Tripoli Grenchen

Grenchen: Tripoli und Tunnelbau 1911-1915

Gotthardtunnel 1872-1882





Der 15 km lange Gotthardtunnel entstand in den Jahren 1872-1882. Auf den Baustellen der Gotthardbahn arbeiteten etwa 15000 italienische Bauarbeiter. Die Unterkunft der Tunnelarbeiter in Airolo und in Göschenen war schlicht katastrophal, wie eine vom Bundesrat in Auftrag gegegebene Untersuchung an denTag brachte. Fehlende Toiletten in den Wohnbaracken der Arbeiter und im Tunnel hatten verheerende gesundheitliche Folgen. Die Barackenbesitzer vermieteten nicht selten ein Bett an drei Arbeiter - die Schichtarbeit ging über ins Schichtschlafen, ins sog. Italienische Schlafen. Viele Schlafstätten waren ohne Fenster und konnten kaum gelüftet werden.

Eine Hakenwurmepidemie brach aus. Italienische Arbeiter waren Träger des Parasiten und schleppten ihn ein. Der Wurm konnte sich unter den miserablen hygienischen Zuständen rasch und mit dramatischer Wirkung ausbreiten. Neben dem Hakenwurm war auch die Mineurkrankheit (Silikose) stark verbreitet. Viele Tote waren zu beklagen durch Dynamitgas-Vergiftungen. Neben den Unfallopfern starben mehrere Hundert Arbeiter an den erwähnten und an anderen Krankheiten.

Der bekannte St. Galler Arzt, Hygieniker und Politiker Dr. Jakob Laurenz Sonderegger erinnert sich in seiner Selbstbiographie an die grauenvollen Zustände, die er anlässlich einer Untersuchung im Auftrag des Bundesrates in Göschenen und Airolo antraf:


    Ich war allmählich in den Ruf eines eifrigen Gesundheitspflegers gekommen und wurde als solcher auch wirklich verwendet zu Expertisen: in Olten, Aarau, Trogen, Herisau, Solothurn, Altdorf, Schaffhausen, Münsterlingen, besonders auch vom h. Bundesrate im Jahre 1875, da ich, gemeinsam mit dem Ingenieur Hektor Egger, die Gotthardtunnelarbeiterwohnungen zu Göschenen zu untersuchen hatte. Diese waren so schlecht als möglich, manche grosse Mietwohnungen wahre Schweineställe, in denen man menschliche Exkremente mit der Schaufel zusammenscharrte. An einem grossen Miethause flossen diese von den Fenstern an der Aussenwand herab; in einem andern Hause waren alle Fenster verklebt und gar nicht zu öffnen und in dem centralen Gange war eine richtige Mistlege mit Jauchepfützen. Louis Favre hatte die Freiheit, so viele Arbeiterwohnungen einzurichten als er für gut fand, und trotzdem er einst selber ein Arbeiter gewesen, fand er es nur für gut, in Göschenen eine Arbeiterwohnung für 300 Mann einzurichten und die übrigen 1000-1200 Arbeiter der Station ihrem Schicksal zu überlassen. In Airolo, wo ebenfalls 1400-1500 Arbeiter hausten, baute er nur für die Ingenieure ein Haus. <...>

    Diese ordentlichen Logis kosteten, Hausmeister, Miete und Amortisation zusammengerechnet, monatlich 7 Fr.; die elenden Spelunken, welche die Privatspekulation anbot, aber kosteten monatlich 15 Fr. <...>

    Ich war auch im Tunnel, sah die Bohrer, wie sie in den Granit eindrangen, als wäre es Tannenholz, sah die schwitzenden, nackten Gestalten bei ihren Grubenlampen hämmern und drückte mich mit ihnen in den Graben, wenn eine Mine mit dumpfen Krachen losging und Steine schleuderte, oder wenn leise die Luftlokomotive daher kam. Die Temperatur im Tunnel war 30º C. und die Feuchtigkeit 100%.<...>

    Im Frühjahr 1880 kam ich wieder an den Gotthard, um Airolo und Göschenen zu besuchen und meine Meinung über die Minenkrankheit, die Anämie der Tunnelarbeiter abzugeben. Ich schlug im Anfang die abscheulichen sanitären Verhältnisse zu hoch und den Wurm zu gering an, hatte aber bald nachher Grund und Anlass mich zu korrigieren, als ich einen Tunnel-Ingenieur in Behandlung bekam, der bei guter Lebenshaltung dennoch aussah wie ein Arbeiter und reichliche Ankylostomen [Hakenwürmer] berbergte. <...>


Pressluftlokomotive in Airolo
Bau des Gotthardtunnels: Pressluftlok in Airolo


Traurige Zahlen

Mehrere Hundert Arbeiter starben an Krankenheiten, vor allem an der Hakenwurminfektion

Der Bau der Gotthardbahn forderte 290 tödliche Unfallopfer, davon 198 im Tunnelbau.

Anlässlich eines Streiks von 2000 Arbeitern in Göschenen erschiessen Urner Milizen 3 Arbeiter.



Vincenzo Vela: Die Opfer der Arbeit
Vincenzo Vela: Die Opfer der Arbeit, 1883



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A. Fasnacht 01/2004