Tripoli Grenchen

Grenchen: Tripoli und Tunnelbau 1911-1915

Warum kamen sie nach Grenchen?





Warum kamen sie in die Schweiz und nach Grenchen?

Im Tripoli, der Tunnelarbeitersiedlung in Grenchen, wohnten zeitweise bis zu tausend Menschen, fast ausnahmslos Italienierinnen und Italiener. Was bewog diese Menschen, ihre Heimat zu verlassen und sich in der Schweiz niederzulassen, hier zu arbeiten und ein Auskommen zu finden?

Im Gefolge der Einigung Italiens 1861 trug die verheerende Steuer- und Zollpolitik der Regierung in grossem Masse zur Agrarkrise und zur Verelendung der Kleinbauern und der Landarbeiter bei. Die südlichen Landesteile und Sizilien waren besonders betroffen. Ein weiterer Faktor für die Auswanderung war die Bevölkerungsexplosion ab Mitte des 19. Jahrhunderts. Zwischen 1870 und 1911 vermehrte sich die Bevölkerung Italiens von 27 Mio. auf 35 Mio. Menschen oder um etwa 30%.

Im Süden Italiens verschärften sich die wirtschaftlichen Probleme durch eine Serie von Naturkatastrophen: Erdrutsche, grosse Eruptionen der Vulkane Vesuv und Aetna. Das Erdbeben von 1908 zerstörte Hunderte von Dörfern und forderte über 60000 Menschenleben. Die wirtschaftliche Not war der Grund für Bauernaufstände. Die Armee schlug diese Revolten brutal und blutig nieder.

Vor diesen Szenarien blieb der Bevölkerung tatsächlich keine andere Wahl, als wegzugehen und auszuwandern.

Die aufstrebende Industrie in Europa sowie Grossbauprojekte (Eisenbahn-, Strassen- und Städtebau) lockten Tausende von italienischen Staatsangehörigen in die nördlichen Nachbarstaaten. Viele Süditalienerinnen und Süditaliener verliessen ihre Heimat für immer, überquerten den Atlantik in Richtung Nord- und Südamerika. Vor allem die Auswanderer aus Nord- und Mittelitalien zog es in Richtung Norden in die Industrienationen Europas.

Seit der statistischen Erfassung der Emigration in Italien (1876) verliessen bis zum Eintritt Italiens in den Ersten Weltkrieg (Mai 1915) 14 Millionen Menschen die Apeninnen-Halbinsel. Selbst heute können wir uns das Leid und die menschliche Tragik kaum vorstellen, die sich hinter diesen Zahlen verbergen.

Aus schweizerischer Sicht

In der zweiten Hälfte des 19. Jahrhunderts mit der zunehmenden Industrialisierung wandelte sich die Schweiz vom klassischen Auswanderungsland zum Einwanderungsland. In der Schweiz, deren Wirtschaft gerade im frühen 20. Jahrhundert Arbeitskräfte zu Hauf aufnehmen konnte, schlägt sich die Situation in Italien wie folgt in der Ausländerstatistik nieder:

Ausländer-Statistik 1910


Bis 1914 steigt der Ausländeranteil der Schweiz auf über 15 %. Eine Zahl, die erst Ende der Sechzigerjahre in der Aera Schwarzenbach wieder erreicht werden sollte. Der Frauenanteil verbesserte sich. Im Jahre 1900 war das Verhältnis Männer : Frauen noch 2:1, 1914 betrug es 3:2.

Einwanderungsbestimmungen

Von der Arbeitersiedlung Tripoli weiss man, dass die italienischen Arbeiter ihre Familien mitbringen durften ohne Auflagen und Fristenbestimmungen, wie sie seit Jahren üblich sind. Wieso konnten sich diese Italienischen Arbeiter mit ihren Familien einfach so niederlassen in der Schweiz?

Die Grundlage der freiheitlichen Einreise- und Niederlassungsbestimmungen jener Jahre bildete der Niederlassungs- und Konsularvertrag zwischen der Schweiz und Italien, abgeschlossen am 22. Juli 1868. Dieser Vertrag enthält Bestimmungen wie:

„Infolgedessen können die Bürger eines jeden der beiden Staaten sowie ihre Familien, wofern sie den Gesetzen des Landes nachkommen, in jedem Teile des Staatsgebietes frei eintreten, reisen, sich aufhalten und niederlassen, ohne dass sie wegen Pässen, Aufenthaltsbewilligungen und Ermächtigung zur Ausübung ihres Gewerbes irgendeiner Abgabe, Last oder Bedingung unterworfen wären, denen die Landesangehörigen selbst nicht unterworfen sind.“

Diese und ähnliche freiheitliche Bestimmungen enthielten die meisten Niederlassungsverträge der Schweiz mit ihren europäischen Nachbarn. Erst mit der zunehmenden Fremdenfeindlichkeit einerseits und anderseits mit den vielen politisch Verfolgten, die während des Ersten Weltkrieges einwanderten, änderte sich das. Ab 1917 regelte der Bundesrat die Einreise und Kontrolle, den Aufenthalt und die Niederlassung von Ausländern: die Zentralstelle für Fremdenpolizei wurde eingerichtet.

Woher kamen die Bewohner des Tripoli?

Die meisten Tunnelarbeiter des Grenchenberg-Tunnels kamen nach dem Bau des Lötschbergtunnels (1906-1913) von Kandersteg oder Goppenstein nach Grenchen. Viele unter ihnen arbeiteten schon als Tunnelbauer im Simplontunnel (1898-1905). Es kamen also lange nicht alle Tunnelarbeiter direkt aus Italien nach Grenchen. Sehr üblich war es, dass die Arbeiter nach der Fertigstellung eines Bauvorhabens weiter zogen auf die nächste Grossbaustelle. Das war beim Bau des Grenchenbergtunnels ausgeprägt der Fall. Nicht nur die Werkbahn, die Baumaschinen, die Bohrmaschinen und Werkzeuge „zügelte“ man vom Lötschberg nach Grenchen. Auch die meisten Ingenieure, Vorarbeiter und Bauarbeiter trifft man wieder am Grenchenberg. Selbst die Barackenbesitzer und Kantiniers aus Kandersteg und Goppenstein wechselten das Domizil. Manche brachten sogar ihre Baracken mit nach Grenchen.
Die italienischen Tunnelarbeiter-Familien kannten sich teilweise seit Jahren. Man heiratete und gründete Familien in den Arbeitersiedlungen. Die Kinder besuchten die Italienerschulen. Heute berichten die Nachkommen, dass z.B. ihre Mütter oder Väter in Kandersteg und in Grenchen die Bonomelli-Schulen besuchten. Lange freundschaftliche Verbundenheit und neue verwandtschaftliche Beziehungen wuchsen in den Siedlungen.


Wichtiger Link zum Thema: Emigrazione italiana - Geschichte der italienischen Auswanderung



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A. Fasnacht 01/2004