Gewerbe im Tripoli
Im Tripoli Grenchen erhielten 27 Kantinen (Restaurants, Musik- und Tanzlokale) zeitlich auf die Dauer des Tunnelbaus begrenzte Patente (Betriebsbewilligungen). 11 Läden boten den Siedlungsbewohnern ihre Waren feil. Darunter befanden sich Bäcker, Metzger Lebensmittelläden, Wein- und Gemischtwarenhandlungen. Auch der Coiffeur und der Schuster fehlten nicht. Im Jahre 1912 versuchte sogar ein Kino (Kinematograph) sein Glück im Tripoli. Alles war da, was zur lebendigen Dorf- oder Quartiersgemeinschaft nötig war.
Heute sind uns noch folgende Betriebe bekannt:
Auf Grund der Patent-Erteilung dürfte es möglich sein, mit Hilfe der Ratsprotokolle weitere Namen von Kantiniers im Tripoli ausfindig zu machen.
Das Gewerbe des Tripoli Grenchen schloss sich zusammen in der Unione Esercenti di Tripoli di Grenchen, übersetzt heisst das etwa Gewerbeverband Tripoli.
Die Grande Cantine im Tripoli
Die Grande Cantine im Tripoli war eine Gaststätte mit einem grossen Mehrzwecksaal für Konzerte, Aufführungen aller Art, Tanzanlässe und Bankette. Wir wissen, dass verschiedene Konzerte der Grenchner Musikgesellschaft Helvetia und der Musikgesellschaft Lengnau in diesem Saal stattfanden. Auch zum Bankett der Gründungsversammlung der Krankenkasse für die Tunnelarbeiter (Mutuo Soccorso) lud man die Gäste in die Grande Cantine im Tripoli. Die Grande Cantine hatte für diesen Anlass über hundert Gedecke aufzutischen. Eine Bankettgrösse, die der Betrieb der Familie Malavasi offenbar problemlos bewältigen konnte. Der genaue Standort der Grande Cantine ist heute nicht mehr bekannt. Vermutlich beherbergte einer der grossen Barackenbauten diesen Saalbau.
Coiffeur Varile
Coiffeur Varile stammte aus Sizilien. Im Tripoli galt er als Original. Varile verstand es nicht nur, seinen Kunden eine perfekte Rasur und einen gepflegten Haarschnitt zu applizieren, nein, im hinteren Gebäudeteil seiner kleinen Baracke neben dem Restaurant Sonne hielt er sich zudem Kleinvieh. Geflügel, Kaninchen und ein oder zwei Schweine gehörten dazu. Varile wohnte bis zu seinem Tode, Ende der Zwanziger Jahre, im Tripoli.
Der Laden der Familie Zadra
Das Ladengeschäft (Lebensmittel, Gemischtwaren) der Familie Zadra gab es noch lange nach dem Tunnelbau. Selbst als schon viele Steinbauten die Alpenstrasse säumten, war der Laden von Zadra noch immer in Betrieb und bildete so etwas wie einen Quartierstreffpunkt.
Der Laden und das Café der Familie Gandolfo
Von den Nachkommen einer Ladentochter der Handlung Gandolfo erfahren wir, wie das Geschäft grosse Guthaben abschreiben musste, als der Erste Weltkrieg ausbrach. Im Sommer 1914, nach dem Kriegsausbruch, verliessen einige Hundert Tripolibewohner Hals über Kopf die Schweiz und reisten zurück nach Italien. In der Eile des Aufbruchs vergassen viele, ihre Ladenschulden zu begleichen.
Angst und Sorge um ihre Lieben zu Hause und um die italienische Heimat lösten einen gewaltigen Rückreisestrom aus. Der Rückreisestrom der Italiener betraf nicht nur die Schweiz. Die emigrierten Italiener aus ganz Europa waren auf dem Weg nach Hause. Oft auch aus Angst vor politischer Verfolgung in den Staaten der Mittelmächte. Ein Teil der abgereisten Italiener kehrte jedoch bald wieder in die Schweiz zurück. Italien trat erst im Mai 1915 in diesen furchtbaren Krieg ein.
Das Restaurant Victoria und der Tripolitaler
1912 baute B. Emch die beiden heute noch stehenden Häuser bei der Einmündung der Tripolistrasse (heute Alpenstrasse) in die Kastelsstrasse. Im westlichen der beiden Gebäude richtete der Besitzer das Restaurant Victoria ein, das bis zum Ende des Tunnelbaus eine Betriebsbewilligung erhielt. Der Pächter des Restaurants war E. De Pol. De Pol reiste 1911 aus dem Tessin an, wo er bislang bei Unterhaltsarbeiten der Gotthardstrecke als Mineur beschäftigt war. Er arbeitete in Grenchen als Mineur im Grenchenbergtunnel. Seine Frau, Domenica Canonica, führte das Restaurant Victoria. Viele Arbeiter waren im Restaurant Victoria tägliche Kostgänger.
Von De Pol sind Wertmarken in Form von Messingmünzen erhalten. De Pol verkaufte wohl diese Marken etwas unter dem aufgeprägten Wert an seine Gäste im Tripoli. So kam er als Kantinier rechtzeitig zu seinem Geld und die Gäste hatten günstige Jetons, mit denen sie die Konsumation bezahlen konnten. Ob diese Wertmarken auch in anderen Gaststätten oder Läden im Tripoli eingelöst werden konnten, bleibt eine offene Frage. Die erhaltenen Marken sind stark abgegriffen, was von regem Gebrauch zeugt.

Wertmarke 50 Rappen des Kantiniers E. De Pol, Rest. Victoria, Tripoli Grenchen. Messing, Durchmesser ca. 24 mm.
Vermutlich gab es auch Marken mit anderen Wertbezeichnungen.
Slg. Marino De Pol, Bremgarten BE. Bilder A. Fasnacht
Das Restaurant Sonne, ein Zentrum im Tripoli
Herr A. Schluep liess das stolze Wohnhaus mit Restaurant im Jahre 1913 errichten. Das Gebäude steht heute noch und wird seit 1926 von der Familie Waelti bewohnt. Die Sonne war ein Blickfang im Tripoli, überragte sie doch alle umliegenden Holzbauten. Ortsunkundige konnten sich im Tripoli am Gebäude der Sonne orientieren. Selbst heute noch sucht man auf alten Fotografien des Tripoli zuerst nach diesem Steinbau als Fixpunkt und Orientierungshilfe.
Während der Tripolizeit und einige Jahre danach erlebte die Sonne eine unruhige Zeit. Besitzer und Pächter reichten einander in kurzen Abständen die Tür.
Ein Miteigentümer der Liegenschaft Sonne, Herr Adolf Feremutsch, richtete ein Gesuch an die Behörden, um das Wirtshaus auch nach der Tunnelbauzeit, also nach 1915, weiterführen zu dürfen. Hundert Unterschriften aus dem Quartier unterstützten das Gesuch für eine "Quartiersbeiz". Feremutsch berief sich zudem auf die Wichtigkeit der weitum einzigen öffentlichen Telefonstation in seinem Lokal. Die Behörden blieben hart und lehnten das Gesuch ab.
Zum Schluss kreiste der Pleitegeier über dem Haus, das schliesslich von einer Bürgengemeinschaft übernommen wurde, bis es 1926 in den Besitz der Familie Waelti überging.
Die Krise im Tripoli
Beim Durchsehen der Jahrgänge 1911-1915 des Grenchner Volksblattes fällt auf, dass die noch im Jahrgang 1912 recht häufigen Inserate der Betriebe im Tripoli fast plötzlich verschwinden. Schon im Jahrgang 1913 findet man keine Tripoli-Inserate mehr. Nach 1912 fanden auch die Versammlungen und Feiern der Società di Mutuo Soccorso nicht mehr im Tripoli statt. Man verlegte diese Anlässe nach Grenchen ins Restaurant Rosengarten, ins Hotel Sternen und in die (alte) Turnhalle.
In der Tat machten sich schon 1912 erste Anzeichen einer Krise breit im Tripoli. Die erwarteten Umsätze wurden nicht erreicht und als das Tripoli allmählich den Reiz des Neuen verlor, gerieten viele der 27 Gaststätten in finanzielle Not. Eine dreiteilige Artikelserie im Grenchner Volksblatt berichtete im Mai 1913 über die Krisensituation im Tripoli. Was war der Grund für die Misere? Es gab verschiedene mehr oder weniger wirksame Faktoren:
Viele Kantiniers waren selber nicht Barackenbesitzer und unterzeichneten Mietverträge (Unterpacht), die auf der Basis des tatsächlichen Marktumfangs im Tripoli nicht zu erfüllen waren.
Die sprichwörtliche Sparsamkeit der italienischen Bauarbeiter dürfte weniger ins Gewicht fallen. Kannten doch viele Kantiniers diese Eigenschaft von früheren Baustellen.
Barackenbesitzer und Kantiniers versuchten die Kosten auf die Logis-Mieter zu überwälzen mit dem Resultat, dass diese das Tripoli verliessen und in Grenchen Wohnunterkunft suchten. Der Markt im Tripoli verengte sich zusehends.
Die Behörden bewilligten zu viele Kantinenbetriebe. Im ein Jahr später entstandenen Tripolis Trimbach (Hauenstein Basistunnel) wo mehr als doppelt so viele Leute wohnten, gab es etwa gleich viele Kantinen wie im Tripoli Grenchen. Vielleicht änderte man auf Grund der Grenchner Erfahrungen die Bewilligungspraxis?
Offenbar informierte man die Kantiniers, dass für den Tunnelbau in Grenchen etwa 1'100 Arbeiter erwartet würden. In Grenchen waren durchschnittlich nur 575 Arbeiter im Einsatz. Vermutlich überschätzten verschiedene Stellen die notwendige Anzahl Arbeiter für die Arbeiten in Grenchen. So war auch die Italienerschule Grenchen für gut 200 Schüler geplant. Es kamen schliesslich knapp 100 Schülerinnen und Schüler. An der Gemeindeversammlung vom 30. November 1911 wird die Zahl vom "2500 Seelen zählenden Italienerdorf" genannt. Auf welche Quellen sich die geschätzten Zahlen beriefen, ist bis heute nicht bekannt. Eine Tatsache könnte zu den Fehlschätzungen Anlass gegeben haben: Der Grenchenbergtunnel bzw. die Münster-Lengnau-Bahn sollte in Doppelspur ausgeführt werden. Dafür reichten die finanziellen Mittel nicht und man baute Tunnel und Strecke kurzum einspurig.
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