Soziales, Kirche, Kultur und Politik
Fürsorge und Sozialhilfe
Die auf kirchlicher Basis arbeitende Organisation Opera di Assistenza degli Operai Italiani Emigrati übernahm eine zentrale soziale Funktion zum Wohle der italienischen Arbeiter im Ausland. Gründer der Organisation war Geremia Bonomelli (1831-1914), Bischof von Cremona. In folgenden Bereichen stand das Bonomelli Hilfswerk den Emigranten mit Rat und Tat bei:
Arbeiterfürsorge und Familienbetreuung
Geistlicher Beistand
Arbeitersekretariat (Rechtsberatung, Briefe, Schriftl. Dokumente, Verkehr mit Behörden)
Italienerschulen im fremdsprachigen Ausland
Krankenpflege, Kinderbetreuung
Schwestern des S. Giuseppe di Cuneo wirkten in Grenchen, unterrichteten in der Italienerschule und pflegten die Kranken im Spital.
Die Arbeiterhilfswerk Bonomelli war seit dem Bau des Simplontunnels aktiv auf den Grossbaustellen der Tunnelbauten. So betreute die Organisation von Anfang an auch die Arbeiter auf den Baustellen der Münster-Lengnau-Bahn.
Gewerkschaften und Politik
In den Arbeitersiedlungen fanden viele Veranstaltungen zum Thema Politik und Gewerkschaft statt. Politische Vereinigungen, Parteien und Gewerkschaften aus der Schweiz und aus Italien hatten in den Siedlungen ihre Vertrauensleute und Sympathisantengruppen, die sich rege für ihre Organisationen einsetzten, für sie warben und agierten. Zahlreiche Tunnelarbeiter waren Gewerkschaftsmitglieder. Die italienische Maurergewerkschaft war recht aktiv im Tripoli und gewann dort viele Mitglieder.
Kirche und Glauben
Die Italienischen Arbeiter und ihre Familien besuchten die röm.-kath. Kirche in Grenchen.
Geistliche und religiöse Betreuung erhielten die Tripolibewohner auch von der Organisation Bonomelli. Ein Zeitungsartikel berichtet gar von einer italienischen Kirche im Tripoli. Dabei handelte es sich um das Schulhäuschen und Sekretariat der Bonomelli-Organisation. In diesem Gebäude fanden auch Gottesdienste statt.
Kultur im Tripoli
Boccia, Musik und Gesang, das waren die allseits beliebten Beschäftigungen, die man in freien Stunden pflegte im Tripoli. Boccia, das Kugelspiel, brachten die Italiener aus ihrer Heimat mit in die Schweiz und nach Grenchen, wie eine Fotografie aus dem Tripoli bezeugt.

Bildquelle: Heimatsammlung Hans Kohler, Grenchen
Viele Italiener spielten Musikinstrumente: Akkordeon, Gitarre, Mandoline und alle erdenklichen Blasinstrumente. In den Familien pflegte man den gemeinsamen Gesang, ein Familienmitglied begleitete mit der Gitarre oder mit dem Akkordeon.
Die Société Franco-Suisse gründete eine eigene Blasmusikkapelle, die bei verschiedenen Anlässen aufspielte. Eine Fotografie der Musikkapelle ist überliefert.
Die Blasmusik der Société France-Suisse. Bildquelle: Monografia Mutuo Soccorso.
Die Begeisterung der damaligen italienischen Arbeiter für Blasmusik war ausgeprägt. Bekannt ist neben der Betriebskapelle der Société Franco-Suisse auch die Musica Italiana dei Minatori, Tripoli Grenchen. Gute Verbindungen unterhielt man zur Arbeitermusik Solothurn und zu Musica Italiana, Solothurn, denn einige Tripoli-Bewohner musizierten in diesen Corps. Im Tripoli formierte sich auch eine Chorvereinigung. Es gab eine Tripoli-Hymne, die an der St. Barbara-Feier, am 4. Dezebember 1913, von den Tunnelarbeitern gesungen wurde, begleitet von der Musica Italiana dei Minatori. Für die Mineure ist der Tag der Heiligen Barbara, der 4. Dezember, ein hoher Feiertag, der auch heute noch auf den grossen Tunnelbaustellen feierlich begangen wird.
Am 9. November 1913 führte die Società Operaia fra i Lavoratori della Galleria del Grenchenberg eine Verdi-Feier durch, wohl zum 100. Geburtstag des Meisters (mit einmonatiger Verspätung). Man wählte dafür den Saal des Hotels Sternen in Grenchen. Junge Talente italienischer Herkunft gaben Instrumentalmusik, Arien und Duette des italienischen Komponisten zum Besten. Vermutlich rekrutierten sich die jungen Musiker, Sängerinnen und Sänger aus dem Kreis der italienischen Emigranten der Region Grenchen. Namen wie Della Balda, Ivo Balotti, Signor Scorrano und Urso Rosario tauchen auf. Wohnte einer von ihnen vielleicht im Tripoli?
Ob Sportvereine aktiv waren im Tripoli ist nicht mehr bekannt. Der Grenchner Fussballclub Fulgor ist eine Gründung von ehemaligen Tunnelarbeitern, die den Verein in den Zwanziger Jahren ins Leben riefen. In der Vereinsgeschichte des FC Fulgor hält man fest, dass die Clubgründer früher Mitglieder des FC Grenchen waren und dort eine Untersektion bildeten. Der Fussballsport war also auch im Tripoli lebendig.
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