Alte Post

Max Rüdt

Solothurner Kantonsrat und Gemeinderat in Grenchen

Streikführer während des Generalstreiks 1918 in Grenchen

Ein Mensch wird systematisch zu Fall gebracht

von Alfred Fasnacht




Ueber die Person und den Menschen Max Rüdt ist leider nicht mehr viel bekannt. Rüdt verkörpert das traurige Beispiel einer steil verlaufenden Politkarriere mit tragischem Ende. Nach der Grenchner Tragödie wurde Rüdt zum Sündenbock gestempelt für alle negativen Vorkommnisse während des Generalstreiks in Grenchen. Ein Mensch wird systematisch demontiert, 'fertig gemacht' und psychisch vernichtet. Die meisten seiner Freunde verliessen ihn. Eine Säuberungsaktion fand statt in den Reihen der SP. Nationalrat Jacques Schmid (SP), sein bisheriger Förderer, war nun der Hauptagitator in der SP gegen Rüdt. Dies zur hämischen Freude der Bürgerlichen Parteien und der Militärs, die nicht zuletzt deswegen um so hemmungsloser auf den 'Rädelsführern' des Generalstreiks herumtrampelten. Dazu kommt noch, dass Rüdt damals den Beitritt der Partei zur 3. Internationale unterstützte. Schmid war ein vehementer Gegner der 3. Internationale.

Die Art, wie man mit Rüdt umsprang, stand in keinem Verhältnis zu den Vergehen, die ihm tatsächlich angelastet werden konnten.

Max Rüdt auf dem Bahnhof Süd Grenchen
Max Rüdt während des Generalstreiks 1918 in Grenchen (Bahnhof Süd)
Bildausschnitt aus einer Fotografie (Stadtarchiv Grenchen)


Aus Rüdt's Biografie

Max Rüdt (3. November 1888 - 8. September 1947), wurde in St. Gallen geboren und erlernte den Typographenberuf. Nach seiner Berufslehre studierte er Philosophie und Kunstgeschichte an der Universität Zürich. Es folgten weitere Studien an der Universität München. Rüdt widmete sich der Schriftstellerei (Feuilleton). Bis zum Kriegsausbruch 1914 war Rüdt Mitarbeiter der Mittelrheinischen Volkszeitung. Vom August 1914 bis Januar 1916 leistete er Militärdienst in der Schweizer Armee. Am 18. November 1916 verheiratete er sich mit Anna Maria Ineichen (geb. 5. November 1879).

1916 kam Max Rüdt als Lokalredaktor der "Neuen Freien Zeitung" nach Grenchen. Er war Führer der solothurnischen SP-Jugendbewegung zusammen mit Ernst Wyss und Willi Münzenberg. Seit 1917 vertrat er die Sozialdemokratische Partei im Gemeinderat Grenchen und im Kantonsrat. Zudem war er Präsident der sozialdemokratischen Bezirkspartei.

Handschrift Max Rüdt
Handschriftliche Weisung von Max Rüdt (13. Nov. 1918) an das Personal der Volksküche Grenchen


1918 leitete Rüdt das Grenchner Streikkomitee. Als Präsident des Streikkomitees machte man ihn verantwortlich für alle Ausschreitungen während des Generalstreiks in Grenchen. Das Amtsgericht Solothurn verurteilte Rüdt am 14. März 1919 zu 4 Wochen Haft wegen Hausfriedensbruch, Sachbeschädigung, Nötigung, Anstiftung zu Nötigung und widerrechtlicher Gefangenhaltung. Das Territorialgericht 4, das vom 3. - 5. November 1919 in Solothurn tagte, verurteilte ihn gar zu 4 Monaten Haft und 2 Jahren Einstellung der bürgerlichen Rechte. Ein äusserst hartes Urteil fast ein Jahr nach dem Generalstreik in einer Zeit also, da Rüdt von der Arbeiterschaft und von der Partei längst verstossen worden war. Im Vergleich dazu verurteilte das Divionsgericht III Robert Grimm im schweizerischen Landesstreikprozess zu 6 Monaten Haft ohne Einstellung der bürgerlichen Rechte. Der Landesstreikprozess in Bern fand schon in den Monaten März und April 1919 statt.

Noch im Jahre 1918 begann gegen Rüdt eine Hetzkampagne in der Presse und zwar nicht nur in den kantonalen Blättern sondern in der Presse der ganzen Schweiz. Ende 1918 forderte der Gemeinderat den Regierungsrat auf, Rüdt aus allen Aemtern abzuberufen. Im Mai 1919 schliesslich trat Rüdt aus allen Aemtern zurück. Nationalrat Jacques Schmid entliess ihn mit nicht belegbaren Vorwürfen (ungetreue Buchführung) als Redaktor der "Neuen Freien Zeitung". Zudem erfolgte der Ausschluss aus der Sozialdemokratischen Partei des Kantons Solothurn. Diese Hetze hatte Erfolg: im März 1919 überfiel ein Mitglied der Grenchner Bürgerwehr Rüdt und schlug ihn blutig zusammen.

Nach der Hetzjagd auf seine Person verliess Rüdt Grenchen. Bitter enttäuscht, zog er sich aus der Politik zurück. Er liess sich anschliessend in Zürich nieder (Münstergasse 13), wo er im Jahre 1919 ein Lebensmittelgeschäft kaufte und zusammen mit seiner Frau betreiben wollte. Offenbar rechnete Rüdt nicht mit einem so vernichtenden Urteil des Territorialgerichts 4. Nach diesem harten Urteilsspruch blieb Rüdt nichts anderes, als auf den Erfolg des Begnadigungsgesuchs um Erlass seiner Haftstrafe zu hoffen, das er am 26. Dezember 1919 an den Bundesrat richtete. Doch schon am 8. Januar 1920 lehnte der Bundesrat das Gesuch ab. Es gelang Rüdt, den Haftantritt bis zum 1. Juni 1920 hinauszuschieben. Rüdts Ehefrau war aus gesundheitlichen Gründen nicht in der Lage, während der Haftverbüssung ihres Ehemanns das Geschäft zu führen. So war Rüdt gezwungen, das erst vor einigen Monaten erworbene Ladengeschäft zu verkaufen. Rüdt trat, seit 1. April 1920 wahrscheinlich ohne Einkommen, seine Haftstrafe am 1. Juni 1920 im Bezirksgefängnis Pfäffikon an. Sein Bruder reichte noch im März 1920 ein weiteres Begnadigungsgesuch beim Bundesrat ein, das wiederum abgewiesen wurde. Auf Befragen betreffend Begnadigung erklärte Rüdt, wenn die Sozialdemokratische Partei ein solches Gesuch einreiche, werde er es annehmen, von Angehörigen oder Verwandten nicht. Ein entsprechender Vorstoss seitens der Partei erfolgte jedoch nicht. Nach der politischen Tragödie folgte jetzt auch der persönliche und finanzielle Ruin eines Menschen, der sich mit grossem Engagement für die Arbeiterschaft und die Arbeiterbewegung eingesetzt hatte.

In den Jahren nach seiner Haftverbüssung, 1920 bis 1947, hielt sich Max Rüdt in Arbon, wieder in Zürich, in Bern und zuletzt in Weinfelden auf. Dazwischen kam er immer wieder nach St. Gallen zurück, so 1922 von Arbon. Er wohnte fast 7 Jahre in St. Gallen, wo er sich im November 1928 von seiner Frau scheiden liess. 1929 zog Rüdt nach Bern. 1941 kehrte er von Zürich zurück nach St. Gallen, das er nach 9 Monaten erneut verliess, um sich in Weinfelden niederzulassen. Als Beruf gab Rüdt jeweils an: Aquisiteur, Sekretär, Journalist.

Rüdt war für den Rest seines Lebens gezeichnet und es gelang ihm nicht mehr, eine neue Laufbahn aufzubauen. Er verstarb am 8. September 1947 in St. Gallen mittellos im Alter von 58 Jahren. Zur Zeit seines Todes war er in Weinfelden domiziliert. Offenbar starb er bei Bekannten oder Verwandten in St. Gallen.

Quellen zu Rüdt's Biografie:

Blaser, Rolf: Grenchen im Generalstreik 1918. Historisches Seminar der Univ. Bern, Proseminararbeit bei Prof. H. von Greyerz, ca. 1969

Lätt, Jean-Maurice: 120 Jahre Arbeiterbewegung des Kantons Solothurn. S. 317

Moser, Salome: 100 Jahre Sozialdemokratische Stadtammänner in Grenchen. S. 22

Die Personalien von Max Rüdt und die Angaben zu seinen Lebensstationen nach der Haftverbüssung (1920-1947) verdanke ich Herrn Dr. Marcel Mayer, Stadtarchiv St. Gallen



SZ 13.12.1918

Solothurner Zeitung v. 13.12.1918 (Stadtarchiv Grenchen)


Aeusserungen über Rüdt und zum Streikgeschehen aus verschiedenen Publikationen:


Stefan Batzli in der AZ vom 15. Oktober 1987: Der Generalstreik im Kanton Solothurn (III)

"Fremde" Truppen: Das Militär-Departement taxierte das Zurückhalten [der Landsturm-Einheiten] als Versagen und schickte fremde Truppen nach Grenchen. Als sich später dann die schweren Zusammenstösse zwischen Truppen und der Bevölkerung ereigneten, war der Streikabbruch längstens vereinbart. Dass in Grenchen weiter gestreikt wurde, lag daran, dass die Arbeiterschaft den Behörden nicht glaubte, welche den Streikabbruch bekannt gaben. Sie warteten auf direkte Anweisungen durch die [Solothurner] Streikleitung: die aber wurde vom Militär in Solothurn festgehalten.

in Klammern: Ergänzungen von A. Fasnacht


Hans Ryf im Grenchner Tagblatt vom 12. November 1988

Als rhetorisch und dialektisch geschulter Jünger der deutschen Spartakisten Karl Liebknecht und Rosa Luxemburg attackierte Rüdt mitleidlos das Bürgertum, und seine bolschewistischen Fanfaren klangen wie Musik in den Ohren seiner Anhänger. Selbst die Frauen der Arbeiterunion verfielen der Magie und dem Charisma des gutgekleideten St. Gallers mit den weltmännischen Manieren. Kein Grenchner Arbeiter habe sich, so bezeugt eine ehemalige Sozialisten, rhetorisch mit dem Rüdt messen können.
Würde der romanitsch angehauchte Sozialreformer, der mit der trügerischen Hoffnung auf einen Sieg des Grenchner Proletariats schmeichelte, auch die letzte Hürde überspringen - den Generalstreik?


Jean-Maurice Lätt: 120 Jahre Arbeiterbewegung des Kantons Solothurn. S.155

In bürgerlichen Kreisen arbeitete man in Zusammenhang mit dem Landesstreik unentwegt mit der "Rädelsführertheorie", und für das Grenchner Bürgertum war der "Hauptschuldige" bald gefunden, nämlich Max Rüdt, der in einer masslosen Hetzkampagne zu einem Dämon, Verführer der Jugend und Grenchner Sowjetdiktator gemacht wurde.


Schaffhauser Bote 28.12.1918

Schaffhauser Bote vom 28. Dez. 1918 (Stadtarchiv Grenchen)


Rolf Blaser: Grenchen im Generalstreik 1918. (Grenchner Jahrbuch 1974) S.14

Man findet allgemein bestätigt, dass die Versammlungen im übrigen diszipliniert durchgeführt wurden und der lokale Streikleiter wiederholt zu Ruhe und Ordnung mahnte. Ein Gerücht, wonach der Streikleiter selbstherrlich die Solothurner Regierung benachrichtigt habe, Grenchens "Sowjetregierung" anerkenne Gesetze und Obrigkeit nicht mehr, erwies sich als Zeitungsente.


Rolf Blaser: Grenchen im Generalstreik 1918. Historisches Seminar der Univ. Bern, Proseminararbeit bei Prof. H. von Greyerz, ca. 1969.

Einen etwas zwiespältigen Eindruck macht die Person des lokalen Streikleiters Max Rüdt. Als Redaktor der sozialdemokratischen Neuen Freien Zeitung war er natürlich auch persönlichen Anfeindungen und Verleumdungen ausgesetzt. Wir glauben nicht, dass man die vom Oltener Aktionskomitee nicht gebilligten Ausschreitungen seiner "Hetzarbeit" zur Last legen darf. Es scheint vielmehr, als habe er die Führung über die aufgebrachte Arbeiterschaft verloren. Offenbar fand Rüdt, wie er sich selber beklagte, zu wenig Rückhalt bei den älteren, gesetzteren Genossen. Mehr nur dem Namen nach Streikleiter, musste er dennoch vor Gericht als Sündenbock herhalten. Seine Behauptung, er sei nie für den Generalstreik eingetreten, überrascht allerdings, gewinnt man doch eher den Eindruck, er habe sich vielleicht von seiner Stellung auch persönliche Vorteile versprochen. Um einen "Berufsrevolutionär" kann es sich bei Max Rüdt aber nicht im entferntesten gehandelt haben, sonst hätte er sich nicht bereits wenige Monate nach dem Generalstreik, von der Partei bitter enttäuscht, ganz von der Politik zurückgezogen.


Hans Hartmann: Die Schüsse von Grenchen. WOZ Spezial vom 5. Nov. 1998

In Grenchen bildet sich eine Streikleitung aus Vertretern der lokalen Gewerkschaften und der SP. Zum Präsidenten wird Max Rüdt gewählt, Präsident der sozialdemokratischen Bezirkspartei, Präsident der Volksküchenkommission, Gemeinde-, Kantons- und Erziehungsrat. Der gebürtige St.Galler, zur Zeit des Generalstreiks 30jährig, war zuerst Typograf, studierte dann Philosophie und Kunstgeschichte, bevor er im Januar 1916 als mitverantwortlicher Redaktor und Grenchen-Korrespondent für die Neue Freie Zeitung (NFZ) zu arbeiten begann.

Von Rüdt ist aus den Generalstreiktagen ein Foto erhalten geblieben. Es zeigt ihn, neben einem zweiten Streikposten und hinter einem Kalksteinquader postiert, ein Geleise am Südbahnhof blockierend, den Blick fest auf den Horizont und eine bessere Zukunft gerichtet. Mit seinem steifen Hut, Stehkragen, Schnurrbart und knielangem Cape sieht Rüdt allerdings nichts so aus, wie man sich Gramscis «organischen» Arbeiter-Intellektuellen vorstellt.

Der junge Rüdt schwärmt für den «idealen Sozialismus». Nach Grenchen ist er gekommen, so erklärt er den «Arbeiterinnen und Arbeitern» in seinem Antrittsartikel, «weil ich weiss, dass ich in Grenchen eine Bevölkerung vorfinde, die zu jedem Opfer bereit ist, wenn es gilt für das Wohl der Arbeiterschaft und des ganzen Volkes zu wirken und wir für die idealen, sozialen Güter, für Licht, Freiheit und Wahrheit einzustehen haben». Jetzt, im Generalstreik, ist die Stunde der Bewährung gekommen. Inwiefern Rüdt die verschiedenen militanten Aktionen die Streikenden organisiert, billigt oder bremst, ist nicht ganz klar. Rüdt hält mehrere Reden, in denen er zu Ordnung und Disziplin aufruft, er verurteilt öffentlich die Beschimpfung des Stationsvorstandes durch «einige unverantwortliche Elemente», und als bei einem Fabrikanten eine Scheibe in die Brüche geht, drückt er diesem persönlich sein «tiefstes Beileid über diesen Vorfall aus». Andererseits scheut der Streikleiter keineswegs die Konfrontation: Einzelne Streikbrecher werden in Grenchen aus den Fabriken geholt, Barrikaden blockieren die Geleise am Nord- und Südbahnhof, und dem Militär verweigert er die Benutzung der Volksküche [s. o. Handschriftliche Weisung von Rüdt].


In Klammer: Anmerkung von A. Fasnacht


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A. Fasnacht 07/2001