Partei des Kantons Solothurn. An dieser Schrift erscheinen heute zwei Sachverhalte als besonders aufschlussreich: Die Solothurner Freisinnigen äusserten sich in ihrer Schrift mit keiner Zeile zu den doch nicht alltäglichen Ereignissen im Kanton Solothurn. Diese wurden offenbar ausgeklammert. Auch Namen von Solothurner Streikführern wurden keine genannt. Es schien, als wollten die Verfasser der Schrift keine kaum vernarbten Wunden aufreissen. Gleichzeitig signalisierten sie ihre Bereitschaft zur konstruktiven Diskussion, in dem unter anderem ausgeführt wird: "Zahlreiche Mängel und Uebelstände sind im Laufe des Krieges zum Vorschein gekommen, die nicht weiter bestehen dürfen." Und weiter: "Das Ziel muss sein, die Kluft zwischen Besitzenden und Besitzlosen zu verringern, die bestehenden Spannungen zu mildern und allen Volksgenossen einen Anteil an den materiellen und geistigen Gütern zu sichern, der ihren natürlichen Anlagen, ihren Leistungen und wirklichen Bedürfnissen entspricht.
Heute sind kaum Zeichen vorhanden
Die Schuldfrage wurde letztlich nie geklärt. Für viele war Redaktor Max Rüdt der Rädelsführer und gegen seine Person wurde eine systematische Hetzkampagne betrieben. Im März 1919 wurde er von einem Mitglied der Grenchner Bürgerwehr überfallen und zusammengeschlagen. Am 15. und 16. Januar 1919 versuchte der Solothurner Kantonsrat die Ereignisse politisch zu bewältigen. Für die Opfer des Generalstreiks soll im Friedhof von Grenchen ein Gedenkstein aufgestellt worden sein. Er ist verschwunden und liegt, so wird angenommen, mit Grabsteinen aufgehobener Gräber als Böschungsschutz in der Aare. Während Jahren waren im Gebäude Kirchstrasse 52 Einschussstellen zu sehen. Beim Zwischenfall in der Kirchstrasse wurden mehrere Menschen zum Teil schwer verletzt. Heute sind auch diese letzten Zeugen an den Generalstreik in Grenchen verschwunden.
Ich danke Herrn Rainer W. Walter, dass ich den Artikel hier publizieren darf.
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A. Fasnacht 07/2001