Grenchens erstes Spital befand sich im Tripoli
1912 wurde mit dem Bau des Grenchenbergtunnels begonnen. Im Tripoli, der Wohnsiedlung der am Tunnelbau beteiligten italienischen Spezialarbeiter und ihrer Familien, liess die Bauleitung ein kleines, aber offenbar gut eingerichtetes Spital erbauen. Im Schlussbericht an das Schweiz. Post- und Eisenbahndepartement aus dem Jahre 1917 finden wir folgende Ausführungen: In Grenchen wurde mangels eines öffentlichen Spitals von der Unternehmung ein solches Gebäude in Riegelbau erstellt. Dasselbe enthielt nach Fertigstellung 35 Betten und ein Röntgenkabinett. Ein ständiger Wärter und drei Krankenschwestern führten die Aufsicht. Professor Dr. C. Andrea schrieb in seiner Publikation Münster-Lengnau-Bahn unter anderem: Die Société Franco-Suisse stellte hier für den Sanitätsdienst einen eigenen Arzt, Dr. Hagnauer, an. In besonders schweren Fällen wurden gelegentlich auch die Ärzte von Grenchen beigezogen. Sämtliche Patienten aus dem Umkreis der Tunnelbauer und ihrer Angehörigen wurden hier im kleinen Spital an der Alpenstrasse behandelt. Eine Ausnahme gab es jedoch für jene Kranken, die eine Spezialbehandlung nötig hatten.
Am 1. Oktober 1915 wurde der Fahrbetrieb auf der Strecke Lengnau Grenchen Moutier aufgenommen. Doch die Geschichte des kleinen Spitals im Tripoli war damit noch längst nicht zu Ende.

Spital im Tripoli Grenchen. Bildquelle: Monografia della Società di Mutuo Soccorso. Grenchen, 1914.
Die Gemeinde zeigt grosses Interesse
Im September 1915 beschäftigte sich der Gemeinderat nicht zum ersten Mal mit der Frage, ob im Spitäli ein Absonderungshaus oder eine Notfallstube eingerichtet werden sollte. Solche Absonderungshäuser wurden in allen grösseren Gemeinden der Schweiz eingerichtet. Damit wollte man erreichen, dass epidemisch Erkrankte (Pocken, Grippen etc.) die (noch) Gesunden nicht anstecken konnten. Für Grenchen war es eigentlich eine Notwendigkeit, ein Absonderungshaus einzurichten.
Die Grenchner Ärzte zeigten sich vom Kauf des Tripoli-Spitals durch die Gemeinde nicht besonders begeistert. Vor allem der Zustand der Kanalisation machte ihnen Sorgen und sie meinten, dass das Kaufs-Objekt noch viel Geld verschlingen würde, bis dasselbe den modernen und hygienischen Anforderungen entsprechen würde. Der Landbesitzer Josef Luterbacher war bereit, das Land, auf dem das Spital provisorisch erstellt worden war, für 15 Rappen pro Quadratfuss (oder 1,65 Franken pro Quadratmeter) zu verkaufen. Diese Offerte schien dem Rat zu hoch zu sein und schliesslich entschied man, auf den Kauf gänzlich verzichten zu wollen. Die Gesundheitskommission erhielt den Auftrag, anderswo ein Absonderungshaus zu erbauen. Rund 30'000 Franken sollte dieses gemäss einer sechs Jahre zuvor errechneten Offerte kosten. An diese Investitionen würden Kanton und Bund rund 6'000 Franken leisten, teilte Josef Hof, der Aktuar der Grenchner Gesundheitskommission mit. Die Gesundheitskommission erhielt den Auftrag, eine aktualisierte Vorlage für den Bau eines Absonderungshauses auszuarbeiten. Für die Finanzierung des geplanten Vorhabens solle der Spitalfonds herbeigezogen werden.
Was geschah dann?
Offenbar war das Geschäft Tripoli-Spital für den Gemeinderat abgeschrieben. Innerhalb der nächsten drei Monate musste aber einiges geschehen sein, denn am 18. Dezember 1915 reichte der Besitzer des Grundstückes, der bereits bekannte Landwirt Josef Luterbacher, bei der Bauverwaltung die Pläne für die Erweiterung des Hauses um einen nordwestlich gelegenen Operationssaal ein. Was beabsichtigte Luterbacher mit diesem Erweiterungsbau? Die Baupläne wurden vom Grenchner Architekten Otto Stalder ausgefertigt.
Am 21. Dezember 1917, trat in Grenchen ein Pockenfall auf. Damit trat die Geschichte des Tripoli-Spitals in eine neue Phase ein. Dazu Werner Strub im Heimatbuch Grenchen': Die Kranke musste isoliert und sieben Wochen im Absonderungshaus in Grenchen untergebracht werden, wo sie unter der Obhut einer Rotkreuzschwester stand. Die Gemeinde hatte in der Zeit zwischen 1915 und 1917 das kleine Spital erworben und richtete es als Notspital und Absonderungshaus ein. 1917 lebten zwei Familien im Gebäude, die während der Quarantäne der Pockenkranken interniert und durch die Gemeinde verpflegt wurden. Bereits am 6. Februar 1918 wurde die Erkrankte als geheilt aus dem Spitäli entlassen.
Offenbar wurde das kleine Spital 1923 erneut als Absonderungshaus gebraucht. Während einer vier Monate lang dauernde Pockenepidemie wurden hier 35 Patienten gepflegt. Strub schreibt: Glücklicherweise waren trotz einiger schweren Fälle keine Todesfälle zu verzeichnen.
Die Grippe sucht Grenchen heim
Wir müssen ins Jahr 1918 zurück gehen: Auch in Grenchen litt die Bevölkerung unter der Grippe. Die Statistik zeigte, dass täglich 30 bis 50 Neuerkrankungen auftraten. Dazu schreibt der Chronist Werner Strub: Die private Behandlung genügte nicht mehr, die Heranziehung von Pflegepersonal war fast unmöglich, ein Krankenhaus stand nicht zur Verfügung; die Spitäler in unsern grösseren Nachbarorten waren überfüllt.
In unserer Gemeinden wurden zwei Grippenwellen beobachtet. Im Verlauf der ersten Welle wurde im Schulhaus 2 ein Notspital errichtet. Die Beschaffung von Spitalmaterial blieb grösstenteils auf die freiwillige Hilfeleistung angewiesen. In der Turnhalle wurde eine Desinfektionsanlage installiert. Während der zweiten, stärkeren Epidemiewelle konnten die Erkrankten im Tripolispital untergebracht werden. Das alte Spitäli bestand noch bis 1980. Anlässlich der Volkszählung 1960 besuchte der Autor das alte Spitäli. Damals lebten drei Familien im alten und im Innern reichlich verwinkelten Haus.
Auf eigenen Füssen stehen
In Grenchen starben im Verlaufe der Epidemie 90 Personen, und man rechnet, dass zwischen 60 und 70 Prozent der Bevölkerung erkrankt war. Diese Ereignisse hinterliessen in der Bevölkerung einen tiefen Eindruck. Behörden und Bevölkerung Grenchens hatten festgestellt, dass im Notfall kein Ausweichen auf die Nachbarspitäler möglich ist. Und, eine ähnliche Epidemie konnte jederzeit wieder ausbrechen. Der Gedanke, für die Gemeinde ein eigenes Spital zu schaffen und so im Notfall unabhängig zu sein, prägte sich der Gemeinschaft ein.
Quellen:
- 50 Jahre Samariterverein Grenchen Jubiläumsschrift, Niederhäuser AG, Grenchen, 1948
- Werner Strub Heimatbuch Grenchen Vogt-Schild AG, Solothurn, 1949
- Schlussbericht über den Bau der normalspurigen Hauptlinie Münster-Lengnau, Selbstverlag der BLS 1917
- Gemeinderatsprotokoll 14. September 1915
Rainer W. Walter
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