Das Geschäft mit dem Tripoli
Für die Pacht des Siedlungsgebiets und für dessen Erschliessung investierte die Gemeinde Grenchen Fr. 30.000.--. Bei der Schlussabrechnung nach dem Tunnelbau zeigte es sich, dass die Gemeinde mit der Barackensiedlung Tripoli einen Ueberschuss von Fr. 12.784.- erzielt hatte. Das Geschäft mit dem Tripoli war ein Erfolg in vielen Beziehungen:
- Gute Finanz- und Bauplanung
- Rechtzeitige Pacht des nötigen Landes
- Ortsübliche Erschliessung des Landes, womit im Vergleich zu anderen Bauarbeitersiedlungen viele Anforderungen der Hygiene von Anfang an erfüllt waren
- Strenge und detaillierte Bauvorschriften hatten selbst in den provisorischen Barackenbauten einen gewissen Wohnkomfort zur Folge

Tripoli Grenchen. Bildquelle: Stadtarchiv Grenchen.
Die Kehrseite der Erfolgsgeschichte
Entgegen all den positiven Voraussetzungen entwickelte sich die Lage im Tripoli negativ. Schon nach einem Jahr gerieten die allzu zahlreichen Kantinenbetriebe in finanzielle Schwierigkeiten. Die Attraktion Tripoli übte nach einigen Monaten nicht mehr die gleiche Anziehungskraft auf die einheimische Bevölkerung aus, wie das anfänglich der Fall war. Diese Einbusse wie auch die Sparsamkeit der italienischen Tunnelarbeiter veranlassten die Barackenbesitzer zur Erhöhung der Pacht- und Mietzinse. Die Geprellten in dieser Angelegenheit waren die Tunnelarbeiter und ihre Familien. Sie waren kaum mehr in der Lage, die Mieten für die Unterkünfte im Tripoli aufzubringen. Viele verliessen das Barackendorf und fanden im Dorf Grenchen eine Unterkunft. Schon im Juli 1914 gab es unbewohnte Baracken, zwei waren bereits abgerissen.
Möglicherweise war es ein Fehler, dass die Gemeinde einen Grossteil der Grundstücke an wenige kapitalkräftige Barackenbesitzer verpachtete, die das Land oder das bebaute Grundstück zu hohen Zinsen weiter vermieteten. Zudem bewilligte man im Tripoli zu viele Gaststätten, es waren deren siebenundzwanzig. Die konnten in der kleinen Siedlung kaum ihr Auskommen finden. Mit dem Tripolis Trimbach (Hauenstein Basistunnel) lässt sich ein aufschlussreicher Vergleich anstellen: Das Tripolis Trimbach hatte mehr als doppelt so viele Bewohner wie das Grenchner Tripoli aber ziemlich genau gleich viele Kantinen und Restaurants. Selbst in Trimbach weiss man, dass sich der finanzielle Erfolg der dortigen Kantiniers in einem bescheidenen Rahmen hielt. Wen wunderts da, dass die Wirte im Grenchner Tripoli echte Probleme hatten.
Eine plausible Begründung für die grosszügige Bewilligungspraxis für Wirtepatente im Barackendorf liefert vermutlich die folgende Tatsache. Die Münster-Lengnau Bahn mit dem Grenchenbergtunnel war ursprünglich zweispurig geplant. Für das Doppelspurprojekt wäre fast die doppelte Anzahl Arbeiter nötig gewesen. Das bestätigen die Arbeiterzahlen in Kandersteg (Lötschberg) wie auch in Trimbach (Hauenstein Basistunnel). Rund acht Millionen Franken teurer wäre das Doppelspur-Projekt ausgefallen. Der nötige Kapitalbedarf konnte nicht gedeckt werden. Es blieb den Bauherren keine andere Wahl, als das Projekt einspurig auszuführen. Offenbar schlugen die Informationen über die Folgen dieses Entscheids zu wenig durch. In Grenchen erwartete man tatsächlich weit mehr als tausend Arbeiter.
Die Kantiniers und Barackenbesitzer versuchten mit Eingaben an den Gemeinderat und an den Regierungsrat, die von der Gemeinde erhobenen Pachtzinsen zu halbieren bzw. die kantonalen Patenttaxen zu reduzieren. Das gelang nicht. Gemeinderat und Regierungsrat wiesen die Eingaben zurück. Denn die meisten Kantiniers litten eigentlich weniger unter den recht moderaten Pachtzinsen der Gemeinde Grenchen, sondern eher unter den zum Teil horrenden Zinsen (Unterpacht) der Barackenbesitzer. Das Grenchner Volksblatt berichtete im Mai 1913 in einer dreiteiligen Artikelserie über diese Probleme. Die Streitigkeiten zogen sich noch lange hin. Schliesslich kam es noch zu einer Gerichtssache zwischen einigen Barackenbesitzern und der Gemeinde Grenchen. Diese Rechtshändel endeten erst 1915 mit einem Vergleich.
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