Tripoli Grenchen

Grenchen: Tripoli und Tunnelbau 1911-1915

Wohnen und Alltag im Tripoli Grenchen





Barackensiedlungen

Baugesellschaften: Gesundheit und Unterkunft der Tunnelarbeiter

Baracken, Kantinen und ein Arbeiterhilfswerk

Wohnen im Barckendorf Tripoli

Die Frauen im Tripoli

Ernährung im Tripoli

Angst und Sorgen


Barackensiedlungen
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Ganz in der Nähe der grossen Eisenbahn- und Tunnelbaustellen in der zweiten Hälfte 19. und im frühen 20. Jahrhundert entstanden sie, die Barackensiedlungen für die Tunnelarbeiter. Wir kennen unter vielen anderen die Siedlungen beim Bau des Gotthardtunnels in Göschenen und Airolo (1872-1882), in Naters (Simplontunnel 1898-1906), in Goppenstein und auf der Berner Seite des Lötschbergs Kandersteg (1906-1913). Gleichzeitig mit dem Tripoli Grenchen gab es das Tripolis Trimbach b. Olten als Siedlung für die Arbeiter des Hauenstein-Basistunnels (1912-1916). Der Ghetto-Charakter dieser Siedlungen lässt sich nicht wegdiskutieren.


Baugesellschaften: Gesundheit und Unterkunft der Tunnelarbeiter
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Die Tunnelbaugesellschaften kümmerten sich wenig um die Arbeiterunterkünfte und überliessen diesen Bereich meistens Privaten und den am Ort zuständigen Gemeindehörden. Selbst im Schlussbericht zum Bau der Lengnau-Münster Bahn aus dem Jahre 1917 liest man zum Thema Unterkünfte die lapidare Feststellung: „In der Nähe des Installationsplatzes wurde seitens der Gemeinde Grenchen Platz zur Verfügung gestellt zur Erstellung der erforderlichen Arbeiterwohnbaracken“. Dies obwohl die Baugesellschaft der Münster-Lengnau-Bahn bei der Planung der Arbeiterunterkünfte eng und vorbildlich mit den Gemeindebehörden Grenchens zusammenarbeitete.

Das Gesundheitswesen für die Arbeiter jedoch war den Baugesellschaften stets ein Anliegen, das sie unter ihre Kontrolle bringen wollten. Es entstanden bei manchen Baustellen kleine Spitäler oder Lazarette und einige Arbeiterunterkünfte mit Verpflegungsmöglichkeit. Das war in Grenchen nicht anders. So gehörten zu den Bauten auf dem Grenchner Installationsplatz der Société Franco-Suisse de Construction auch zwei kleinere Arbeiterwohnhäuser, ein Angestelltenwohnhaus, eine Badeanstalt (35 Duschen, 4 Wannenbäder, eine Trockeneinrichtung für die Arbeitskleider). Eine betriebseigene Wäscherei wusch die Arbeitskleider und besorgte für ein bescheidenes Entgelt die Privatwäsche der Arbeiter. Südöstlich des Tunneleingangs stand das Betriebsspital mit 35 Betten. Ein angestellter Arzt, Dr. Hagnauer, kümmerte sich um die Kranken. Die beiden ortsansässigen Aerzte, Dr. Girard und Dr. Levy, arbeiteten oft im Spital und wurden bei schwierigen Fällen beigezogen.

Die Tunnelarbeiter in Grenchen waren fast ausschliesslich Italiener. Nur wenige Arbeiter kamen aus dem Balkan und aus anderen Nationen.


Baracken, Kantinen und ein Arbeiterhilfswerk
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Sobald der Bau eines Tunnels beschlossen war, meldeten sich Spekulanten, Barackenbesitzer und Kantiniers, um in der Nähe der Baustellen Land zu pachten oder sogar zu kaufen. Entweder veräusserten sie das erworbene Land zu erhöhten Preisen oder sie bauten ihre Baracken darauf, die als Kantinen, Ladengeschäfte oder Wohnunterkünfte für die italienischen Arbeiter dienten. In der Zeit der Tunnelbauten entwickelten sich einige Barackenbesitzer zu Unternehmern, die mehrere Kantinen und Wohnbaracken bei einer oder sogar bei mehreren Baustellen betrieben. Es war also durchaus üblich, dass die Barackenbesitzer ihre Baracken an Kantiniers vermieteten.

Die Kantinen waren Restaurants, Weinstuben, Musik- und Tanzlokale. Die Wohnunterkünfte, Mietzimmer und Wohnungen, vermieteten die Barackenbesitzer an die Tunnelarbeiter. Solche Arbeitersiedlungen entstanden innert Wochen oder wenigen Monaten. Die lokalen Behörden kümmerten oft erst um die Siedlungen, wenn alarmierende Missstände auftraten im Bereich der Hygiene, der Wohnsituation oder bei zunehmender Kriminalität.

Mit den sozialen Anliegen der italienischen Arbeiter befasste sich die von Geremia Bonomelli (1831-1914), Bischof von Cremona, gegründete und auf kirchlicher Basis arbeitende Opera di Assistenza degli Italiani emigrati. Diese Organisation half den Arbeitern und ihren Familien bei rechtlichen Problemen, bei Familienfragen und erledigte schriftliche Arbeiten aller Art. Es war auch die Opera di Assistenza, die sich sehr erfolgreich für die Einrichtung der Italienerschulen in den Arbeitersiedlungen einsetzte. Im Tripoli Grenchen war die Organisation mit dem Schulhäuschen anwesend, das neben der Italienerschule auch das Arbeitersekretariat der Opera di Assistenza beherbergte.


Wohnen im Barackendorf Tripoli
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Im Tripoli entstanden nach und nach 67 Häuser, 11 aus Stein, 56 aus Holz. 27 Wirtschaften und 11 Verkaufsläden boten ihre Dienstleistungen und Waren an. Im Gegensatz zu den Barackenbauten gelangte für die Neubauten aus Stein das ordentliche Baureglement der Gemeinde Grenchen zur Anwendung. Nicht selten vergaben die Barackenbesitzer ihre Bauten gesamthaft an einen Kantinier oder Ladenbesitzer in Unterpacht. Andere Barackenbesitzer waren selber als Kantinier oder Ladenbesitzer tätig und vermieteten zusätzlich einige Zimmer oder Wohnungen.

Die Grenchner Behörden wie auch die Tunnelbaugesellschaft gingen davon aus, dass im Tripoli eine Umgebung entstehen würde, die es den Tunnelarbeitern ermöglichte, kostengünstige Unterkünfte zu mieten und ein reichhaltiges Verpflegungsangebot vorzufinden. Die zahlreichen Restaurants, Musik- und Tanzlokale sollten nach der harten Arbeit für Ablenkung und Unterhaltung sorgen.

Im Barackendorf wohnten zeitweise mehr als 1000 Personen. Die Bewohnerzahl dürfte 600 nur selten unterschritten haben. Diese Zahlen werden erhärtet durch die Angaben im Schlussbericht der Baugesellschaft. Die mittlere Anzahl Arbeiter auf der Baustelle Grenchen belief sich auf 575, die maximale Anzahl betrug 908 Arbeiter. Etliche Italiener brachten ihre Familien mit in die Schweiz. Neben den Arbeitern sorgten Frauen und Kinder für ein buntes Leben im Tripoli. Der dörfliche Charakter der Siedlung ist nicht von der Hand zu weisen.

Ein empfindlicher Rückgang der Bewohnerzahl dürfte im August 1914 bei Kriegsausbruch stattgefunden haben. Die Italiener verliessen zu Tausenden die Schweiz aus Sorge um ihre Angehörigen und ihr Heimatland. Der bauliche Fortschritt des Tunnels und der Viadukte verlangsamte sich vorübergehend stark, dies auch wegen der Mobilmachung der schweizerischen Armee.

Leider kennt man die Baracken nur von aussen. Bis heute liess sich kein Barackenplan auffinden, der Auskünfte über die Raumaufteilung geben könnte. Bilder der Innenräume fehlen ebenfalls. Auch in Trimbach ist es bis jetzt nicht gelungen, Barackenpläne oder Innenaufnahmen der Baracken zu finden. Dennoch soll hier versucht werden, aufgrund der Schilderungen von Zeitzeugen, Aussenaufnahmen und der Bauvorschriften ein Bild der damaligen Wohnsituation zu vermitteln.

1. Stock einer grossen Baracke: Mietzimmer
Grundrissversuch von A. Fasnacht. 1. Stock (Mietzimmer) einer grossen Baracke.
Planzeichnung von :mlzd Architekten, Biel



Betrachtet man die Holzbauten der Siedlung, lassen sich grob zwei Barackentypen unterscheiden: Kleinere, annähernd quadratische Gebäude und lange rechteckige Bauten. Beide Typen weisen meistens auf der Langseite Treppenaufgänge in den 1. Stock auf. Es dürfte vermutlich so gewesen sein, dass man im Erdgeschoss ein Gewerbe betrieb und im 1. Stock einige Zimmer an die Arbeiter vermietete. Es gab auch reine Wohnbaracken, die wahrscheinlich an Arbeiterfamilien vermietet waren: Im Erdgeschoss und im 1. Stock je eine Wohnung oder im Erdgeschoss eine Wohnung und im 1. Stock zwei bis vier Mietzimmer. Auch die grossen Baracken wiesen vermutlich ähnliche Strukturen auf mit anzahlmässig grösserem Raumangebot. Es ist anzunehmen, dass die grossen Holzbauten im Erdgeschoss mehrheitlich gewerblich genutzt wurden.

Der Grundriss einer Barackenwohnung im Erdgeschoss könnte laut Schilderungen von Zeitzeugen wie folgt eingeteilt gewesen sein:


Kleine Baracke: Wohnung Erdgeschoss
Grundrissversuch von A. Fasnacht. Barackenwohnung im Erdgeschoss.
Planzeichnung von :mlzd Architekten, Biel


In kinderreichen Familien teilten mehrere Kinder ein Bett. Der eigentliche Wohnraum und Treffpunkt der Familie war die Küche. Der mit Holz gefeuerte Herd war gleichzeitig auch der Ofen für die ganze Wohnung.


Die Frauen im Tripoli
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Während die Männer ihrer harten Arbeit im Tunnel oder auf den Viaduktbaustellen nachgingen, war der Alltag der Frauen im Tripoli bestimmt durch die Kindererziehung, das Besorgen der Haushaltung, Kochen und Einkaufen. Beim Einkaufen in den Läden des Tripoli brauchten die Italienerinnen keine Einkaufstaschen. Sie trugen die Einkäufe in ihren Schürzen nach Hause. Die Hausfrauen wuschen die Familienwäsche meistens draussen vor der Baracke. Für den grösseren Waschtag besorgten sie sich leihweise ein Kochkessi. Als Nebenerwerb war es weit verbreitet, Kostgänger zu haben, die gegen Bezahlung am Familientisch die Hauptmahlzeiten einnahmen. Viele Tripoli-Frauen arbeiteten gelegentlich als Putz- und Waschfrauen bei Grenchner Familien.

Zahlreich waren die Familien, die im Tripoli als Nebenerwerb einen Kleinhandel mit verschiedenen Waren, so zum Beispiel mit italienischen Weinen und Käsesorten, Stockfisch und Wurstwaren betrieben. Kunden empfing man in der Küche, wo die Waren auf einem Tisch auslagen. Um irgendwelche Bewilligungen für diesen Kleinsthandel kümmerte sich niemand.


Ernährung im Tripoli
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Arbeiterfamilien:
Im Tripoli ernährte man sich einfach und kalorienreich. Erwähnt seien zuerst die Minestren, die italienischen Suppen mit ihren vielfältigen Beigaben, sie gehörten zum Ernährungsalltag im Tripoli. Teigwaren aller Art, Polenta, hie und da Risotto, alles mit verschiedenen Saucen übergossen, standen ebenfalls auf den Speisezetteln der Familien. Einfache Fleischgerichte (Ragout aus allen Fleischsorten in fetter Sauce schwimmend) oder Geflügel servierte man an Sonn- und Feiertagen dazu. Brot gehörte immer auf den Tisch als Begleitung und zum Auftunken der Saucen. Auch eine Schale mit Reibkäse steht da. Bei besonderen Anlässen verwöhnten die Hausfrauen ihre Lieben mit feinen Gebäcken wie Panettone, verschiedenen Kuchen und Biscotti.

Im kleinen Garten hinter der Baracke pflanzten sich viele Familien ihr eigenes Gemüse. Kartoffeln waren nicht sehr beliebt. Früchte beschaffte man sich im Laden oder direkt vom Bauernhof. Das Beerenpflücken im nahen Wald war bei Frauen und Kindern recht beliebt.

Vergessen seien keinesfalls die italienischen Käsesorten, Schinken, Speck und die Wurstwaren wie Salami in allen Varianten, Mortadella, auch hausgemachte Würste kamen auf den Tisch. Gerade die italienischen Arbeiter liebten ihren Stockfisch (getrockneter, stark gesalzener Fisch).

Als Getränk stand immer eine Karaffe mit Wasser auf dem Familientisch. Die Eltern gönnten sich ein Glas Rotwein, meistens verdünnt mit Wasser. Bier ist hier unbedingt zu erwähnen, es war das Lieblingsgetränk der Tunnelbauer und wurde in grossen Mengen getrunken.

Auffallend ist die Tatsache, dass in den damaligen einfachen italienischen Arbeiterhaushalten ragoutähnliche Fleischgerichte mit fettreichen Saucen auf den Tisch gelangten. Das Fleisch war teuer und eine Sonntagsspeise. Heute gehören diese Fleischgerichte, abgesehen vom Sugo, wohl kaum mehr zur italienischen Standardküche, die mehrheitlich gebratenes Fleisch ohne Saucenbeigaben kennt.

Alleinstehende Arbeiter:
Die Ernährung der ledigen und alleinstehenden Arbeiter hingegen liess meistens sehr zu wünschen übrig. Der Alkoholismus war stark verbreitet und die Arbeiter ernährten sich nicht selten einseitig mit Brot und Konserven, um Kostgeld einzusparen. Negative Auswirkungen auf die Gesundheit blieben denn auch nicht aus.


Angst und Sorgen
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Angst und Sorgen waren die treusten Begleiter der Tunnelarbeiterfamilien. Niemand kannte die Gefahren und Risiken besser als die Tunnelarbeiter selber und ihre Angehörigen. Ereigneten sich doch allein auf der Südseite des Tunnels, in Grenchen, 8 tödliche Arbeitsunfälle und 556 Arbeitsunfälle mit mehr als sechstägiger Arbeitsunfähigkeit. Der Grossvater der Familie Maccioni fiel einem Unfall zum Opfer, als im Grenchenbergtunnel eine Dynamitstange in seiner Hand explodierte und ihn tödlich verletzte. Die meisten der tödlichen Unfälle geschahen durch Steinschlag, Steine die sich von der Decke des Tunnels lösten und Arbeiter erschlugen. Helme und andere Schutzeinrichtungen kannte man noch nicht.

Im Vollausbruch. Grenchenbergtunnel.
Die gefährliche Arbeit im Vollausbruch. Grenchenbergtunnel.


Von der Familie Orlando wissen wir, dass bei Unfällen und alarmierenden Zwischenfällen eine Sirene auf dem Werkplatz vor dem Tunneleingang ertönte. Jedesmal wenn die Sirene das Tripoli hinauf tönte, eilten die besorgten Ehefrauen und Kinder der Tunnelarbeiter zum Werkplatz, um sich nach dem Grund für den Alarm zu erkundigen.

Viele Familienväter litten erst Jahre nach dem Tunnelbau unter der Mineurkrankheit (Staublunge). Für sie gab es keine Rettung. Nach jahrelangem Leiden mussten sie sterben und hinterliessen ihre oft kinderreichen Famlien. Für diese tragischen Fälle gab es keine Versicherungsleistungen.

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A. Fasnacht 01/2004