Tripoli Grenchen

Grenchen: Tripoli und Tunnelbau 1911-1915

Sozial-Einrichtungen für die Arbeiter der SFSC





Société Franco-Suisse de Construction und die sozialen Einrichtungen für ihre Arbeiter

Die Baugesellschaften waren sehr daran interessiert, für ihre Arbeiter Gesundheits-Einrichtungen bereit zu stellen und diese so weit wie möglich zu kontrollieren. Das war bei der Société Franco-Suisse de Construction nicht anders. Die Gesellschaft war an der Organisation folgender Wohlfahrtseinrichtungen für die Arbeiter massgebend oder vollumfänglich beteiligt:


Krankenkasse Società di Mutuo Soccorso

Società di Mutuo Soccorso fra gli Operai della galleria del Grenchenberg a Grenchen.

Monatlicher Beitrag Fr. 1.- von den Arbeitern zu bezahlen / Leistung 1.50 Taggeld nach 5 Tagen Karenz. Kosten für Arzt und Medikamente bezahlte die Kasse vollumfänglich. Familienväter kamen in den Genuss höherer Taggeldansätze. Die Generalversammlung der Mutuo Soccorso vom März 1914 beschloss, die Monatsbeiträge für die Arbeiter von Fr. 1.- auf Fr. -.50 zu reduzieren. Die finanzielle Lage der Krankenkasse erlaubte offenbar diese Beitragsreduktion.

Die Société Franco-Suisse de Construction war an der Società di Mutuo Soccorso beteiligt. Die Rechte und Pflichten der SFSC waren in den Statuten festgehalten.

Fahnenweihe der Mutuo Soccorso Auf der Eingangstreppe des Hotels Löwen Grenchen: Fahnenweihe der Mutuo Soccorso, unten rechts Dr. med. Girard, Grenchen.
Bildquelle: Heimatsammlung Hans Kohler, Grenchen


Die Karenzfrist von 5 Tagen gab während des 2. Tunnelarbeiterstreiks Anlass zur Kritik, da die zuständigen Aerzte, so lautete der Vorwurf der Streikenden, die fünftägige Karenzfrist häufig missbrauchten, um die Kassenpatienten nach 5 Tagen gesund zu schreiben. Den Kranken blieb keine andere Wahl, als erneut den Arzt aufzusuchen, um wiederum 5 Tage auf das Taggeld zu warten. In dieser Zeit, oft zehn und mehr Tage, mussten die Patienten auf Lohnzahlungen und Taggeld verzichten.

Unmittelbar nach dem 2. Streik, im Oktober 1913, berief man eine ausserordentliche Generalversammlung der Mutuo Soccorso ein. Diese Generalversammlung setzte die Karenzfrist neu auf 3 Tage an. Interessant ist, dass man im Buch über die Mutuo Soccorso diese Neuerung als grossen Fortschritt darstellte und kein Wort über den Tunnelarbeiterstreik verlor.

Dennoch bedeutete die Mutuo Soccorso einen beachtlichen Fortschritt für die soziale Sicherheit der Bauarbeiter. Auf der Basis der Idee der Mutuo Soccorso gab es ähnliche Krankenkassen schon beim Bau des Simplontunnels (1899-1906), der Lötschbergstrecke (1906-1913) und in Moutier, auf der Baustelle Nord der Münster-Lengnau-Bahn.

Fahenenweihe der Mutuo Soccorso, Aug. 1912
Fahnenweihe der Società di Mutuo Soccorso, August 1912. Postplatz Grenchen.
Bildquelle: Monografia Mutuo Soccorso, 1914.


PR an der Schweizerischen Landesausstellung 1914 in Bern

Anlässlich der Schweizerischen Landesausstellung 1914 in Bern liess die Société Franco-Suisse eine Monografie herstellen mit dem Titel:

    Monografia della Società di Mutuo Soccorso fra gli operai della galleria del Grenchenberg a Grenchen : in occasione dell'Esposizione Nazionale Svizzera a Berna. - Grenchen : Società di Mutuo Soccorso fra gli operai della galleria del Grenchenberg, [1914?] (Grenchen : Buchdruckerei A. Niederhäuser). - 37, [14] S. ; ill.

Man zeigte an der Landesausstellung die laufenden Bahnbauprojekte. Mit der erwähnten Monografie erhielt der damalige Leser eine umfassende Information über die Philosophie des Mutuo Soccorso und über den Bau der Münster-Lengnau-Bahn. Die reich bebilderte Schrift dient auch heute noch als historisch wertvolle Bild- und Informationsquelle über den Bau der MLB. Das Buch konnte damals im Büro der Baugesellschaft für Fr. 8.- bezogen werden. Heute bezahlen Sammler mehrere Hundert Franken für ein Exemplar.

Mit dem Buch über die Mutuo Soccorso wollte man nicht zuletzt die vorbildliche soziale Einstellung der Baugesellschaft Société Franco-Suisse de Construction ins Licht der Oeffentlichkeit stellen. Ganz nach dem Motto "Tue Gutes und rede darüber".


Spital

Die Baugesellschaft übernahm die vollen Kosten für die Behandlung und für sämtliche Medikamente. Auch die Angehörigen der Arbeiter konnten sich in täglichen Sprechstunden von 10.00 Uhr bis 12.00 Uhr im Tripoli-Spital kostenlos behandeln lassen. Allein eine Gebühr von Fr. -.50 pro Behandlung war zu entrichten.

Schwestern des S. Giuseppe di Cuneo wirkten in Grenchen, unterrichteten in der Italienerschule und pflegten die Kranken im Spital.


Unfallversicherung

2 % Lohnabzug = ¼ Anteil, ¾ bezahlt vom Unternehmen. Die Unfallversicherung war wohl neben der Mutuo Soccorso die wichtigste soziale Sicherstellung für die in einem Hochrisiko-Beruf arbeitenden Tunnelbauer und Bahnbauarbeiter. Bei Arbeitsunfällen, Invalidität oder Tod half diese Versicherung über die schlimmsten Probleme hinweg. Die Unfallversicherung übernahm die Kosten für Spital, Arzt und Medikamente.

Auf den Baustellen der Lötschbergbahn waren die Arbeiter sehr ähnlich versichert. Bei tödlichen Unfällen zahlte man an die Angehörigen den Betrag von Fr. 6000.- aus.


Bäder

35 Duschen, 4 Wannenbäder auf dem Installationsplatz. Die hervorragende Bedeutung dieser Einrichtung für die Gesundheit und das Wohlbefinden der Arbeiter erkannte schon der Simplonarzt und Menschenfreund Dr. med. Daniel Pometta anlässlich des Simplontunnelbaus (1899-1906). Die Badeeinrichtungen standen auch den Angehörigen der Arbeiter zur Verfügung.


Arbeitskleider

Die Gesellschaft stellte spezielle Arbeitskleider zur Verfügung. Lange nicht alle Arbeiter machten von diesem Angebot Gebrauch, wie die vielen Fotografien zum Tunnelbau zeigen.

Trocknungsanlage für die Arbeitskleider
Trocknungsanlage für die Arbeitskleider der Tunnelarbeiter. Bildquelle: Monografia Mutuo Soccorso.


Wäscherei

Wäscherei für die Arbeitskleider, man besorgte auch die Privatwäsche der Arbeiter gegen bescheidene Bezahlung.

Betriebswäscherei der SFSC
Betriebswäscherei der Société Franco-Suisse mit Wäscherin. Bildquelle: Monografia Mutuo Soccorso



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A. Fasnacht 01/2004