Tripoli Grenchen

Grenchen: Tripoli und Tunnelbau 1911-1915

Die Schule im Tripoli

von Rainer W. Walter




Schulschwänzen galt auch im Tripoli nicht!

Zur Infrastruktur im Tunnelbauer-Dorf Tripoli gehörten auch das kleine, aber für die damalige Zeit gut eingerichtete Spital, eine Bad- und Waschanstalt und schliesslich ein kleines Schulhäuschen, das sogenannte "Châlet". Sowohl der italienische Staat als auch der Kanton Solothurn hatten ein grosses gemeinsames Interesse daran, dass die Kinder der Tunnelarbeiter einen möglichst guten Schulunterricht erhielten.


Eine höchst anspruchsvolle Zielsetzung

Bei der Abklärung der Bedürfnisse für eine eigene Italienerschule legten die Schulkommission Grenchen und der Regierungsrat die Annahme zu Grunde, dass 1'500 bis 2'000 italienisch sprechende Arbeiter im Tripoli wohnen würden. Davon leiteten sie ab, dass ab Sommer 1912 jeweils 150 bis 200 schulpflichtige Kinder zu unterrichten wären. Nachdem aber diese Arbeiterzahlen kaum einmal erreicht wurden, dürfte auch die Zahl der schulpflichtigen Kinder geringer gewesen sein.

Die Schulkommission Grenchen gelangte im Frühjahr 1912 an den Regierungsrat des Kantons Solothurn und beantragte diesem die Schaffung einer Spezialschule für ausschliesslich italienisch sprechende Kinder. Diese würden zu einem Teil, so glaubte die Schulkommission, nach Abschluss der Bauarbeiten wieder nach Italien reisen und ihre Schulpflicht in ihrem Heimatland abschliessen können. Mit der Gründung einer Italiener-Schule wollte man den Kindern der Tunnelarbeiter die Chancen auf eine lückenlose Schulbildung garantieren können. Dann aber führte die Grenchner Schulkommission aus: „Es gilt als selbstverständlich, dass diejenigen Kinder von italienischen Bauarbeitern, welche unsere Sprache so weit beherrschen, dass sie dem ordentlichen Unterricht in unserer Volksschule folgen können, verhalten werden, unsere Schulen zu besuchen.“ Die Mitglieder der Schulkommission nahmen wohl – nicht zu Unrecht – an, dass gerade diese Kinder nach Abschluss der Tunnelarbeiten in Grenchen oder in der Umgebung bleiben würden. Deshalb wurden frühzeitig positive Voraussetzungen für eine optimale Integration dieser Kinder geschaffen.


Eine angesehene italienische Hilfsorganisation

In Italien gründete Geremia Bonomelli (1831 – 1914), Bischof von Cremona, 1900 die „Opera di Assistenza degli Italiani emigrati“, einer Hilfsorganisation zur Unterstützung der ausgewanderten Italiener in Europa. Diese Institution unterhielt Schulen und weitere soziale und kulturelle Einrichtungen, die den italienischen Arbeitern im Ausland zugute kamen. Bonomelli war ein für seine Zeit moderner und aufgeschlossener Geistlicher. Er setzte sich für die Trennung von Staat und Kirche sowie auf eine grössere Weltoffenheit der Kurie ein. Seine 1889 anonym veröffentlichte Schrift „Roma, l'Italia e la realità delle cose“, in der die Unmöglichkeit der Rückgewinnung der weltlichen Macht durch den Vatikan belegte, wurde vom Papst noch im gleichen Jahr auf den Index der verbotenen Publikationen gesetzt.

In unserer Gegend vertrat Pfarrer Luigi Mietta aus Olten das Hilfswerk Bonomellis. In Olten leitete er eine Abendschule für die italienischen Arbeiter im Hauensteintunnel, welche deutsch lernen wollten. Der damalige Stadtammann von Olten, Dr. Hugo Dietschi, charakterisierte Pfarrer Mietta in einem Schreiben an den Grenchner Gemeindeammann als einen fürsorglichen, ernsten und friedlichen Geistlichen, der allgemein hohes Ansehen geniesse. Mietta sei geeignet, der in Grenchen diskutierten Italienerschule vorstehen zu können.


Schulhaus Tripoli
Schulhaus im Tripoli. Bildquelle: Sammlung Rainer W. Walter, Grenchen



Vorbild Kandersteg

In Grenchen wurde im Tripoli das kleine Schulhaus aufgestellt, das bereits in Kandersteg beim Bau des Lötschbergtunnels gute Dienste leistete, wo die Schule ebenfalls vom italienischen Hilfsverein geführt wurde. Die Organisation Bonomellis beorderte zwei Schwestern nach Grenchen, die dem Orden der Salesianerinnen angehörten und im Lehrerinnenseminar von Cuneo (Piemont) ihr Lehrerinnenpatent erworben hatten. Schwestern der gleichen Kongregation waren im Spital im Tripoli tätig und betreuten das Kinderasyl, den Kindergarten. Neben dem Schulhäuschen im Tripoli, dem "Châlet", wurde der Italienerschule auch das westliche Erdgeschoss des Schulhauses I (wo sich heute das Amt für Kultur befindet) zur Verfügung gestellt. Die Gemeinde Grenchen stellte Martha Keller aus Solothurn als Lehrerin an der Italienerschule an. Martha Keller besass das Solothurner Lehrerinnenpatent und war während vieler Jahre in Livorno (Italien) im Schuldienst tätig. Ihre Aufgabe war es unter anderem auch, dafür zu sorgen, dass in der Schule im Tripoli zu Grenchen das solothurnische Schulgesetz beachtet und die vom Erziehungsdepartement erlassenen Bestimmungen eingehalten wurden. Nicht zuletzt musste Marzha Keller dafür sorgen, dass die Absenzenkontrolle strikte geführt wurde. Grossen Wert legte die Regierung auf die Erteilung eines konfessionell neutralen Unterrichtes. Der Religionsunterricht musste in besonderen gesetzlich vorgesehenen Religionsstunden erteilt werden.

Der Regierungsrat regelte auch die finanziellen Angelegenheiten: Die Gemeinde Grenchen entlöhnte Martha Keller nach den kantonalen Bestimmungen wie die eigenen Lehrkräfte und unterstützte die Schule mit 2000 Franken jährlich. Der Kanton Solothurn leistete zusätzlich jährlich je 400 Franken für jede der beiden italienischen Lehrschwestern. Er behandelte Martha Keller als solothurnische Lehrkraft und subventionierte deren Lohn (der wie damals üblich auch eine Wohnungsentschädigung, eine Altersgehaltentschädigung und selbst eine Bürgerholzgabe beinhaltete) nach Massgabe der gesetzlichen Bestimmungen. Die italienische Schule im Tripoli wurde von Pfarrer Luigi Mietta als verantwortlicher Leiter geführt. Die weiteren Kosten für die Schule und die italienischen Lehrschwestern hatte der Hilfsverein zu tragen.


Lage Schulhaus Tripoli in der Nähe der Kastelsstrasse
Lage des Schulhauses Tripoli: nahe der Kastelsstrasse.
Bildquelle: Postkarte, stark vergrösserter Ausschnitt



Integration war vorgesehen

Sowohl die Gemeindebehörden als auch der Solothurner Regierungsrat waren sehr realistisch und wussten, dass nicht wenige der Kinder in Grenchen oder in der Umgebung bleiben würden. Aus diesem Grunde wurde verfügt, dass Kinder, die dem Unterricht in der öffentlichen Schule folgen konnten, in der Gemeindeschule integriert werden müssen. Die Kinder, welche die Italienische Schule besuchten, mussten nach den Solothurnischen Lehrplänen unterrichtet werden und erhielten zusätzlichen Deutschunterricht. Zusätzlich verlangte die Regierung, dass bei der Unterrichtsgestaltung auf das Heimatland der Kinder gebührend Rücksicht zu nehmen sei. Als Lehrmittel mussten jene des Kantons Tessin verwendet werden oder wo dies nicht gut möglich war jene der öffentlichen Schulen des Königreichs Italien. In jedem Fall waren diese rechtzeitig vor Schulbeginn dem Erziehungsdepartement des Kantons Solothurn vorzulegen.


Hausaufgaben für Grenchen

Die Bestimmungen und Erwägungen der Solothurner Regierung im Zusammenhang mit der Italienerschule in Grenchen wurden in vier Fortsetzungen im „Grenchner Volksblatt“ 1912 veröffentlicht. Die Solothurner Regierung legte grossen Wert auf eine grösstmögliche Transparenz.

Am Schluss des regierungsrätlichen Beschlusses erhielt die Gemeinde einen Auftrag. Sie musste untersuchen, wer von den Tunnelarbeitern dem Alter entsprechend fortbildungsschulpflichtig war. Gleichzeitig wurde die Gemeinde beauftragt, der Regierung Vorschläge zu unterbreiten, auf welche Weise diese jungen Menschen zu ihrem Fortbildungsunterricht kommen könnten.

Die Solothurner Regierung handelte im Fall der Italienerschule in Grenchen klug und umsichtig. Ganz klar stellte sie ihren Anspruch auf die Schulhoheit fest und regelte auch, mit welchen Mitteln sie ihre Aufsichtspflicht wahrnehmen wollte. Neben der Schulkommission Grenchen, der grosse zusätzliche Arbeiten warteten, kam auch das solothurnische Schulinspektorat für Primarschulen zum Einsatz. Gleichzeitig war sich der Regierungsrat bereits bewusst, dass etliche der Kinder von Tunnelarbeitern in Grenchen bleiben würden. Entsprechend verlangte er, dass ihnen möglichst rasch Deutschunterricht erteilt werde. Damit bewegten sich die Kantons- und Gemeindebehörden auf einem hohen moralischen Niveau.


Rainer W. Walter (31. Juli 2003)


Nachbemerkung vom 30. April 2004: Neuste Abklärungen zeigen auf, dass das Tripoli Schulhäuschen ursprünglich nicht in Kandersteg sondern in Goppenstein stand. Dort diente das "Chalet", so nannte man das Holzhäuschen liebevoll, als Büro und Sekretariat der Organisation Bonomelli. Die Bonomelli-Schulen in Kandersteg und Goppenstein waren in grösseren Gebäuden untergebracht.

Quellen:
Biographisch-Bibliographisches Kirchenlexikon, Bd. 1 (Verlag Traugott Bautz) 1990
Werner Strub „Heimatbuch Grenchen“ (Verlag Vogt-Schild Solothurn) 1949
Prof. Dr. C. Andreae “Die Münster – Lengnau Bahn” (Verlag von Stämpfli & Cie.) 1943
„Grenchner Volksblatt“ 17.4; 26.4.; 28.4; 1.5. und 3.5. 1912
Schlussbericht über den „Bau der normalspurigen Hauptlinie Münster – Lengnau“ (Selbstverlag der BLS) 1917




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A. Fasnacht 01/2004