Tripoli und Tunnelbau - eine Attraktion
Das Dorf der Tunnelarbeiter, das Tripoli, war eine Attraktion erster Güte für Grenchen. Die Grenchner und unzählige Besucher aus der näheren und ferneren Umgebung trafen sich an Wochenenden im Tripoli. Unterhaltung und Kurzweil waren angesagt. Die 27 Restaurants, Weinstuben, Musik- und Tanzlokale des Dorfes boten eine bunte Palette südlicher Unterhaltung. Das Barackendorf und seine Bewohner zogen die Schweizer Besucher in Scharen an. Das italienische Ambiente und das bunte Leben der Südländer kannte man bislang nur aus Reisebeschreibungen.

Sonntag im Tripoli. Fotografie aus Privatbesitz
Sicher fiel den Besuchern als erstes das vokalreiche Stimmengewirr im Tripoli auf. Bei gutem Wetter sassen die Italiener draussen vor ihren Barackenwohnungen, unterhielten sich lautstark und gebärdenreich mit den Nachbarn. Manche Besucher hörten wohl etwas genauer auf die melodiöse Sprache, deren Wohlklang auch dann überwiegt, wenn einfache Leute sie sprechen.
Die braunen und temperamentvollen Südländer standen im Kontrast zu den oft bleichen, bedächtigen Fabrikarbeitern aus Grenchen. Das zeigte sich nicht nur auf der Ebene der Sprachen. Vielleicht waren es gerade diese Unterschiede, die man beim Besuch des Tripoli feststellen und erleben wollte.
Zahlreiche Besucher kauften in den Tripoli-Läden Spezialitäten ein: Salami, Teigwaren, Weine. Dabei konnten sie die italienischen Hausfrauen beim Einkaufen beobachten. Laut und kritisch ging es zu und her, denn die Preise waren selbstverständlich alle viel zu hoch. Sprachlos waren die Tripolibesucher, als sie eine junge Mutter bemerkten, die auf der Barackentreppe sitzend ihr Jüngstes stillte. So etwas hatten sie noch nie gesehen - und erst noch in aller Oeffentlichkeit!
Attraktionen am laufenden Band
Ein Kinematograph öffnete im Tripoli seine Pforten. Italienische und deutsche Stummfilme flimmerten über die Leinwand in der Baracke. Der Besitzer wollte mit deutschen Programmen und mit Inseraten im Grenchner Volksblatt auch die Grenchner ins Tripolikino locken, was ihm offenbar nicht besonders gut gelang. In Grenchen gab es bereits drei Kinos mit einem vielfältigen Programmangebot: Kino Sirius beim Restaurant Rosengarten, die Kinos im Restaurant Bad und im Restaurant Bellevue.

Inserat aus dem Grenchner Volksblatt Jg. 1912.
Selbst der Grenchner Musikverein Helvetia gab 1912 einige Konzerte im Tripoli und zwar in der Grande Cantine. Sogar die Musikgesellschaft Lengnau trat in der Grande Cantine im Tripoli auf.

Inserat aus dem Grenchner Volksblatt Jg. 1912.
Welche Anziehungskraft die Grossbaustelle in Grenchen ausübte, bezeugt ein Inserat des Restaurants Schönegg. Die Aussicht auf die Tunnelbaustelle wird ganz besonders hervorgehoben.
Inserat aus: Zoller, Paul O.: Grenchen. Eine Beschreibung. - Sulothurn, 1913.
Paul O. Zoller berichtet aus dem Tripoli
In einem der ersten Grenchen-Führer, einem hochinteressanten Zeitdokument, ist das Italienerdorf Tripolis als spezielle Sehenswürdigkeit beschrieben. Der Autor Paul O. Zoller erzählt uns als Zeitzeuge im Jahre 1913 mit poesievollen Worten:
Tripolis bei Grenchen, wer hat nicht schon davon gehört! Diesem Eldorado so vieler Söhne des Südens, die sich dort mit Kind und Kegel niedergelassen haben! Die Häuslein sind da so schön hingestellt, als ob sie ein Kind aus einer Spielschachtel genommen und so platziert hätte.
Die Leser wissen, dass die meisten Tripolitaner am Tunnelbau beschäftigt sind. Der Bauplatz ist eingesäumt und wir hören das Brausen und Schnaufen der Maschinen und Lokomobile, das Hämmern und Klopfen, sowie hie und da die Kommandorufe der Vorarbeiter.
Was uns bei einem Gange durch Tripolis auffällt, ist die grosse Zahl der Pinten. Das kommt daher, weil die Barackenvermieter schnell reich werden wollten. Daran haben sich jedoch viele getäuscht, denn die grosse Zahl der Italiener sind sehr genügsam und gedenkt am Zahltage zuerst seiner Lieben im Süden.
Dem Charakter des Dorfes gibt das jedoch keine Veränderung und so wird diese Kolonie namentlich an Sonntagen viel von Auswärtigen besucht. An dem Tun und treiben dieser Leute wird ein lebhaftes Interesse an den Tag gelegt. Mit Neugierde streckt man Köpfe und Hälse in offene Türen und Fenster, um etwas ersehen oder ergattern und dann nachher zu Hause etwas Sensationelles erzählen zu können.
Dabei wird geschimpft und lamentiert über die Hauptstrasse, die mitten durchs Dorf geht. Begegnet man einer schwarzäugigen Signorina, so bleibt mancher stehen und beneidet die Tripolisbewohner um diese Ortsverschönerung, um diese glänzenden, feurigen Augen, die uns einen Gruss bringen aus der Heimat der Trägerin derselben, die gleich sind einer Fata-Morgana aus dem sonnnigen Italien.
Man betrachtet ferner mit Interesse die italienischen Kugelspiele, oder geht in ein Ristoranto, um einen musikalischen "Tschinggen" die Ziehharmonika spielen zu hören. Musik muss sein bei ihnen. So treffen wir fast in jeder Wirtschaft ein elektrisches Klavier an, welches sicher müde ist, wenn der Sonntag vorbei ist.
Links vom Dorfe befindet sich, wie schon erwähnt, ein Teil des Arbeitsplatzes.
Und wenn wir uns das gewaltige Werk näher ansehen, muss auch ein grosser Teil der Verachtung und des Misstrauens schwinden, mit dem der "Tschingge" bedacht zu werden vielfach die Ehre hat. Der Tunnelbau, das Viadukt, sie beide sind die gemeinsame Arbeit dieser Leute, ohne ihre Mithülfe könnte sich der beste Ingenieur keine Lorbeeren holen.
Als ich an einem Sommer-Abend einen Gang durch diese Ansiedelung machte, sah man manchen italienischen Vater, seine Pfeife schmauchend, vor seiner Baracke sitzen. Das war so ein Idyll aus Tripolis. Und wie ich einem Alten zusah, stieg in mir, wie vielleicht auch in ihm der italienische Spruch auf:
Casa mia, casa mia,
Si piccina che tu sia,
Tu mi sempri una badia.
Mein Haus, mein Haus,
So klein du auch bist,
Du bist mir eine Abtei."
Das Interesse schwindet
Doch schon in der zweiten Hälfte des Jahres 1912 lässt das Interesse am Tripoli allmählich nach. Die Besucherzahl nimmt laufend ab. Die Kantinier geraten in finanzielle Schwierigkeiten. Der Reiz des Neuen ist verflogen. Am 4. Juli 1914, etwa vier Monate vor dem Tunneldurchstich und einen Monat vor dem Kriegsausbruch, liest man im Grenchner Tagblatt: ... und heute ist die Zahl derer, die noch das Tripolis bewundern wollen, äusserst gering. Von den Italienern die hier wohnten, sind immer mehr nach dem Dorfe Grenchen gezogen und haben sich hier niedergelassen. Die Einwohnerzahl der einst so besuchten Stadt wurde eine geringere; die Hütten stehen jetzt schon zum Teil leer.
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