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Generalstreik / Landesstreik 1918 in Grenchen

Vorgeschichte zum Generalstreik 1918

unter Berücksichtigung der Verhältnisse in der Region Grenchen

Zusammenstellung in Kurzform von Alfred Fasnacht





Kurze Vorgeschichte zum Landesstreik / Generalstreik 1918 in der Region Grenchen

Vorbemerkung: Mit den folgenden Aufzeichnungen versuche ich, in Kurzform die Lage der Arbeiterschaft im Oberleberberg darzustellen in den Kriegsjahren 1914-1918 bis zum Ausbruch des Landesstreiks / Generalstreiks. Die Arbeiterschaft sah sich einer geschlossenen Front der Unternehmer und des Besitzbürgertums gegenüber. Die Unternehmer hatten die Staatsgewalt und das Recht bislang zum grossen Teil auf ihrer Seite. Die Arbeiterschaft musste um ihre elementarsten Rechte und um ihre Existenz kämpfen, dies mit Rückschlägen und unter Schikanen aller Art. Leid und Elend galt es durchzustehen, bis die jahrelangen Kämpfe der Arbeiter um eine menschenwürdige Existenz langsam begannen, Früchte zu tragen. Die Kriegsjahre 1914-1918 und der anschliessende Generalstreik / Landesstreik im November 1918 bilden äusserst wichtige Meilensteine auf dem Weg in die Richtung eines schweizerischen Sozialstaats.


Streiks in Grenchen vor dem Landesstreik / Generalstreik 1918

1869
Erster Streik in Grenchen. Société d'horlogerie de Granges. Die Arbeiter waren noch nicht gewerkschaftlich organisiert, denn erst in diesen Jahren formierten sich im Kanton Solothurn die ersten Arbeiterorganisationen. Die Grütlisektion Grenchen wurde z.B. erst im Jahre 1872 gegründet. Nach einer zehntägigen Arbeitseinstellung erhielten die Streikenden eine Lohnerhöhung zugebilligt.

1887
Lohnreduktion 25 % bei der Société d'horlogerie. Am 7. Oktober treten 200 Arbeiter in den Streik, der von der Reservekassekommision gutgeheissen wurde. Am 2. November wird die Arbeit wieder aufgenommen. Ein Schiedsgericht erklärte die Lohnreduktion als unzulässig.

1889
Ende Jahr treten die Uhrenarbeiter im Jura in den Streik. Der Streik war erfolgreich: 15 % Lohnerhöhung.

1892
22 Uhrenfabrikanten erliessen einen Anschlag, wonach die Visiteure nicht mehr den Gewerkschaften angehören durften. Darauf legten 54 Mann der Partie die Arbeit nieder. Die ganze Uhrenarbeiterschaft wurde mobil gemacht, um für das Vereinsrecht ihrer Kollegen einzustehen. Abgeordnete der Kantonsregierung und der Adjunkt des Schweizerischen Arbeitersekretariats bewirkten schliesslich die Anerkennung des Vereinsrechts der Visiteure.

1894
Uhrenarbeiterinnenstreik in Bettlach (Februar/März).


1895
März - Mai. Wegen zwei Streikbrecherinnen in Bettlach, die deswegen vom Arbeitervorstand mit Fr. 200.-- gebüsst wurden, erhielten am 23. März in 4 Fabriken in Grenchen rund 1000 Arbeiter die Kündigung. Einen Monat später sperrte auch die Uhrenfabrik Langendorf ihre organisierten 300 Arbeiter aus. Die Aussperrung dauerte bis am 15. Mai. Vermittlung des Regierungsrats, Erfolg für die Arbeiterorganisation, der jedoch von kurzer Dauer war.


1895
Oktober - November: Uhrenmacherstreik. 13 Arbeiter wehrten sich gegen den Einkaufszwang im Fabrikmagazin (teure Lebensmittel) und gegen die Verletzung der Tarifverträge. Der Streik verlief erfolglos und wurde sehr hart geführt.


1900
Oktober: Schalenmacherstreik in Grenchen. Einführung des 10 Stundentages. Der Streik war schon nach zwei Tagen erfolgreich.

1903
August: Uhrenarbeiterstreik in Grenchen. 350 Streikende setzen sich 15 Tage lang erfolglos gegen die Partie Brisée ein.

1911
Mai/Juni: Uhrenarbeiterstreik in Grenchen. 350 Streikende. 12 Tage. Kampf um das Gewerkschaftsrecht. Kompromiss dank Vermittlung von Regierungsrat Kaufmann.

1912
Juni/Juli: Schreinerstreik in Grenchen. 33 Streikende. 13 Tage. Vermittler Ammann Luterbacher. Einführung des Zehnstundentages.

1913
August/September: Tunnelarbeiterstreik in Grenchen und Moutier. 1700 Streikende, 24 Tage. Truppenaufgebot. Grund: Aussperrung organisierter Arbeiter. Der Streik war teilweise erfolgreich: 27 Arbeiter blieben ausgesperrt. Grosse Sympathiekundgebung der Arbeiterschaft in Grenchen. Militäraufgebot des Regierungsrats: eine Kompanie marschiert am 22. Sept. 1913 mit aufgepflanzten Bajonetten und scharf geladenen Gewehren durch Grenchen.

1914
Februar-Mai: Die Grosse Aussperrung im Oberleberberg. Rund 2000 Arbeiter werden ausgesperrt. Einmal mehr ging es um die Anerkennung der Arbeiterorganisationen. Teilerfolg: Anerkennung der Gewerkschaft durch die Fabrikanten, es wurden jedoch nur etwa die Hälfte der Ausgesperrten wieder eingestellt. Grosse Not für die arbeitslos bleibenden Ausgesperrten.



Vorgeschichte zum Landesstreik / Generalstreik 1918 in der Region Grenchen

Die in der Mitte des 19. Jahrhunderts in Grenchen angesiedelte Uhrenindustrie entwickelte sich sehr rasch und war bekannt für ihre innovative Kraft wie auch für die Produktequalität. Das hatte auf der anderen Seite einen starken Zuzug von Arbeitern mit ihren Familien aus der ganzen Schweiz zur Folge. Die Einwohnerzahl der Gemeinde schnellte in die Höhe und die Probleme einer Industriesiedlung des frühen 20. Jahrhunderts entstanden: Soziale Probleme, Wohnungsnot, Versorgungsengpässe aller Art, Arbeitskämpfe. Früh schon begannen sich die Arbeiter zu organisieren, zwischen 1870 und 1880.

Im Jahre 1890 gründete man an der Delegiertenversammlung der solothurnischen Grütli-Vereine die Solothurnische Arbeiterpartei (Sozialdemokratische Partei des Kantons Solothurn). 1895 erreichte die Solothurnische Arbeiterpartei ein wichtiges Ziel: die Einführung des Proporzes. Damit hielten die Sozialdemokraten als eigenständige Partei 1896 erstmals Einzug ins Kantonale Parlament. Eine starke, in der ganzen Schweiz bekannte Arbeiterbewegung entstand in Grenchen und im Oberleberberg.

Der Kanton Solothurn gehörte mittlerweilen zu den am meisten industrialisierten Kantonen der Schweiz. Die Bevölkerungsstatistik für die Jahre 1910-1941 (Grafik G2c) belegt diese Tatsache: Der Kanton Solothurn an 2. Stelle. Nach 1910 folgt eine über zwei Jahrzehnte währende Periode kräftigen Wirtschaftswachstums, das nicht nur den Stadtkantonen sondern auch Industriezentren wie Zürich und Solothurn ein sehr hohes Bevölkerungswachstum beschert.

Wachstum Kantone 1910-1941
Das © Copyright der Grafik G2c "Bevölkerungswachtstum 1910-1941" liegt beim BFS

Die lange Liste der Streiks, die vor dem Landesstreik / Generalstreik 1918 in Grenchen stattfanden, bezeugt eindrücklich die sozialen Spannungen im schnell gewachsenen Industrieort. Die Serie der Kampfmassnahmen reiht sich auf bis zur zweiten grossen Aussperrung im Oberleberberg im Jahre 1914, die wohl politisch und emotional zurückzuführen ist auf die Sympathiekundgebung für die streikenden italienischen Tunnelarbeiter (Grenchenberg-Tunnel, 1913) in Grenchen. An der Sympathiekundgebung in Grenchen nahmen ungefähr 2000 Personen teil. Diese Demonstration der Solidarität unter den Arbeitern und den weiteren Verlauf des Streiks deutete die Solothurner Regierung als den Beginn eines Generalstreiks, worauf man eine Kompanie aufbot, die am 22. September 1913 mit aufgepflanzten Bajonetten und scharf geladenen Gewehren durch Grenchen marschierte. Die Ursache des Tunnelarbeiterstreiks war die Aussperrung organisierter Arbeiter. Kurz nach der Militäraktion konnte der Streik beigelegt werden.

Bei der Aussperrung (1914) in Grenchen ging es offensichtlich den Uhrenfabrikanten darum, die Organisationen und Vereine der Arbeiterschaft zu schwächen oder doch mindestens die gewerkschaftliche Organisation der Arbeiter zu verunmöglichen. Die Aktion war vorbereitet. So sperrten die Fabrikanten am 7. Februar 1914 mit vorgedruckten Kündigungszetteln rund 2000 organisierte Arbeiter aus. Die Aussperrung dauerte etwa drei Monate und war begleitet durch beispielhafte Solidaritätsbezeugungen unter der Arbeiterschaft und ihren Organisationen. Einmal mehr sah sich die Kantonsregierung veranlasst, zwei Kompanien auf Pikett zu stellen, um vermeintlichen Ausschreitungen vorzubeugen. So berichtet Walter Kräuchi wie folgt über die grosse Aussperrung:

    "Für die ausgesperrten Arbeiter wurde gesammelt. Die Gewerkschaft zahlte ihnen eine bescheidene Unterstützung aus. Dafür hatte sie sogar ein Darlehen beim Deutschen Gewerkschaftsbund erhalten. Ueber 200 Kinder der Ausgesperrten wurden in Arbeiterfamilien im Kanton verteilt.

    Kinder der Ausgesperrten
    Aussperrung 1914: Über 200 Kinder der drei Monate ausgesperrten Uhrenarbeiter
    in Grenchen wurden im Kanton Solothurn an Arbeiterfamilien verteilt.
    (Bild aus Kräuchi: Aufbruch).


    Am 3. Mai 1914 rief die Sozialdemokratische Partei des Kantons Solothurn zu einer Protestdemonstration nach Solothurn auf. 7264 Teilnehmer, 9 Musikkorps und 83 Fahnen wurden an dieser machtvollen Protestdemonstration gegen das Verhalten der Uhrenfabrikanten gezählt. Diese Demonstration der Solidarität gab einigen bürgerlichen Scharfmachern doch zu denken, und die Unternehmer liessen sich auf Verhandlungen ein. (...) am 8. Mai 1914 wurde zwischen der Fabrikantenvereinigung und den Arbeitnehmern ein Friede geschlossen, nach welchem die Fabrikanten die Arbeitnehmerorganisation, die Gewerkschaft, anerkannten"

Aussperrungsküche Grenchen 1914
Aussperrung 1914: Die Aussperrungsküche Grenchen. (Bild aus meiner Sammlung)

Die drei Monate dauernde Ausperrung endete mit einem Teilerfolg der Arbeiterschaft, denn von den rund 2000 Ausgesperrten wurde nur etwa die Hälfte wieder eingestellt. Die Unternehmer anerkannten nun die Gewerkschaft der Uhrenarbeiter. Die Tatsache, dass organisierte Arbeiter immer wieder Probleme mit ihren Arbeitgebern hatten, blieb jedoch noch jahrelang bestehen. Mit dem Beginn des Weltkrieges und der Mobilmachung der Armee am 1. August 1914 musste die Gewerkschaftskasse die Zahlungen an die arbeitslosen Ausgesperrten einstellen. Die Folgen für diese Arbeitslosen waren katastrophal.

Die Wunden dieser Ausperrung blieben auf beiden Seiten, bei der Arbeiterschaft wie bei den Fabrikanten, unverheilt. Die Stimmung blieb explosiv, auch während der Kriegsjahre und bis nach dem Landesstreik / Generalstreik 1918.

Protestkundgebung 1914 in Solothurn
Aussperrung 1914: Protestkundgebung vom 3. Mai 1914 in Solothurn
gegen die Ausperrung. Mehr als 7000 Teilnehmer. (Bild aus Kräuchi: Aufbruch).


Die Situation während des Weltkrieges 1914-1918

Unmittelbar vor dem ersten Weltkrieg unterzogen sich die Sozialdemokraten dem sogenannten Burgfrieden. Sie hiessen zusammen mit den bürgerlichen Parteien die militärischen Massnahmen zur Verteidigung der Schweiz gut und verzichteten für die Dauer des Krieges auf politische und gewerkschaftliche Kampfmassnahmen. Mit diesem aus heutiger Sicht wohl richtigen Zugeständnis schwächte sich die Arbeiterschaft erheblich. Der Burgfriede wurde jedoch von beiden Seiten öfters gebrochen. Durch den Aktivdienst waren die meisten Sektionen der Arbeitervereinigungen und der Sozialdemokratischen Partei personell ausgetrocknet, die führenden Köpfe standen an der Grenze. Kriegsgewinnler und Spekulanten der schmutzigsten Art griffen auch im Kanton Solothurn um sich. Gleichzeitig wuchs das Elend und die Not der völlig wehrlosen Arbeiterfamilien. Eine Lohnausfallentschädigung während des Militärdienstes gab es nicht. Gleich zu Beginn des Krieges setzte der Bundesrat die wichtigsten Bestimmungen des Fabrikgesetzes ausser Kraft. Lohnkürzungen, unentschädigte Ueberstunden, Sonntags- und Nachtarbeit waren die Folge. In der Grenchner Uhrenindustrie führte man erneut den 11-Stundentag ein. Der Minimallohn eines Arbeiters belief sich im Jahre 1915 auf Fr. 3.50 pro Tag.

Die Arbeiterschaft lieferte sich gezwungenermassen der Willkür von Armee und Behörden aus. Sehr oft waren Arbeiter im Wehrkleide den Demütigungen ihrer militärischen Vorgesetzten ausgesetzt. Wer aufbegehrte, riskierte drakonische Strafen. Die Versuche, sich gegen diese Zustände zu wehren, blieben ohne Erfolg und wurden durch die bürgerliche Presse immer wieder als bolschewistische Wühlarbeit dargestellt. Erst die 1917/1918 aufkommenden kritischen Soldatenvereine (z.B. der von Walther Bringolf geleitete Schweizerische Soldatenbund) fanden etwas Beachtung und hatten gewisse Erfolge zu verzeichnen. Armeeführung und bürgerliche Presse jedoch bekämpften diese Organisationen unaufhörlich. General Wille beantragte dem Bundesrat sogar, die Soldatenvereine zu verbieten.

Jean-Maurice Lätt beschreibt die unsägliche Lage der Arbeiter wie folgt:
    "Unter der Arbeiterschaft machte sich grosses Elend breit, verstärkt durch das Fehlen einer Lohnausfallentschädigung während des Militärdienstes, durch Arbeitslosigkeit und durch eine wachsende Wohnungsnot. Im Oktober 1918 zählte man in der Stadt Solothurn 73 obdachlose Familien; ganz krass war die Wohnungsnot auch in den Industriegemeinden des Wasseramtes, vor allem in Biberist. Arbeitssuchende nahmen in ihrer Not jedes Angebot an, auch dasjenige der berüchtigten kurzlebigen Munitionsfabriken (wie die Munitionsfabrik Trimbach), die von der Hochkonjunktur auf dem Munitionssektor uneingeschränkt profitieren und in kürzester Zeit höchste Gewinne erzielen wollten.

    Die Kantonal- und Gemeindebehörden reagierten sehr spät mit punktuellen Fürsorgemassnahmen: Abgabe von verbilligten Kartoffeln, von verbilligtem Brennholz, in grösseren Gemeinden Schaffung von Notunterkünften für die Obdachlosen, von Volksküchen für die Verpflegung der Bedürftigen. Gemeinden mit starker sozialdemokratischer Vertretung gingen voraus, wie etwa die Gemeinde Grenchen im sozialen Wohnungsbau. Angesichts der Riesengewinne der Unternehmer und ihrer Aktionäre, angesichts des Schieber- und Wuchertums, das sich im ganzen Lande breitmachte, wuchs jedoch die Unzufriedenheit der unteren Bevölkerungsschichten, und es wuchs auch die Ueberzeugung, dass man mit solchen Fürsorgemassnahmen keine Probleme lösen könne, dass viel radikalere Massnahmen nötig seien, dass an einem Wirtschaftssystem, welches solche Ungerechtigkeiten zulasse, etwas grundsätzlich faul sein müsse."

Die Auswirkungen auf die Gesundheit der Arbeiter und ihrer Familien blieben nicht aus. Neben gesundheitlichen Problemen verursacht durch chronische Unterernährung, gehörten immer wieder epidemieartige Krankheitswellen zum Alltag in den Arbeiterquartieren. Die Tuberkulose als Todesursache lag bei den Arbeitern weit über dem Landesdurchschnitt. Diese traurigen Tatsachen gehörten schon vor dem Weltkrieg zum Arbeiteralltag. Durch den Mangel an Lebensmitteln und deren Rationierung im Krieg verschlimmerte sich die Ernährungslage zusätzlich.

Nicht zuletzt diese sozialen und politischen Spannungen waren es, welche die SPS dazu brachten, auf den Zimmerwalder-Kurs, eine konsquent linksradikale Linie, einzulenken. Diese Kursänderung beschloss man am ausserordentlichen Parteitag der SPS vom 9./10. Juni 1917 in Bern. Damit war der Burgfriede endgültig gebrochen.


Solothurnische Sozialdemokratie und Gewerkschaften während des Krieges 1914-1918

In den Kriegsjahren nahm die Lebensmittelteuerung erschreckend zu. Die Grundnahrungsmittel verteuerten sich zwischen 1914 und 1917 um über hundert Prozente, zum Teil sogar um mehrere hundert Prozente. Die SP Schweiz und der Gewerkschaftsbund verlangten im Jahre 1915 energische Massnahmen von den Behörden und vom Bundesrat, der bekanntlich mit Sondervollmachten ausgestattet war: Wiederinkraftsetzung des Fabrikgesetzes, Stundung der Mietzinsforderungen, Festsetzung von Höchstpreisen und Mindestlöhnen sowie eine zentrale Kriegswirtschaftspolitik. Die notleidende Bevölkerung schenkte ihr Vertrauen in zunehmenden Masse der SP und den Gewerkschaften als den einzigen Kräften, die für die ihre Interessen eintraten. Die Mitgliederbestände von Partei und Gewerkschaften stiegen rasch an. Die Mitgliederzahl der solothurnischen Kantonalpartei verdoppelte sich während des Krieges von 1500 auf etwa 3000 Mitglieder. Der Mitgliederbestand der dem kantonalen Gewerkschaftskartell angeschlossenen Gewerkschaften erhöhte sich von 5230 auf rund 14000.

Ein Lichtblick für die SP waren die Kantonsratswahlen im Jahre 1917. Der Freisinn verlor erstmals seit 1830 das absolute Mehr. Die SP gewann 14 Sitze und belegte nun deren 38 im Kantonsrat. Auch die Volkspartei gewann einen Sitz dazu und kam auf 41 Sitze, während die Freisinnigen 15 Sitze verloren und nur noch 68 Mandate inne hatten. Nach einer Kampfwahl wählte der Souverän zudem den Sozialdemokraten Hans Affolter als ersten SP-Regierungsrat des Kantons.

Dieser Wahlerfolg stärkte das Selbstgefühl der Sozialdemokratischen Partei. Drei Punkte des Programms sollten möglichst rasch zur Behandlung gelangen (man schrieb das Jahr 1917!):

  • Einführung des Frauenstimm- und Wahlrechts
  • Schaffung einer Alters- und Invalidenversicherung
  • Steuerbefreiung für Einkommen unter Fr. 2000.- jährlich

Am Anfang des Krieges verunmöglichte die Situation auf dem Arbeitsmarkt gewerkschaftliche Kampfmassnahmen. Im August 1917 fand ein erfolgloser Streik in der Zellulosefabrik Attisholz statt. Erst im letzten Kriegsjahr gelang es den stets aktiven Gewerkschaften und ihren Funktionären, eine erfolgreiche Lohnbewegung in Gang zu setzen. Diese erfolgreiche Bewegung war einerseits zurückzuführen auf die Stärkung der Gewerkschaften durch massiven Mitgliederzuwachs in den Kriegsjahren und anderseits auf die harte Arbeit der Funktionäre wie z.B. Arthur Stämpfli (Sekretär des SMUV Grenchen, von 1919-1933 Grenchner Stadtammann), Adolf Hess (Gewerkschaft der Papierfabrik Biberist) und dem mutigen, jungen Metallarbeitersekretär Walter Heiniger in Gerlafingen.

Nicht unerwähnt bleiben darf die Gründung des kantonalen Arbeitersekretariats in Solothurn im Jahre 1917. Gründer waren die SP und die Gewerkschaften. Der erste kantonale Arbeitersekretär war Adolf Lienhard, der in Personalunion die Funktionen eines Partei- und eines Gewerkschaftssekretärs inne hatte. Neben der Förderung der Partei- und Gewerkschaftsorganisationen und der Abklärung sozialpolitischer Fragen bestand die Sekretariatsarbeit vor allem in der Beratung der werktätigen Bevölkerung. Das Arbeitersekretariat konsultierte man in persönlichen und in arbeitsrechtlichen Fragen. Die Eröffnung des Sekretariats fand am 1. Januar 1917 statt. Das erste Büro des Arbeitersekretariats befand sich im Hinterhaus des Volkshauses, Hotel Falken, in Solothurn.

Max Rüdt, Redaktor des Grenchner Lokalteils der Neuen Freien Zeitung, wird 1917 zum Entsetzen der bürgerlichen Parteien Grenchner Gemeinderat und Kantonsrat.


Was löste den Generalstreik aus?

Es wäre wohl kaum zum Landesstreik / Generalstreik 1918 gekommen, ohne die Provokationen seitens des Bundesrates, der unter dem Druck der Bauern, der Unternehmer, der bürgerlichen Parteien und vor allem der Armeeführung stand. Diese betrachteten alle Kundgebungen gegen die soziale Not als subversiv. Man verlangte ein scharfes Vorgehen gegen alle umstürzlerischen Aktivitäten und Elemente. Ferner gaben die Staaten der Entente zu verstehen, dass sie in keinem angrenzenden Staat eine sozialistische Revolution tolerieren würden.

Zur weiteren Verschärfung der Lage trug der Bundesrat in grossem Masse bei, als er im Januar 1918 eine Vorlage präsentierte, welche vorsah, die Zivildienstpflicht für die ganze Bevölkerung zwischen 14 und 60 Jahren einzuführen. Nicht zu unrecht befürchtete man, dass die zivildienstleistende Bevölkerung der Armeeführung unterstellt würde. Der Zivildiensteinsatz war vorgesehen für die Bereiche Landwirtschaft und Industrie. Die Organisationen der Arbeiterschaft reagierten heftig und voller Zorn gegen diese Form der Zwangsarbeit und Militarisierung. Begleitend zur Zivildienstvorlage mobilisierte der Bundesrat zusätzlich zu den Truppen im Aktivdienst weitere 6000 Mann, um Unruhen vorzubeugen.

Am 2. Februar 1918 nahm in Grenchen ein zahlreiches Publikum an einer Protestversammlung teil. Max Rüdt, Redaktor, und Pfarrer Jules Humbert-Droz aus La Chaux-de-Fonds hielten Reden. In einer Resolution drohte man mit dem Landesstreik. Einige Tage später hielt Robert Grimm in Olten ebenfalls eine Protestrede vor rund 600 Zuhörern.

Schlag auf Schlag jagten sich nun die Ereignisse, die schliesslich zum Landesstreik führten:

  • Gründung des Oltener Aktionskomitees im Februar 1918.
  • Verhaftung von Willi Münzenberg und Verbot der Zeitungen der Freien Jugend anfangs März 1918.
  • Die Parteibasis der Sozialdemokraten verlangte von der Parteiführung mehr Taten statt Worte
  • Die Grenchner SP-Frauen verlangten ein "Fahrwasser, in welchem der Sozialismus nicht nur in Worten, sondern auch in Taten bestehen soll."
  • Der schweizerische Arbeiterkongress in Basel (27./28. Juli 1918) erteilt dem Oltener Aktionskomitee die Vollmachten, einen Landesstreik vorzubereiten, wenn nötig auszurufen und durchzuführen.
  • Im Juli 1918 beginnt die Grippeepidemie (Spanische Grippe), die in den Monaten Oktober - Dezember 1918 ihren Höhepunkt erreicht.
  • Am 5. November 1918 beschloss der Bundesrat wegen Arbeiterdemonstrationen die militärische Besetzung von Zürich.
  • General Wille übergibt das Kommando der Ordnungstruppen in Zürich an Oberstdivisionär Emil Sonderegger.
  • Mit einem Pressebulletin vom 8. November 1918 teilte der Bundesrat seinen Beschluss mit, jeden Verkehr mit der Sowjetmission (Leitung: J. A. Berzin) in Bern abzubrechen und diese einzuladen, die Schweiz zu verlassen.
  • Absetzung des Deutschen Kaisers Wilhelm II am 9. November 1918, Novemberrevolution in Deutschland.
  • Auf das Truppenaufgebot in Zürich antwortete das Oltener Aktionskomitee mit dem Ausruf eines eintägigen Proteststreiks in 19 Ortschaften, darunter auch Grenchen, für Samstag, den 9. November 1918.
  • In Zürich wird dieser Proteststreik verlängert bis zum Abzug der Truppen, also auf unbestimmte Zeit.
  • Das Oltener Aktionskomitee versuchte mit dem Bunderat über den Abzug der Truppen zu verhandeln.
  • Die Armeeleitung drängte den Bundesrat, es auf eine Kraftprobe ankommen zu lassen. Der Bundesrat brach die Verhandlungen mit Oltener Aktionskomitee ab.
  • Damit wurde das Oltener Aktionskomitee gezwungen, den Landesstreik auszurufen, wollte es seine Glaubwürdigkeit bei der Arbeiterschaft bewahren.
  • Das Oltener Aktionskomitee rief den Landesstreik am Montag, den 11. November 1918, aus mit Streikbeginn am Dienstag, den 12. November 1918. Die neun historisch richtungsweisenden Forderungen des Landesstreiks / Generalstreiks 1918 lauteten:
    1. Sofortige Neuwahl des Nationalrats auf Grundlage des Proporzes
    2. Aktives und Passives Frauenwahlrecht
    3. Einführung der allgemeinen Arbeitspflicht
    4. Einführung der 48stundenwoche in allen öffentlichen und privaten Unternehmungen
    5. Reorganisation der Armee im Sinne eines Volksheeres
    6. Sicherung der Lebensmittelversorgung im Einvernehmen mit den landwirtschaflichen Produzenten
    7. Alters- und Invalidenversicherung
    8. Staatsmonopole für Import und Export
    9. Tilgung der Staatsschulden durch die Besitzenden




Für diese Zusammenstellung benutzte ich hauptsächlich die folgenden Quellen:
  • Gautschi, Willi
    Dokumente zum Landesstreik 1918. - 2. durchgesehene Auflage. - Zürich : Chronos, 1988. - 456 S., Broschiert. - ISBN: 3-905278-35-9
  • Lätt, Jean-Maurice
    120 Jahre Arbeiterbewegung des Kantons Solothurn: Für eine demokratische und solidarische Welt. - Zürich: Chronos, 1990.- 369 S. - ISBN: 3-905278-64-2
  • Kräuchi, Walter
    Aufbruch in eine bessere Zeit : 75 Jahre Sozialdemokratische Partei des Kantons Solothurn, 1890-1965. - Solothurn, 1965. - 85 S.

  • Strub, Werner
    Heimatbuch Grenchen : Die vergangenen Jahrhunderte bis in die Gegenwart.
    Solothurn: Vogt-Schild, 1949. 758 S.


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    A. Fasnacht 10/2002