Generalstreik 1918 in Grenchen
Die Zeit nach dem Generalstreik 1918
Emotionen
von Alfred Fasnacht
Die Tage nach den Ereignissen des Generalstreiks 1918 in Grenchen brachten die explosive Stimmung zwischen der Arbeiterschaft und den bürgerlichen Parteien zum Ausbruch. Eine Stimmung, die sich schon in den Jahren vor dem Generalstreik ständig aufgeladen hatte. So gehört denn die Polemik in der damaligen Presse zum schlimmsten und längsten Schlagabtausch mit der Feder, den Grenchen je erlebt hat.
Mit der Wiederaufnahme der Arbeit und der Entlassung der Ordnungstruppen ist der Ausnahmezustand aufgehoben. Der Kampf jedoch geht weiter, leider nicht nur in der Presse.
Ende November mehren sich in der Neuen Freien Presse die Klagen organisierter Arbeiter, denen mit Entlassung gedroht oder wegen ihrer Teilnahme am Generalsteik gekündigt wurde. Die "Schwarze Liste", welche unter den Arbeitgebern zirkulierte, sperrte die Entlassenen auch von den übrigen Arbeitsplätzen aus. Andererseits sollten Boykott-Listen von Geschäften, "welche während den Streiktagen sich in herausfordernder Weise gegenüber der Arbeiterschaft benommen haben", die Weihnachtseinkünfte der betreffenden Geschäftsleute empfindlich herabsetzen.
Die Angst, die der Generalstreik im bürgerlichen Lager auslöste, spricht aus den Aufrufen zur Bildung von paramilitärischen Organisationen, Bürger- oder Gemeindewehren genannt.
Das Grenchener Tagblatt vom 26. November 1918 bringt folgenden Aufruf:
Alle Freunde von Ruhe und Ordnung werden dringend gebeten, sich unverzüglich in die Listen der Gemeindewehr einzuschreiben. Wie stand die Einwohnerschaft da in den Revolutionstagen der vorletzten Woche? Das darf nicht mehr vorkommen! Diesmal man droht ja mit dem Wiederkommen müssen wir uns vorsehen. Kein Mensch soll herausgefordert werden; wir wollen nichts als Ruhe und Ordnung in der Gemeinde. Wer diese zu bedrohen sucht, kommt mit der Gemeindewehr in Konflikt! Ihr alle, die ihr gegen die alles zerstörende Revolution seid, ob militärpflichtig oder nicht, schreibt euch ein in die Listen.
Einen Monat nach diesem Aufruf macht die sozialdemokratische Presse die neuformierte "Grenchner Knüppelwehr" für grobe Tätlichkeiten und nächtliche Radauszenen verantwortlich. Das Grenchener Tagblatt dagegen verharmloste diese Vorfälle als persönliche Liebhaberei von etwas tatkräftig veranlagten Bürgerlichen.
Bekanntlich war auch Max Rüdt ein Opfer der Gemeindewehr. Rüdt wurde im März 1919 von einem Schläger der Gemeindewehr Grenchen überfallen und blutig zusammengeschlagen.
Es gab jedoch eine starke Bewegung innerhalb der bürgerlichen Parteien, die sich für einen "Neuaufbau" einsetzte. Eine Bewegung also, die sich des grossen sozialen Problems in der Schweiz bewusst wurde und bereit war, mit Taten eine Verbesserung der Situation herbeizuführen. So lesen wir im Artikel von Rainer W. Walter aus dem Jahre 1993 folgenden Passus:
Noch im Jahre 1918 erschien die Schrift "der Generalstreik Ein Wort zur Aufklärung". Als Herausgeberin zeichnete die freisinnig-demokratische Partei des Kantons Solothurn. An dieser Schrift erscheinen heute zwei Sachverhalte als besonders aufschlussreich: Die Solothurner Freisinnigen äusserten sich in ihrer Schrift mit keiner Zeile zu den doch nicht alltäglichen Ereignissen im Kanton Solothurn. Diese wurden offenbar ausgeklammert. Auch Namen von Solothurner Streikführern wurden keine genannt. Es schien, als wollten die Verfasser der Schrift keine kaum vernarbten Wunden aufreissen. Gleichzeitig signalisierten sie ihre Bereitschaft zur konstruktiven Diskussion, in dem unter anderem ausgeführt wird: "Zahlreiche Mängel und Uebelstände sind im Laufe des Krieges zum Vorschein gekommen, die nicht weiter bestehen dürfen." Und weiter: "Das Ziel muss sein, die Kluft zwischen Besitzenden und Besitzlosen zu verringern, die bestehenden Spannungen zu mildern und allen Volksgenossen einen Anteil an den materiellen und geistigen Gütern zu sichern, der ihren natürlichen Anlagen, ihren Leistungen und wirklichen Bedürfnissen entspricht.
Leider rissen die enorm harten Urteile im Grenchner Streikprozess vor dem Territorialgericht 4 erneut die Wunden auf. Der Neuaufbau, für den einsichtige Bürgerliche eintraten, wurde damit erheblich erschwert. So berichtet die NFZ vom 7. November 1919: "Das ist das Urteil des Territorialgerichts 4, das unerhörteste aller Generalstreikprozessurteile. Es ist eine böse Saat, die das Territorialgericht 4 da gesät hat. Stolz und ungebrochen verliessen die Verurteilten unter Absingen der Internationale die unheilvolle Stätte blutiger Klassenjustiz".
Nationalrat Jacques Schmid schreibt in seinem 1953 erschienenen Buch 'Unterwegs 1900-1950': Mit diesen Verurteilungen und den drei unschuldigen Todesopfern von Grenchen haben die solothurnischen Arbeiter das grösste Opfer in der ganzen Schweiz für den Landesstreik bringen müssen, was die Parallele bildet zu den politischen Zuständen im Kanton zu jener Zeit.
Die Gerichtsurteile wurden als Rache der Gegner der Arbeiterbewegung aufgefasst. Sie behinderten die Aufbaubewegung und sorgten für einen starken Rückschlag in der sich anbahnenden Klimaverbesserung zwischen Links und Rechts.
Emotional brauchte die innere Bewältigung der Generalstreiktage in Grenchen Jahrzehnte. Punktuell tauchten die Ereignisse immer wieder auf für die Argumentation im politischen Alltag. Noch im Jahre 1960, anlässlich des Wahlkampfs für die Grenchner Ammannwahl kamen plötzlich wieder die Ereignisse von 1918 hoch und sorgten für gehässige Argumentationen. Damals wurde der Sozialdemokrat Eduard Rothen gewählt, der mit grossem Geschick während 30 Jahren als Stadtammann von Grenchen wirkte.
Quellen:
Blaser, Rolf
Grenchen im Generalstreik 1918. Historisches Seminar der Univ. Bern, Proseminararbeit bei Prof. H. von Greyerz, ca. 1969.
Lätt, Jean-Maurice
120 Jahre Arbeiterbewegung des Kantons Solothurn: Für eine demokratische und solidarische Welt. - Zürich: Chronos, 1990.- 369 S. - ISBN: 3-905278-64-2
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A. Fasnacht 09/2001