Streiks der Tunnelarbeiter in Grenchen
Nach den mächtigen Wassereinbrüchen im Grenchenbergtunnel waren die Tunnelarbeiter zum Teil gezwungen, bis zu den Hüften im Wasser stehend zu arbeiten. Ferner gab es unter den Arbeitern Kritiker des Prämien- und Akkordsystems, das beim Tunnelbau in Grenchen zur Anwendung gelangte. Viele Arbeiter litten unter den erdrückenden Wohnungsmieten im Tripoli. Wen wundert es da, dass sich unter den Tunnelarbeitern Unzufriedenheit breit machte. Es brauchte nur noch einen äusseren Anlass, um den Funken aufs Pulverfass fallen zu lassen.
Erster Tunnelarbeitertreik 27. Juli 1913 5. August 1913
Der erste Streik brach am 27. Juli 1913 aus, als die Polizei einen italienischen Arbeiterführer verhaftete, der in Grenchen einen Vortrag halten wollte. Die Arbeiter warfen der Baugesellschaft vor, sie hätte diese Verhaftung veranlasst. Die Hauptforderungen der Arbeiter waren Lohnerhöhungen sowie die Abschaffung des Prämien- und Akkordsystems. Am 30. Juli 1913 entliess die Gesellschaft alle Arbeiter. Durch Vermittlung des Regierungsrats konnte der Streik beigelegt werden. Die tägliche Arbeitszeit wurde festgesetzt auf 10 Stunden für Arbeiten ausserhalb des Tunnels, auf 8 Stunden für Arbeiten im Tunnel im Trockenen und auf 6 Stunden, wenn im Wasser gearbeitet werden musste. Die Gesellschaft gewährte zudem 5 % Lohnerhöhung und stellte 650 Arbeiter wieder ein, die am 6. August 1913 die Arbeit aufnahmen. Etwa 100 Arbeiter stellte die Baugesellschaft nicht mehr ein. Sie mussten abreisen. Einigen von ihnen warf man strafrechtlich relevante Vergehen vor. Lohnstreitigkeiten waren künftig dem ordentlichen gewerblichen Schiedsgericht von Grenchen zu unterbreiten. Dieses war aus zwei Arbeitern des Tunnelbaus und zwei Vertrauensmännern der Tunnelbaugesellschaft zusammengesetzt. Vorsitzender des Schiedsgericht war der Amtsgerichtsprädident von Solothurn-Lebern.
Das Grenchner Tagblatt vom 5. August 1913 und 7. August 1913 berichtet über den ersten Tunnelarbeiterstreik
Zweiter Tunnelarbeiterstreik 25. August 1913 24. September 1913
Der zweite und längere Streik begann am 25. August 1913, weil die Baugesellschaft am 22. August 1913 acht organisierte Werkstattarbeiter entlassen hatte unter dem Vorwand von Arbeitsmangel. Diesmal streikten auch die Tunnelarbeiter in Moutier. Insgesamt streikten etwa 1700 Arbeiter. Die Forderungen der Streikenden waren: sofortige Wiedereinstellung der 8 Entlassenen, 20 % (in Münster 25 %) Lohnerhöhung und die Abschaffung des verhassten Prämien- und Akkordsystems. Die Unternehmung sperrte auch bei diesem Streik alle Arbeiter aus. Am 3. September 1913 kam es in Grenchen zu einer grossen Solidaritätskundgebung der Grenchner Arbeiterschaft mit den italienischen Tunnelarbeitern. Ein Demonstrationszug marschierte ins Tripoli. Auf dem Platz unterhalb des Tripoli-Schulhauses, das auch als Kirche diente, wandten sich die Arbeiterführer mit aufmunternden Reden an die rund 2000 Anwesenden (Streikende und Demonstranten). Arthur Stämpfli, Arbeiter- und SMUV-Sekretär, von 1919-1933 Stadtammann von Grenchen und August Huggler, Sekretär des Schweizerischen Gewerkschaftsbundes, während des Generalstreiks Mitglied des Oltener Aktionskomitees, ergriffen das Wort. Weitere Redner waren Sig. Vielle, Streikführer, und Sekretär Faggi von der italienischen Maurer- und Handlanger-Gewerkschaft der Schweiz. Die Demonstrationsversammlung im Tripoli verabschiedete eine Resolution mit folgendem Wortlaut:
Resolution:
Die am 3. September 1913 in Tripolis Grenchen vereinigte Arbeiter-Versammlung, nach Kenntnisnahme der Ereignisse die zum zweiten Mal einen Streik der Tunnelarbeiter herbeiführten, erklärt ihre wärmste Sympathie und Solidarität mit den streikenden Arbeitern.
Die Versammlung protestierte energisch gegen das taktlose Vorgehen der Unternehmer, die wider Treu und Glauben, entgegen den am 5. August getroffenen Abmachungen, Arbeiter entlassen haben.
Gegenüber den Behörden und Kantonsregierung spricht die Versammlung die Erwartung aus, dass sie sofort die nötigen Schritte unternehmen, um die Unternehmung zur Respektierung ihrer Abmachungen zu zwingen.
Die Regierung hat nicht nur die Pflicht, während eines Streiks für öffentliche Ruhe und Sicherheit zu sorgen, sondern auch die Pflicht, die Unternehmer zu veranlassen, ihre Arbeiter nicht zu Konflikten zu provozieren.
Gegenüber den streikenden Arbeitern spricht die Versammlung die Erwartung aus, dass sie, wie bisher, ruhig und besonnen, ihren Kampf weiterführen. Unter dieser Voraussetzung wird den streikenden Arbeitern und ihren Familien nicht nur die moralische und materielle Unterstützung der gesamten Arbeiterschaft von Grenchen und Umgebung zugesichert, auf diese Weise wird schliesslich auch der Kampf der Tunnelarbeiter zu gutem Erfolge führen!
Hoch die internationale Solidarität!
Hoch die internationale Arbeiterbewegung!
Diese Solidarität stiess den Uhrenfabrikanten in Grenchen sauer auf. Die Grenchner Arbeiterschaft sollte für ihre Solidarität mit den ausländischen Arbeitern büssen. Mit dem erklärten Ziel, den Arbeiterorganisationen in Grenchen endgültig ein Ende zu bereiten, sperrten die Uhrenfabrikanten am 7. Februar 1914 2000 organisierte Arbeiter aus. Drei Monate dauerte die Aussperrung von 1914.
Die Société Franco-Suisse de Construction zeigte sich unnachgiebig. Es kam zu weiteren, allerdings viel kleineren Demonstrationen der Streikenden in Grenchen. Der Regierungsrat befürchtete die Ausweitung des Streiks zu einem Generalstreik und stellte die Füsilierkompanie I/50 auf Pikett. Am 20. September 1913 wurde die Kompanie aufgeboten (214 Mann) und am 22. September 1913 nach Grenchen kommandiert.

Neue Freie Zeitung vom 22. September 1913
Vermutlich Füsilierkompanie I/50 auf dem Schulhausplatz des Schulhauses III Grenchen, östlich der Turnhalle. Bild: Slg. A. Fasnacht.
Vor Zuschauerreihen der Grenchner Bevölkerung marschierte die Kompanie mit scharf geladenen Gewehren und aufgepflanzten Bajonetten vom Bahnhof Süd zur Alten Turnhalle, wo Regierungsrat Hermann Obrecht die Truppe vereidigte und eine markige Ansprache hielt. Bis auf ein paar Geplänkel blieben Gewalttätigkeiten aus und am 25. September 1913 arbeitete man wieder. Die Arbeiter blieben diesmal mit ihren Forderungen weitgehend auf der Strecke. Die nach dem ersten Streik in Grenchen getroffenen Vereinbarungen (Arbeitszeit, Schiedsgericht, 5 % Lohnerhöhung) galten nun auch für Tunnelarbeiter in Moutier. In Moutier stellte die Unternehmung 10 und in Grenchen 24 Arbeiter nicht mehr ein. Man warf ihnen Tätlichkeiten während des Streiks vor.
Die aufgebotene Kompanie konnte am 26. September 1913 wieder entlassen werden.
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