Generalstreik 1918 in Grenchen
Die zentrale Bedeutung der Eisenbahn im Generalstreik 1918
Ereignisse auf den Bahnhöfen Olten, Solothurn West, Grenchen und Biel
Zusammengestellt von Alfred Fasnacht
Die zentrale Bedeutung der Eisenbahn im Generalstreik 1918
Während des Generalstreiks 1918 legten die Streikenden ein besonderes Augenmerk auf den Betrieb der Eisenbahnen. So achtete man aufmerksam darauf, dass auch auf der Achse Olten, Solothurn, Grenchen, Biel möglichst keine Züge verkehren konnten. Im Generalstreik kam ein verkehrender Zug einem Streikbruch gleich. Es war eines der wichtigen Anliegen des Oltener Aktionskomitees, den Bahnverkehr mit den Mitteln des Streiks in der ganzen Schweiz so weit wie möglich lahmzulegen.
Andererseits legte General Wille grossen Wert darauf, mindestens einen Teil des Eisenbahnbetriebs aufrecht zu erhalten. Damit sollte der Oeffentlichkeit gezeigt werden, dass die Streikführer nicht allmächtig seien. Dem Militärgeneraldirektor der Bahnen, Oberst Zingg, teilte der General mit, er sehe selbst in einem beschränkten Bahnverkehr "das entscheidende Moment für die Rettung unseres Landes." Ähnlich äusserte sich Wille auch gegenüber dem Bundesrat.
Aus diesen Tatsachen lässt sich der hohe Stellenwert des damals wichtigsten Verkehrsmittels, der Eisenbahn, ableiten und es wundert einen nicht mehr, dass es gerade auf den Bahnhöfen der wichtigen Streikschauplätze zu Ausschreitungen kam. Auch in Olten, Solothurn, Grenchen und in Biel versuchten die Streikenden den Bahnbetrieb zum Erliegen zu bringen. Auf den Bahnhöfen in Grenchen, Solothurn-West und Biel kam es zu Ausschreitungen.
Auf dem Bahnhof Grenchen-Süd versperrten Streikende am Mittwoch, den 13. Novmeber 1918, die Geleise mit Barrikaden, ohne die Bahnanlagen zu beschädigen. Bahnhof Grenchen Nord: Am Donnerstag, 14. November 1918, beschädigten Streikende zwei Weichen und durchschnitten Signalkabel, um das Einfahren von Zügen zu verhindern. Während diesen Aktionen kam es nicht zum Einsatz von Ordnungstruppen. Die Ereignisse auf den Bahnhöfen Grenchens sind in dieser Dokumentation ausführlicher beschrieben. Die Verantwortlilchen für die Zwischenfälle in Grenchen wurden militärgerichtlich belangt und schwer bestraft.
Für den einzigen Zwischenfall auf dem Bahnhof Olten sorgte ein Bahnarbeiter, der einen Zug mit einer roten Fahne aufgehalten hatte. Dieser Mann musste die Tat mit dem Verlust seiner Stelle bezahlen.

Der erste Zug, der nach den Wirren des Generalstreiks 1918 von Olten bis Grenchen Süd durchkam. Zwei technische Beamte aus Olten führten am 14. Nov. 1918 den Zug als Demonstration. Nach Dampfdruck-Problemen kam der Zug schliesslich bis Grenchen Süd durch. Bild: vermutlich Grenchen-Süd. (Bild aus meiner Sammlung)
Zur Gewaltanwendung kam es am 13. November 1918 in Solothurn (West-Bahnhof). Dort rissen Streikende ein Nebengeleise auf, mit dessen Schienen und Schwellen sie die Hauptgeleise in Richtung Grenchen-Biel verbarrikadierten. Ferner zerschlug man eine Weichenlampe und beschädigte, ähnlich wie in Grenchen, eine wichtige Weiche. Als Bahnhofvorstand Arnold Dörfliger die Menge beruhigen wollte, stiess man ihn die vier Meter hohe Bahnböschung hinunter. Er kam mit einigen Prellungen davon.
In Biel spielten sich auf dem Bahnareal verschiedene Prügelszenen ab, als Züge versuchten einzufahren. Die schlimmsten Zwischenfälle ereigneten sich am 14. November 1918, etwa um 13.10 Uhr. Ernst Studer, Weichenwärter und Mitglied der Streikleitung der Bieler Eisenbahner, schildert die Vorgänge wie folgt:
" Donnerstag, den 14. November 1918
Eine aus Bern eingetroffene Depesche sagt die Forderungen des Aktionskomitees seien angenommen. Die Arbeit sei um 12 Uhr nachts wieder aufzunehmen. Unterdessen wurden wieder andere Gerüchte verbreitet. Es gab ein solches Wirrwarr, dass man nicht mehr wusste, wem man glauben solle.
Mittag, 1.10 Uhr ertönt ein Glockensignal von Bern. Es kommt der Zug 2219 mit den Nationalräten von Biel und dem Jura. Alles stürmt nach Madretsch, dem Zug entgegen. Einige Schwellen werden über das Geleise geworfen. Der Zug braust heran. Ein Schuss fällt und unmittelbar vor mir fällt Kollege Jenni, Lokomotivführer mit zerschossenem Arm nieder. In wenigen Minuten ist der Zug von einer 5-6000 zählenden Menge umzingelt. Auf der Lokomotive sind drei Waadtländersoldaten sowie Streikbrecher Henziross und als Heizer ein Techniker. Letzterer machte einen Fluchtversuch. Aber umsonst, die aufgeregte Menge holte ihn ein und zahlte ihm den Streikbrecherlohn bar aus. Ebenso ging es dem Führer sowie dem Kondukteur Nidegger. Die drei Militärs mussten ihre Gewehre entladen und die Lokomotive verlassen. Ich begleitete sie nach dem Bahnhof, wo ich mich bei einem Major und einem Hauptmann einem Verhör unterziehen musste. Dieser Vorfall wird ein kriegsgerichtliches Nachspiel zeitigen. < ... >
Nachmittags 4.30 Uhr. Versammlung der gesamten Eisenbahnerschaft. Kollege Jakob verkündet den 500 anwesenden Mannen den Abbruch des Landesstreikes. Er verstand es musterhaft, die Leute im Banne zu halten, indem er auf die Gefahren einer eventuellen Fortsetzung hinwies. Jedoch tadelte er auch scharf das Vorgehen einiger VSEA-Grössen.
Stumm, mit geballten Fäusten verliessen wir den Saal. Ja wir haben gestreikt. Der Erfolg ist materiell gleich null, moralisch aber doch von grosser Wichtigkeit.
Den Kampf verloren, die Ehre nicht!
Ernst Studer "
Die Tragödie von Grenchen spielte sich übrigens am selben Tag um 14.00 Uhr ab, fast gleichzeitig mit den harten Szenen auf dem Bahnareal Biel.
Bildtafel von F.M. Gaensslen, Fotograf, Biel, aus: Neues Bieler Jahrbuch 1968 / Nouvelles Annales Biennoises 1968, Biel: Gassmann, 1968.
Ich danke dem Arbeitsausschuss Bieler Jahrbuch für die Abbildungserlaubnis.
Die Organisation der Eisenbahner
Bemerkenswert ist die Befolgung des Aufrufs zum Generalstreik durch die Eisenbahner. So standen in Olten fast alle der etwa1500 Eisenbahner im Streik, in Biel waren es mehrere Hundert. Das Personal der kleineren Bahnhöfe folgte dem Streikaufruf nicht. Auch in Grenchen beteiligte sich das Bahnpersonal kaum am Generalstreik. Die eidgenössischen Beamten waren während des Krieges und während des Generalstreiks den Militärgesetzen unterstellt und die Teilnahme am Streik war mit strengen rechtlichen Konsequenzen verbunden. Um so erstaunlicher ist es, dass sich gerade die Eisenbahner so zahlreich am Generalstreik beteiligten. Diese Tatsache war wohl hauptsächlich auf die extrem bedenkliche Lohnsituation der Bahnarbeiter zurückzuführen.
Die in einer Vielzahl von Verbänden organisierten Eisenbahner vereinigten sich erst im Januar 1918 zum Verein Schweizerischer Eisenbahn- und Dampfschiffangestellten (VSEA). Im Juli 1918 beschloss die Delegiertenversammlung des VSEA, auf den 1. Januar 1919 dem Schweizerischen Gewerkschaftsbund beizutreten.
Bemerkung:
Mit dieser Seite möchte ich nicht zuletzt aufzeigen, dass sich auch in den Nachbarorten Grenchens, vor allem in Solothurn und Biel, durchaus vergleichbare Zwischenfälle auf den Bahnhöfen ereigneten. Auch in Biel beteiligten sich Mitglieder der Streikleitung an den Zwischenfällen. In Biel und vor allem in Solothurn kam es im Stadtzentrum zu Ausschreitungen. Dass es in Solothurn zu keinem Blutbad kam, grenzt noch aus heutiger Sicht an ein Wunder. Bis heute fehlt eine vergleichende Gegenüberstellung der Ereignisse auf den Streikschauplätzen am Jurasüdfuss.
Quellen:
Berlincourt, Alain
Julikrawall und Generalstreik in Biel. - Aus: Neues Bieler Jahrbuch / Nouvelles Annales Biennoises 1968. - Biel: Gassmann, 1968. - S. 89-101 mit Bildtafel.
Gautschi, Willi
Der Landesstreik 1918. - Zürich : Benziger, 1968. - 440 S., ill.
Meyer, Erich
Solothurnische Geschichte in Einzelbildern. Vom Soldpatriziat zum Landesstreik.
Olten: Verlag Akademia, 2002. 260 S., ill.
S. 243-256: Der Generalstreik in Olten.
Schmid-Ammann, Paul
Die Wahrheit über den Generalstreik von 1918 : Seine Ursachen, Sein Verlauf, Seine Folgen. - Zürich : Morgarten Verlag, 1968. - 440 S.
Verhandlungen des Kantonsrates von Solothurn 1919. November-Unruhen 1918 (Landes-Generalstreik), 15. und 16. Januar 1919. Solothurn, 1919. Votum von Arnold Dörfliger S. 246-251
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A. Fasnacht 11/2002