Krankheiten und sanitäre Lage im Tripoli
In der Monografia della Società di Mutuo Soccorso berichtete Dr. med. E. Levy, praktizierender Arzt in Grenchen und zuständiger Arzt der Società die Mutuo Soccorso, über Krankheiten und die sanitäre Situation im Tripoli.
Levy berichtet über die ersten Monate des Tunnelbaus in Grenchen, als das Spital der Baugesellschaft noch nicht bereit stand. Das Tripolispital nahm am 7. Oktober 1912 den Betrieb auf, die Krankenkasse Società di Mutuo Soccorso funktionierte seit anfangs 1912.
Im Jahre 1912 versorgte die Krankenkasse mit ihren Leistungen 295 Kranke. Schon in den 3 Monaten nach der Eröffnung des Spitals, vom 7. Oktober 1912 - Ende Dezember 1912, pflegte man 9 Kranke an insgesamt 119 Pflegetagen. Vor der Eröffnung des Tripoli-Spitals, also während der Monate Januar - September 1912, verteilte man 18 Kranke auf die Spitäler in Solothurn und Bern. Im Jahre 1913 beanspruchten 99 Kranke an insgesamt 794 Pflegetagen das Tripolispital (Unfall-Patienten ausgeschlossen).

Krankenzimmer im Tripoli-Spital Grenchen, ca. 1913. Krankenpfleger und Patienten.
Bildquelle: Monografia Mutuo Soccorso.
Von Februar bis Juni 1913 fanden im Grenchenbergtunnel die grossen Wassereinbrüche statt. Die Arbeit im Tunnel ging meistens weiter. Zum Teil standen die Arbeiter bis zu den Hüften im Wasser. Dr. Levy stellt in diesen Monaten eine merkliche Zunahme der Kranken fest.
Dank den vorbeugenden Massnahmen der Grenchner Behörden kam es zu keinen eigentlichen Seuchen im Tripoli. Dennoch verbreiteten sich die üblichen Infektionskrankheiten wie Scharlach, Röteln und Wasserpocken. Häufig waren Infektionskrankheiten der Atemwege und Rheumatismus.
Leider war auch unter den italienischen Arbeitern und in ihren Familien die damals unheilbare Lungen-Tuberkulose verbreitet. Dr. Levy führte die Krankheit stark auf soziale Ursachen zurück. So bildeten feuchtkalte, schlecht gelüftete und dunkle Wohnunterkünfte, mangelnde Ruhe und Erholung, ungenügende Ernährung und der weit verbreitete Alkoholismus den Nährboden für diese schlimme Krankheit.
Offenbar betrachteten die Tripolibewohner das Fensteröffnen als gesundheitsschädlich. Das tägliche Lüften der Schlafstätten und Wohnungen unterliessen die Leute meistens. Levy traf diesbezüglich im Tripoli auf schlimme Zustände.
Dr. Levy beurteilt einseitige Ernährung, ungenügende Unterkünfte, Alkholismus und vernachlässigte Hygiene als grössere Gesundheitsrisiken als die tägliche Arbeit im Tunnel. So beklagt sich Levy, dass viele Arbeiter die Badeanlagen der Baugesellschaft nicht nutzten und ihre Körperhygiene bedenklich vernachlässigten. Eine Erklärung dafür war wohl die einfache, ärmliche Herkunft der italienischen Arbeiter, die ohne entsprechende Aufklärung den Sinn der Hygiene-Einrichtungen gar nicht erkennen konnten.
Die in jenen Jahren weit verbreitete Unsitte, überall auf den Boden zu spucken, war für die Aerzte ein Übel, gegen das sie immer wieder zu kämpfen hatten. Die Tunnelarbeiter spuckten sogar in ihren selten gelüfteten Logis-Zimmern ungehemmt auf die Böden, wie uns Dr. Levy übermittelt. Damit nahm das Ansteckungsrisiko für verschiedene Infektionskrankheiten massiv zu. Diese abstossende Gewohnheit war nur schwer auszurotten und es dauerte Jahre, bis sie endlich etwas eingedämmt werden konnte. Auch in Grenchen erinnert man sich an Spuck-Verbotstafeln, die auf öffentlichen Plätzen und in Gebäuden gegen diese Unsitte ankämpften.
Levy beruft sich mehrmals auf die Dissertation von Dr. Daniel Pometta und stellt u.a. auch in Grenchen die frühzeitige Alterung der Tunnelarbeiter fest. Diese Erscheinung lässt sich vermutlich mit den Arbeitsbedingungen im Tunnel und der täglich zu leistenden Schwerarbeit in dieser ungesunden Umgebung erklären. Eine Rolle spielten sicher auch die erwähnten Mängel der Ernährung und Hygiene.
Die Tatsache, dass viele junge Italienerinnen ihre Babies nicht stillen wollten, beunruhigte Dr. Levy. Er befürchtete, die mit künstlichen Ersatzmitteln ernährten Kinder würden sich zu schwächlichen Menschen entwickeln anfällig auf Rachitis und Tuberkulose.
Die Krankenstatistik der Società di Mutuo Soccorso für die Jahre 1912 und 1913 präsentiert sich wie folgt:
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Jahr
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geleistete Arbeitstage
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Krankheitstage
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%
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1912
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210985
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1711
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0,81
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1913
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250242 |
2450
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0,97 |
Noch beim Bau des Simplontunnels errechnete Dr. Daniel Pometta einen durchschnittlichen Anteil der Krankheitstage von 1,53 % während der neunjährigen Bauzeit des Tunnels.
Die Arbeitsunfälle waren nicht bei der Mutuo Soccorso versichert. Dafür richtete die Société Franco-Suisse de Construction eine Unfallversicherung ein. Der Hauptzweck des Tripolispitals war die fachgerechte medizinische Versorgung der verunfallten Arbeiter.
Unfälle mit einer Arbeitsunfähigkeit von sechs und mehr Tagen kamen in den Baujahren der MLB (1911-1915) zur Anzeige:
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Nordseite Moutier
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556
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Südseite Grenchen
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552
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Total Unfälle |
1108
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Ich danke Herrn Carlo Buletti für die Hilfe bei der Uebersetzung aus dem Italienischen.
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