Tripoli Grenchen

Grenchen: Tripoli und Tunnelbau 1911-1915

Bericht/Tagebuch der Suore di San Giuseppe di Cuneo 1912/13






Vorbemerkung

Auf nach Grenchen

Mission und Italienerschule Grenchen: Gründung

Italienerschule Grenchen: Schulalltag

Italienerschule Grenchen: Enttäuschungen und Undank

Erfreuliches für die Schwestern

Tripoli-Spital: Krankheit, Tod und Genesung



Vorbemerkung
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Die St. Josefs-Schwestern (Suore di San Giuseppe) aus Cuneo waren zur Zeit der Tunnelbauten in der Schweiz an verschiedenen Orten tätig, so in Goppenstein, Naters, Kandersteg, Grenchen, Basel, Kaltbrunn (Rickentunnel) und im Kanton Graubünden (Bau der Rhätischen Bahn).

Die Grenchen betreffenden Auszüge aus der Berichterstattung 1912/13 der Schwestern an ihr Mutterhaus in Cuneo sind sozialgeschichtlich nicht uninteressant und bedeutend genug, dass sie hier veröffentlicht werden. Die Berichte dokumentieren Standpunkt und Weltanschauung der Schwestern auf eindrückliche Weise. Rückblickend ist es geradezu spannend, einen Blick auf die abgekapselte Welt und die schwarzweiss kontrastierenden Wertvorstellungen der Suore di San Giuseppe zu werfen. Das Sensorium und Mitgefühl der Schwestern für die Arbeiterfamilien und die hart arbeitenden Italiener war nicht eben gross entwickelt, wie aus dem Bericht hervorgeht. Eine Tatsache, die gewiss auf Gegenseitigkeit beruhte, denn die meisten Arbeiter waren nicht besonders religiös und das sozialistische Gedankengut war weit verbreitet.

Diese Bemerkungen sollen keineswegs die humanitär grossartige Arbeit der Schwestern herunterspielen. Was die Ordensschwestern im Tripoli und in Grenchen leisteten, ist auch heute noch bewundernswert, vorbildlich und verdient unsere uneingeschränkte Hochachtung.

Das fromme Leben der Schwestern war in der Tat nicht einfach. Ulrich Junger, Kandersteg, zitiert in seiner Schrift "Kandersteg während der Tunnelbauzeit 1906-1913" aus dem erwähnten Bericht der Schwestern einige Ausschnitte:


In Bezug auf die Dorfeinwohner waren die Nonnen angenehm überrascht durch deren Freundlichkeit und Arbeitseifer. Männer seien zwar raschen Schrittes auf der Strasse unterwegs zur Arbeit, aber nicht ohne "Guten Morgen", "Guten Tag" oder "Guten Abend" zu sagen.

Natürlich machte den Nonnen der unter der italienischen Arbeiterschaft verbreitete antikirchlich eingestellte Sozialismus zu schaffen. Das wird auch mit der Überschrift Religionskrieg hervorgehoben. Da kam die von kirchlichem Gedankengut weit entfernte Haltung der Arbeiterschaft in der Beschreibung der Gedenkfeier für die beim Tunneleinsturz unter dem Gasterntal umgekommenen Mineure deutlich zum Ausdruck. Mit Befremden wohnten die Schwestern diesem Anlass distanziert bei und bedauerten, dass da keine Messe gelesen wurde. Indessen räumten sie ein, dass die Art und Weise wie der Opfer gedacht wurde Würde innewohnte, obgleich kein Priester zu Worte kam.

Zu dieser Sorge um die religiöse Haltung mancher ihrer Landsleute in Kandersteg kam natürlich auch noch "die Abwehr von Protestantischen Einflüssen". Eine Schwester schreibt: "Sie kommen mit einem Pfarrer, mit Gehilfen, Diakonissen etc. um Proselyten zu machen. Die Träger dieser Propaganda haben ein Gebäude errichtet, welches ein Restaurant enthält. - Kaffee, Schokolade - sowie eine Schule und eine Kapelle. Da würden Arbeiter umworben "um sonntags die Predigt des Pfarrers anzuhören, sie werden zum Mittagessen eingeladen und es werden Bücher verteilt. Um Anhänger zu gewinnen gehen sie von Haus zu Haus." So wird eine der in Kandersteg tätigen Diakonissen als "Die Wölfin" bezeichnet.


Schwester S. Cuore Liboà verfasste den Bericht vermutlich auf Grund von Tagebuchnotizen als ein mehrere Jahre umfassendes Dokument über den Einsatz der Schwestern in der Schweiz.

Meine Bemerkungen im Text stehen kursiv in eckigen Klammern [ ].

Ich danke Herrn Pfarrer Ulrich Junger, Kandersteg, für die Vermittlung des Tagebuch-Berichts der Nonnen. Ein grosses Dankeschön geht an Frau Liliane Consigliere, Kehrsatz. Sie besorgte die Uebersetzung aus dem Italienischen.

Alfred Fasnacht


Auszug aus der Berichterstattung/Tagebuch
der St. Josefs-Schwestern aus Cuneo im Tripoli Grenchen 1912-13.
Autorin: Schwester S. Cuore Liboà
(gestorben 1961)


Auf nach Grenchen
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Im Jahre 1912 zog ein Teil der italienischen Arbeiter nach Grenchen [von Kandersteg und Goppenstein] und eine kleine Gruppe Giuseppine Nonnen folgte ihnen.

Grenchen liegt in typischer Juralandschaft auf leicht hügeligem und fruchtbarem Land, das zur bewaldeten Jurakette ansteigt. Grenchen liegt an der Bahnlinie von Bern nach Olten, zwischen Biel und Solothurn, der Kantonshauptstadt an der Aare.

Grenchen ist eine schöne Stadt mit ca. 10000 Einwohnern, industrialisiert, hauptsächlich Uhrenfabriken. Gemischte Religion: Katholiken, Alt-Katholiken, Protestanten und Juden wohnen in Harmonie zusammen. In Grenchen dient die katholische Pfarrkirche Katholiken und Protestanten für Gottesdienste.

Für die Italiener, die als Tunnel- und Bahnbauarbeiter nach Grenchen kamen, hatte man eine Barackensiedlung im Norden der Stadt gebaut. Dieses Barackendorf nennt sich Tripoli, da sein Entstehen zeitlich mit der Eroberung Tripolitaniens durch die Italiener zusammenfiel [Italienisch-türkischer Krieg, 1912].

Mission und Italienerschule Grenchen: Gründung
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Regierungsrat Dr. Hans Kaufmann, Schuldirektor des Kantons Solothurn, guter Katholik, musste abklären, ob eine italienische Schule in der Stadt Grenchen für die Ausländerfamilien eingerichtet werden könnte. Diese Italiener wurden von der Impresa delle Galerie Grenchen-Moutier für den Tunnelbau angestellt und Kaufmann wollte mit dem Einverständnis der Hilfsorganisation (Opera di Assistenza) sicherstellen, dass für den Unterricht Nonnen angestellt würden. Dies konnte trotz der Opposition der Sozialisten durchgesetzt werden.

Der Missionar, Ulrico Fulchiero, der schon in Kandersteg dieses Amt ausübte, verhandelte mit dem Unternehmen (Impresa delle Galerie Grenchen-Moutier) für die Inbetriebnahme des Spitals und mit der Regierung des Kantons Solothurn für die Eröffnung der Schulen. Er bereitete die Mission in Grenchen vor und wollte seine Unterkunft, das Sekretariat sowie den Kindergarten in der Mission unterbringen. Der Kindergarten wurde jeden Samstagabend in eine Kapelle umgewandelt.

Die Baracke der Mission Goppenstein kam nach Grenchen, wurde auf einen schönen großen Platz im Nordosten des Tripoli transportiert und aufgebaut [Tripoli-Schulhaus]. Das Krankenhaus stand im Nordwesten des Tripoli. Als ein Flügel des Krankenhauses fertig wurde, konnten die Nonnen endlich auch im Kindergarten und in der Schule arbeiten.

Die kleine Wohnung im Spital bestand wie in Kandersteg aus 4 kleinen Räumen. Dort bewahrten die Nonnen ihren Schatz auf. Es waren sakrale Objekte. Wenn die Kapelle auch sehr klein war, konnte man eine Tür zu einem Vorhof öffnen und so das Lokal vergrössern. Alle bereitwilligen Patienten konnten an der Messe teilnehmen.

Italienerschule Grenchen: Schulalltag
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Im Frühjahr des Jahres 1912 eröffnete man in Grenchen die italienische Schule und zwar im gleichen Schulhaus [Schulhaus I] und mit den gleichen Voraussetzungen wie die Schweizerschule. Die Stadt konnte Nonnen, die als Lehrerinnen befähigt waren, durch die Opera Bonomelli anstellen. In einem Punkt musste die Opera Bonomelli nachgeben: der Bürgermeister wollte, dass die italienischen Lehrschwestern in Obhut einer Schweizer Lehrerin, die der italienischen Sprache mächtig war, arbeiteten.

Folglich wurde Fräulein Marta Keller, 26 Jahre alt, Protestantin, Tochter des Direktors der Volksschulen Solothurn, gewählt. Sie hatte 2 Jahre in Livorno verbracht.

Während der Prüfungen in Grenchen [Eignungstests?] war der Direktor der Impresa delle Galleria, der Schulinspektor und der didaktische Direktor [?] anwesend. Sie bewunderten die Kursteilnehmer der zweiten Klasse, die ohne zögern und sehr schnell die arithmetischen Aufgaben lösen konnten.

In der 3. und 4. Klasse waren weniger Schüler, aber die Lehrerinnen hatten trotzdem genug zu tun. Der Intelligenzquotient war sehr unterschiedlich. Einige waren sehr Intelligent und die anderen mittelmäßig. Sie hatten Mühe und es fehlte der notwendige Willen, um die Schwierigkeiten der Programme zu meistem. Immerhin wurden den Mädchen Ordnung und Gottesfurcht (Frömmigkeit) und den Buben Aufrichtigkeit und Treue beigebracht.

Der Reverendo D. Fulchiero verstand, dass die Nonnen den religiösen Unterricht nur beschränkt ausführen konnten. Sie ergänzten dies nach der Messe am Sonntag. Jeden Samstagabend wurde der Kindergarten in eine Kapelle umgewandelt. Am Sonntag zelebriert man zwei Messen: eine im Krankenhaus und eine zweite in der Mission [Tripoli-Schulhaus]. Der Missionar hielt eine Predigt. Am Sonntagnachmittag war Ruhe angesagt, später Gesangschule und am Abend Versammlung.

Die Schwestern der Schule und des Kindergartens halfen mit, mussten aber jeweils nach einigen Stunden weggehen. Der Missionar konnte sich von den Kindern bis spät in der Nacht nicht trennen. Er wollte sie zu Gott führen.

Manchmal musste man ihn als zu gut und zu nachsichtig bezeichnen, was den Lehrerinnen die Aufgabe erschwerte. lhre Aufgabe bestand daraus, den Kindern etwas zu beizubringen.

Es geschah mehrmals, dass Schwester Palmira, wenn sie am Montag ansehen musste, wie der Kindergarten hergerichtet war, mut- und kraftlos wurde. Für sie war der Kindergarten ein Ort, wo Sauberkeit und Ordnung herrschen sollten.

Man musste anerkennen wie gut und fromm der Missionar war und man konnte sagen, dass er das Ebenbild von Don Bosco war.

Schön und erbaulich war es für die Nonnen, dass der Missionar die Arbeit, und die Nachtwache auf sich nahm, nur um die Kinder in die Mission zu locken, sie fröhlich und zufrieden zu sehen. Er gründete eine kleine Musikgruppe und freute sich auf den Tag des ersten Auftritts. Er machte das, um den Kranken eine Freude zu bereiten. Er verlangte auch, dass seine kleinen Musiker eine weisse Fahne aus Seide mit sich tragen durften. Auf die eine Seite der Fahne sollte ein italienischer Stern und eine Lyra mit Lorbeerblättern und auf die andere Margeriten als Zeichen des Frühlings gemalt werden.

Bei der Bemalung der Fahne gaben sich die Schwestern alle erdenkliche Mühe. Alle bewunderten die Arbeit. Es war rührend zuzusehen, wie der Missionar mit den Kindern musizierte. Er war immer bereit alles zu geben und nichts für sich zu behalten.

Alle brachten ihm grosse Sympathie entgegen. Es gelang ihm sogar, eine Jugendgruppe zu gründen, obwohl die Jugendlichen tagsüber arbeiteten. Die Jugendlichen liebten diese Zusammenkünfte und Aktivitäten. Doch der Missionar wurde für eine andere Aufgabe nach Uster entsandt. Alle waren sehr traurig.

Italienerschule Grenchen: Enttäuschungen und Undank
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Einige Schüler waren ungehorsam und hatten schlechte Einstellungen. Dies liess voraussehen, was später aus ihnen würde.

[Kandersteg] Eines Tages, während meiner Lektion, sprach ich mit Enthusiasmus über unsere Heimat. Ich wollte meine Liebe und Nostalgie für mein Land kundgeben. Am Ende des Vortrages verlangte ich ein kurzes schriftliches Resümee, das mir zeigen sollte, wie die Schüler der 4. und 5. Klasse meine Lektion verstanden hatten.

Die Köpfe auf den Heften, fleissig schreibend, schilderten die Schüler ihre Gedanken. Nicht alle, einer von ihnen, ein gewisser RP. immer träge und unruhig, schrieb nicht, er war in Gedanken versunken. Der schräge Blick und die dünnen Lippen zeigten, dass er schlechte Gedanken hatte. Plötzlich sagte er mit Wut an seinen Kameraden gewandt, "wenn ich einen Revolver hätte, würde ich peng peng in den Rücken des Königs schiessen“. Es ist kaum zu beschreiben, welche Wirkung dieser Ausruf auf die Schüler hatte. So kam man zur Einsicht, dass gewisse Schüler schon kleine Gauner waren.

Schulhaus im Tripoli
Schulhaus und Arbeitersekretariat Opera Bonomelli im Tripoli. Bild: Slg. Grenchen Rainer Walter.

[Grenchen] Nach ein paar Jahren zettelte dieser Junge in Grenchen einen unwürdigen Streik an und wurde von seinem Arbeitgeber fristlos entlassen. Er war nicht der einzige, man denke an einen gewissen P.A. und F.F. sowie G.G., diese Ganoven liessen einen gewissen Schatten über die Schule gleiten.

Man kann sich vorstellen, welche Kraft die Schwester Salesia für den Umgang mit ungefähr 60 Schülern, aufgeteilt in zwei Klassen, brauchte. Ihre gute Vorbereitung, ihre volle Hingabe halfen ihr, die Aufgabe zu meistern.

Während des Unterrichts kam es vor, dass der Schüler P. A. sich unter die Schulbank zusammenkauerte und wie ein Schwein grunzte. Wenn die Lehrerin alle Mittel der Überzeugung ausgeschöpft hatte, wurde er hinaus geschickt. Er kletterte an der Eisenstange des Fensters hoch und grunzte fortwährend. Die Nonne hätte den Bedell [Schuldiener, Abwart] rufen können, dieser besass ein Riemchen aus rotem Gummi und er hätte es bestimmt angewendet. Aber die Nonnen wollten dies schliesslich doch nicht.

Während mehreren Tagen hatten die Nonnen die Abwesenheit von zwei Schülern wahrgenommen aber nicht gemeldet. Sie machten auch keine Recherchen, da sie verständlicherweise ganz froh waren, diese Jungen ein paar Tage nicht in der Klasse zu haben. Eines schönen Morgens um ca. 9.30 Uhr kam Polizeichef Gribi mit den zwei Spitzbuben in die Schule, beide an den Haaren herbeigezogen.

Der Anblick liess die Nonnen erschaudern. Die zwei heulten, Schleim kam aus ihrem Mund und die Augen waren weit aufgerissen. Wenn man denkt, mit welcher Vorsicht die Nonnen und der Missionar immer vorgegangen waren, kann man verstehen, dass die Schwester einen Moment absitzen und den Kopf stützen musste, bevor sie weiter hören konnte, was vorgefallen war. Der Polizeichef stellte die beiden Schüler, die während zwei Tagen die Schule geschwänzt hatten vor die ganze Klasse und erzählte, was vorgefallen war. Während drei Tagen hatten sie vagabundiert, die Nacht in einem Sack unter den Baracken verbracht. Am Morgen gingen sie auf den Marktplatz um zu stehlen und wurden in flagranti erwischt. Der Polizeichef Gribi verabreichte ihnen noch zwei Ohrfeigen und schickte sie an ihren Platz.

Die Lehre aus der Geschichte zog der Schüler F. aber leider nicht der Schüler P.A., der unfähig war, sich zu bessern. Wenn man ihn ansah, musste man sich fragen, ob das nicht ein verlorener Sohn war. Er war der jüngere Bruder von dem, der in Kandersteg den Revolver gegen den König richten wollte. Die Eltern waren sicher nicht böse aber schlicht nicht in der Lage, diese Kinder zu erziehen. Der dritte Bruder machte den Schwestern ebenfalls viele Probleme in der Schule und auch ausserhalb.

Ein anderer Schüler G.G. Sohn eines ehemaligen italienischen Polizisten, der in der Wahl der Vornamen seiner Familie eine gewisse Extravaganz walten liess, nannte die erste Tochter Felicita, lride die zweite, Giocondo der dritte und Giuliva die vierte. Er starb früh, lebte aber lange genug, um zu sehen, dass die Vomamen nicht genügten um Ruhe und Zufriedenheit ins Haus zu bringen. Der Bub, der Giocondo benannt wurde, Schüler der dritten Klasse, war undiszipliniert und arrogant. Er wurde vom Bedell [Schuldiener] mehrmals bestraft, ohne Wissen der Nonne. In der 4. Klasse konnte man mit ihm nichts mehr anfangen. Er lernte überhaupt nichts. Er dachte sich nur noch aus, was er anstellen könnte. Die Schwester musste ihn stets im Auge behalten. Das wurde von Tag zu Tag schwieriger und gefährlicher, vor allem weil in der Schule Kinder anwesend waren. Einmal, als die Schwester ihn mit aller Kraft tadelte, erschrak sie, als sie sah, dass er in seinen Taschen etwas suchte. Aber es geschah nichts.

Eines Tages erwachte die Schwester mit Angina und fragte den Missionar Fulchiero, ob er sie vertreten könnte. Sie war im Bett mit Fieber. Am Mittag hörte Sie schnelle Schritte in Richtung Krankenzimmer. Was war los? Der Missionar kam, um erste Hilfe zu holen. Der Schüler Giocondo hatte in der Tasche ein ungewöhnliches Objekt, das losschnellte und ihm die Hand durchbohrte. Man fragt sich was geschehen wäre, wenn er dieses Instrument gegen seine Kameraden oder Lehrerinnen gebraucht hätte. Nach diesem Geschehen wurde die Schwester hellhörig und bei der ersten Gelegenheit wurde er aus der Schule verwiesen.

Himmel öffne dich, der Vater und die Mutter kamen in die Schule und protestierten. Sie wendeten sich an den Missionar, der aber wohlweislich nichts unternahm. Sie wendeten sich an den Inspektor der Schule, aber dieser bestätigte die Entscheidung der Lehrerin.

Die Lehrerein war überzeugt, richtig gehandelt zu haben. Sie wollte die Moral der Klasse bewahren und auch andere Unfälle vermeiden. Die Eltern waren nicht einverstanden.

Sie wendeten sich auch an die Superiori della Congregazione. Die sendeten einen unerwarteten Besuch in der Person der Schwester Concetta und Schwester Begnina im Juni 1913. Sie konnten aber nach der Schilderung feststellen, dass der Verlauf der Angelegenheit ganz anders war als vom Vater geschildert. Die Schwestern waren bei den Kindern sehr beliebt und auch bei den Familien und sie wurden von der Obrigkeit ebenfalls unterstützt und geschätzt.

Die Familie des G. musste ihre Meinung ändern. Nach der Verstossung aus der Schule erwies sich der Sohn mit einem anderen Kameraden als Dieb. Damit man ihn der Justiz entziehen konnte, wurde er nach Italien zu den Grosseltern geschickt. Der Vater von G. starb ganz allein an einem Hirnschlag. Es war wieder die Nonne, die die Familie schreien hörte. Die Schwester kam als erste und half, wo es notwendig war. Die Tochter Giuliva ging noch in die Schule und wurde ihre Schülerin.

Erfreuliches für die Schwestern
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Es gab auch andere Fälle. Schwester Floriana, die in Basel war, erinnert sich noch mit Rührung an ein vierjähriges Mädchen, Bianca Angela Ortelli. Die Eltern konnten sie nicht zu Hause haben, weil sie zu wild und zu unruhig war. Sie gaben das Kind in die Obhut der Schwester Floriana. Um das Kind zu beruhigen wurde von Gott und Katechismus gesprochen.

Die Schwester wunderte sich, wie das Mädchen ihre Worte aufnahm. Es wurde viel ruhiger und konnte mit 4 Jahren die heilige Kommunion nehmen in der Kapelle am Rümelinsweg [Basel]. Welch paradiesische Szene!

Auch Mario Borselli wurde den Schwestern anvertraut. Im Alter von nur 6 Jahren konnte er als Messediener hantieren. Der Obermissionar war sehr stolz und nahm ihn mit, wenn er nach Basel ging um die Messe zu zelebrieren. Der Junge wurde von allen bewundert und man gab ihm oft kleine Geschenke.

Zwei Buben von 10 und 12 Jahren konnten nicht bei den Eltern bleiben, weil sie mit ihrem Geschäft zu beschäftigt waren. Sie schickten sie in Pension zu den Schwestern. Die Kinder hatten noch nichts von Gott gehört. Die Mutter war Protestantin und der Vater Katholik - aber sie waren nicht christlich verheiratet.

Nach den ersten Katechismusstunden, wollten die lieben Kinder unbedingt getauft werden. Die Eltern gaben die Einwilligung. Ein anderes Kind wurde auch am gleichen Tag getauft. Drei Taufen in einem Tag, welch ein Trost für de Mission!

Nach einem Monat Katechismus bei der Schwester wollte ein 12 jähriger Bub auch getauft werden und verlangte die Einwilligung seiner Eltern als Weihnachtsgeschenk.

Die Nonnen hatten viele Opfer zu bringen. Jedes gute Resultat war für sie ein Ansporn, für den Ruhm Gottes und die Rettung des Nächsten weiter zu wirken.

Tripoli-Spital: Krankheit, Tod und Genesung
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Das Krankenhaus wurde von Kandersteg nach Grenchen übersiedelt. Die Luft in Grenchen war ganz anders als in den Bergen des Loetschbergs und viel angenehmer die Atmosphäre. Drei Ärzte wurden angestellt, der Oberarzt war Chirurg, Alt-Katholik, der Zweite, allgemeiner Arzt, war Jude, der Dritte [Dr. Hagnauer] war Assistent und Protestant. Alle respektierten die Schwestern. Die Aerzte waren für die Krankheit zuständig und wollten den Schwestern bei der Pflege und der geistlichen Betreuung der Kranken nicht in die Quere kommen.

Behandlungszimmer
Behandlungszimmer im Tripoli-Spital: Dr. Levy (links), Krankenpfleger und Schwestern. Bild: Monografia mutuo soccorso.

Fälle von Lungenentzündung waren häufig. Der Grund dafür war wohl der starke Temperaturwechsel zwischen Tunnel und ausserhalb des Tunnels. Einer dieser Kranken wurde in die Erholung geschickt, aber er wollte nichts essen. Man hatte Angst, dass er an Untemährung sterben würde. Seit mehreren Tagen ohne Fieber blieb er im Bett ruhig liegen und wollte gar nichts zu sich nehmen. Die Schwester Gioconda war sehr traurig und wusste nicht mehr was sie unternehmen könnte. Plötzlich kam ihr eine Idee. Die Schwestern hatten einen kleinen Garten. Sie holte eine reife Erdbeere auf einem Blatt und ging zum Kranken. Er lächelte die Schwester an und ass die Beere. Das wurde gefeiert. Am anderen Tag brachte ihm die Schwester zwei Erdbeeren und die wurden auch gegessen. Von diesem Moment an war das Problem gelöst.

Ein anderer Kranker befand sich in Lebensgefahr aber man konnte ihm nicht von Gott und der Seele erzählen. Seine Angehörigen waren dagegen, dass er die Sakramente erhielt und standen stets an seinem Bett. Man musste den richtigen Moment abwarten, dass der Patient allein sein würde. Die Ehefrau hatte sich entschlossen, für einige Minuten wegzugehen. Genau diesen Moment nutzte der Missionar.

Alle, die für diesem Sieg geholfen hatten, waren sehr froh. Sie beteten in der Kapelle um sich bei Gott zu bedanken. Sie hatten den Teufel überlistet. Sie dankten für diese Gnade und erinnerten sich gerne daran.

Wenn die Schwestern, in Schwierigkeiten waren wendeten sie sich an San Giuseppe. Der Heilige wurde als Vaterfigur verstanden und er half ihnen in verschiedenen Fällen. Eine Frau sollte als Notfall ins Spital gebracht werden. Das Spital war gross genug, hatte aber nur eine Männerabteilung. Dies würde zu einem Präzedenzfall, man musste handeln. Sie wendeten sich an S. Giuseppe und zündeten Kerzen an. Ein telefonischer Anruf berichtet, dass die Patientin unterwegs war, ein zweiter Anruf, dass sie vor der Türe stand - und plötzlich musste die kranke Frau "zurück Marsch" nach Frutigen gebracht werden. Als guter Vater hat sankt Giuseppe wie immer seinen Töchtern geholfen.

Gott sei Dank kam es in Grenchen selten zu Katastrophen. Einige sind doch im Gedächtnis geblieben.

In der Nacht vom Donnerstag auf Freitag vor Ostern 1913, starben zwei Arbeiter durch eine Minenexplosion. Man brachte sie geköpft ins Spital (ohne Kopf). Die Schwestern waren sehr traurig und sagten, wenn man nur die Seele dieser Arbeiter hätte retten können. Leider lebten nur wenige Arbeiter nach den christlichen Prinzipien. Viele fluchten und lästerten über Gottes Namen.

Einer der Arbeiter lebte in wilder Ehe nicht weit von der Mission. Der Schmerz der Schwestern wurde noch grösser. Sie bekamen den Auftrag zu den Familien zu gehen, um die Nachricht zu überbringen und sie waren sehr unglücklich, weil sie wussten, dass sie nicht über Glauben und Hoffnung reden konnten. Sie versuchten es trotzdem, aber sie kamen zur Einsicht, dass wo kein Glaube ist, ist auch keine wahre Liebe für den Nächsten zu finden sei.

Ein anderes Unglück geschah. Der Kassier dell 'Impresa wurde vom Blitz erschlagen und getötet. Er war auch kein guter Christ. Er lästerte über die Mission in verschiedenen Zeitungen. Seine Leiche wurde ins Spital gebracht. Die Schwestern waren die ersten, die den Toten empfingen. Die Ärzte und der Krankenpfleger probierten die Mundbeatmung, aber ohne Erfolg. Die Familie brachte den Verstorbenen mit vielen Blumen ins Leichenhaus, gebetet wurde wenig.

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Literatur:

Diario delle Suore di San Giuseppe di Cueno 1912/13. Typoscript verfasst von Schwester S. Cuore Liboà.

Junger, Ulrich: Kandersteg während der Tunnelbauzeit, 1906-1913. - Wie das Dorf dem Zustrom der vielen ausländischen Arbeiter und deren Familien begegnete. - Kandersteg, 1995. - Typoscript, 32 S.



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A. Fasnacht 03/2004