Alte Post

Generalstreik 1918 in Grenchen

Bahnhof Grenchen-Süd

Zeugeneinvernahme Gottfried Walter

Stationsvorstand Bahnhof Grenchen-Süd





Zeugeneinvernahme Gottfried Walter, Stationsvorstand Grenchen-Süd, 16. November 1918, Bundesarchiv MJ 1919, 98/2369 II


Bis Mittwoch Nachmittag war auf unserer Station alles ruhig. Das gesamte Stationspersonal war im Dienst. Etwa um drei Uhr Nachmittags sah ich eine grosse Menschenmenge vom Dorf her gegen die Station zu kommen. Nach meiner Schätzung waren es mehrere Hundert. Fast gleichzeitig meldete mir mein Stellvertreter, Solothurn habe telegraphisch einen Extrazug bis Biel angezeigt. Ich begriff nun die Menschenansammlung auf der Station und meldete nach Solothurn, es sei gewagt, einen Zug auszuführen, bekam aber zur Antwort, man wolle es gleichwohl versuchen. Woher die Leute wussten, dass ein Zug kommen sollte, wusste ich nicht. Von der Station aus können sie diese Kenntnis nicht erhalten haben.

Nun fing die Menge an, gegenüber dem Stationsgeleise die Geleise zu verbarrikadieren. Dazu wurden Wagen, Bretter und Holzspälten verwendet. Weiter unten beim Gaswerkübergang wurden grosse Steinblöcke, Juraquadern, auf die Geleise gelegt. Noch weiter unten, vor der Einfahrtsweiche gegen Bettlach wurden drei Backsteinmauern über das Geleise gebaut.

Barrikade Bahnhof Süd
Barrikade mit Streikenden auf dem Bahnhof Grenchen-Süd


Sobald ich das Beginnen der Streikenden gewahrte, suchte ich sie abzuhalten, aber erfolglos, man antwortete mir, der Zug dürfe nicht kommen. Sie machen jetzt was sie wollen. Inzwischen meldete mir mein Stellvertreter Herr Tschumi, es sei nichts zu befürchten, der Zug bleibe in Bettlach. Als der Zug nicht kam, erschien Redaktor Rüdt auf meinem Bureau und fragte, was eigentlich gehe. Ich beklagte mich über das Verhalten der Streikenden und verlangte, man solle wenigstens uns nicht belästigen. Er versprach in diesem Sinne auf die Streiker einzuwirken. Wie mir mein Personal gesagt hat, soll er nachher in einer Rede die Streikenden instruiert haben. Misshandlungen, Drohungen fanden nicht statt, ausser dass einer der Streiker (Name nicht bekannt.) sagte, man sollte mir das Käppi herunternehmen. Ein zweiter soll zu Photograph Steiner gesagt haben, man solle mir den Grind abreissen.

Etwas anderes ist auf meiner Station nicht vorgefallen. Die Hindernisse sind am anderen morgen durch die Landsturmkomp. weggeräumt worden.


Anmerkungen A. Fasnacht:
  • Interpunktion und Orthografie habe ich beibehalten
  • Den Text verdanke ich Herrn Rolf Blaser, er recherchierte für seine Proseminararbeit im Bundesarchiv Bern
  • Bild aus meiner Sammlung



    Zurück

    zum Start


    A. Fasnacht 10/2001