Geschichte des Weinbaus

in Grenchen


zusammengestellt von Alfred Fasnacht


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Museums-Gesellschaft
Grenchen





Bacchus in voller Aktion

Inhalt

Einleitung, Dank

Römer

Mittelalter

Chronik

Stellenwert
des Weines


Saurer Wein und
alte Reben


Geographie

Zehntenloskauf
Neue Zelg


Niedergang im 19. Jh.

Literarisches und
Anekdoten


Erinnerungen

Neuanfang 1975/76

Bibliographie


Weinranken am Altar in Allerheiligen Grenchen





Niedergang und Rebbaukrise

Rebbaukrise in der Schweiz 1885-1930

Klima im 19. Jahrhundert

Entwicklung des Weinimports

Die Trinkgewohnheiten änderten sich

Entwicklung Grenchens im 19. Jh.

Rebkrankheiten



Rebbaukrise in der Schweiz 1885-1930


Warum ging der Weinbau in Grenchen ein? Mit der Einführung der Industrie verlor die Landwirtschaft Arbeitskräfte. Die Reben verlangten aber exakte und geübte Arbeiter, die nicht mehr vorhanden oder zu teuer waren. Die Reben wurden in der Folge nur noch nachlässig bearbeitet, was den Ertrag schmälerte. Dazu gesellten sich verschiedene Rebkrankheiten, namentlich der falsche Mehltau, so dass man den Bestand an Stöcken nicht mehr verjüngte. Ferner wurden, gleichsam als Pünktchen auf dem I, billige italienische und spanische Weine eingeführt, die zudem den Vorteil besassen, den Weinliebhabern besser zu schmecken, als der einheimische „Grenchner“ so dass in verhältnismässig kurzer Zeit der Rebbau aufhörte.

Gesamtschweizerisch spricht man von einer Rebbaukrise, die etwa 1885 einsetzte und erst nach 1930 aufgefangen werden konnte. Die Einstellung des Rebbaus in Grenchen ist im Zusammenhang mit der Rebbaukrise zu sehen.

Bei Beginn der Krise hatte der schweizerische Rebbau mit 34'380 ha (1884) seine grösste Ausdehnung erreicht. Die nächsten bekannten Zahlen lassen den Einbruch der Rebbaufläche deutlich erkennen: 1894 waren es 31'553 ha, 1901 noch 30'112 ha und im Jahre 1930 waren noch 12974 ha übrig. Besonders krass fiel der Einbruch für die Kantone Baselland, Solothurn, Aargau, Thurgau und Zürich aus. Die Rebfläche dieser Kantone betrug 1968 weniger als 10 % der Rebfläche des Jahres 1851.




1830 waren in Grenchen 10,8 ha mit Reben bestockt, rund 10 % der damaligen Rebfläche des Kantons Solothurn. Im Jahre 1866 waren es noch immer 9 ha. Vermutlich blieb diese Fläche bis zu den ertragsreichen Jahren 1874/76 ziemlich konstant oder war nur leicht rückläufig. Der grosse Einbruch erfolgte erst zwischen 1891 bis 1902. Diese Entwicklung überliefert die Siegfriedkarte 1:25000, Blatt Grenchen, mit grosser Deutlichkeit. Auf der Karte von 1902 finden wir noch einen winzigen Rebberg am westlichen Krähenberg eingezeichnet, während die Siegfriedkarte Ausgabe 1910 in Grenchen keine Reben mehr nachweist. Werner Strub schreibt zwar, dass die letzten Reben 1914 aufgegeben wurden. Sie befanden sich am Krähenberg.


Die Rebareale Grenchens im Jahre 1891 und was 1902 noch übrig blieb, ein winziger Rebberg am Krähenberg. Eine jahrhundertealte Anbautradition ging innert zehn Jahren verloren.


Aufgrund klimatischer Bedingungen im frühen 19. Jahrhundert, zwischen 1800 und 1830, fand vermutlich schon ein erster grosser Einbruch des Grenchner Weinbaus statt. Trockenheit und Kälte in den frühen Jahrzehnten des 19. Jahrunderts veranlassten offenbar viele Rebbesitzer ihre Weinberge zu entstocken. In den Jahren 1816/17 suchte zudem eine grosse, hauptsächlich klimatisch bedingte Hungersnot die Schweiz heim.

Wie die alten Zehntpläne des St. Ursenstifts nachweisen, fand man in Grenchen ca. 1815 noch grosse zusammenhändende und einige kleinere Rebareale. Vor allem die Neureben im Gebiet Gespermoos – Grubenweg hatten, wie der Zehntplan zeigt, ein stolzes Ausmass und waren wohl in Grenchen das grösste zusammenhängende Rebareal.

In diesen frühen, von Missernten begleiteten Jahrzehnten des 19. Jahrhunderts gaben wohl die Grenchner die kleinen Areale auf, so die Bachtalen-Reben, die Ribireben, die Mühlireben und die Katzenreben. Das grosse Areal der Neureben im Gespermoos wurde stark verkleinert bis auf den bescheidenen Rest, den die Siegfriedkarten in der zweiten Hälfte des 19. Jahrhunderts noch nachweisen.

Es sind immer wieder die gleichen Gründe, die für den Niedergang des Rebbaus angegeben werden: Missernten, Ausbreitung von Schädlingen (Reblaus, spielte in Grenchen keine Rolle mehr) und Krankheiten (der falsche Mehltau richtete in Grenchen grosse Schäden an), Erstarkung der ausländischen Konkurrenz durch den Eisenbahnbau (Weinimporte), Steigerung der Produktionskosten (Arbeitskraft), Industrialisierung, Aenderung der Trinkgewohnheiten, Abzug der Arbeitskräfte durch die aufkommende Industrie, Innerbetriebliche Konkurrenz durch die Landwirtschaft, Abzug von Dünger für die Landwirtschaft.


Klima im 19. Jahrhundert

Die Auszüge aus dem Klimaatlas der Schweiz führen das 19. Jahrhundert als eine kühle Periode vor mit variierender Niederschlaghäufigkeit. Christian Pfister beschreibt das Klima des 19. Jahrhunderts wie folgt: „Kälte ist das hervorstechendste Merkmal der Periode 1800-1860. Dies gilt für alle Jahreszeiten, 1810-1819 besonders für den Sommer, 1850-1859 für das Frühjahr. Der überwiegenden Trockenheit in den ersten beiden Dezennien 1800-1820 entspricht eine Feuchtperiode von 1840-1863 (mit Ausnahme der Winter). Die kalten Sommer von 1812-1817 vermitteln den Impuls für weitreichende Gletscher-vorstösse. Der zweieinhalb Jahrzehnte lang anhaltende rasche Rückschmelzprozess (1855-1880) am Ende der „Kleinen Eiszeit“ geht mit der geringeren Häufigkeit und Ergiebigkeit der sommerlichen Schneefälle und einer geringeren winterlichen Schnee-Akkumulation einher.“

Seit 1895 folgen die Wintertemperaturen und -niederschläge einem stark steigenden Trend. Verglichen mit den Mittelwerten der letzten 500 Jahre ist diese Jahreszeit seit 1965 durchschnittlich um 1,3° zu warm und um 25% zu nass.


Zehnjährige Mittel von Temperatur und Niederschlag in den Jahreszeiten, ca. 1550-1980. Bearbeitung Christian Pfister.
Klimaatlas der Schweiz. ©Bundesamt für Landestopographie, Wabern. 1984.


Christian Pfister schreibt in seiner Arbeit "Im Strom der Modernisierung: Bevölkerung, Wirtschaft und Umwelt 1700-1914", Kapitel 4.3.1: " Die dem Rebbau gewidmeten Flächen blieben mit Ausnahme des Amtes Thun bis in die frühen 1880er Jahre unter günstigen klimatischen und konjunkturellen Bedingungen annähernd stabil. Von den 24 Gemeinden im «Nidauer Kornland» besassen 1865 nur zehn, meist in der Aare-Ebene gelegene Gemeinden keine Reben. Zwischen 1885 und 1915 schrumpfte das bernische Rebareal auf einen Viertel, ein marktfähiger Weinbau überlebte nur in klimatisch günstigen Lagen. In Nidau wurden die letzten Reben zwischen 1874 und 1881, in Epsach 1884, in Hermrigen 1891, in Mett 1894, in Studen 1904, in Täuffelen 1905, in Madretsch und Dotzigen 1911, in Merzligen 1916, in Jens und Sutz 1925 ausgestockt. Wer damals Reben kultivierte, musste Durchhaltewillen aufbringen. Fehljahre als Folge nass-kalter Sommer häuften sich, dazu setzten neue, aus den USA eingeschleppte Schädlinge (falscher Mehltau, Reblaus) den Ernten zu, schliesslich begannen in diesen Jahren das Bier und der Obstmost dem Wein den Rang abzulaufen. "

Werner Strub berichtet von guten Ernten in den Siebziger Jahren des 19. Jahrhunderts. Nach 1876 setzte eine lange Periode von Fehljahren und Missernten ein. Zudem befiel vermutlich um 1890 der Falsche Mehltau (Pilzkrankeit) die Grenchner Reben. Strubs Schilderungen decken sich mit den statistisch belegten Daten.

So kennt man im Schweizer Rebbau des 19. Jahrhunderts sowohl die Rekordernten der Jahre 1874-1876 als auch die schlimmen Missernten der Jahre 1880 bis 1890. Das letzte Jahrzehnt im 19. Jh. brachte grosse Ertragsschwankungen. Erst die Jahre nach 1900 gönnten den Weinbauern wieder eine Folge zufriedenstellender Ernten.



Entwicklung des Weinimports

Die gewaltige Zunahme der Importmenge zwischen 1870 und 1880 ist zum grossen Teil auf den rasch fortschreitenden Ausbau des europäischen Eisenbahnnetzes zurück zu führen. Eine bedeutende Rolle spielte auch die Liberalisieung des Marktes durch die 1874 in Kraft getretene revidierte Bundesverfassung.



In Grenchen wirkten schon vor der Jahrhundertwende vom 19. zum 20. Jahrhundert bedeutende Weinhandlungen. Sie alle führten gute und preiswerte ausländische Weine ein: die Weinhandlung Riba an der Kirchstrasse (Spanische Weinhalle), die Weinhandlung Wullimann im Rebhüsli am Oelirain, Weinhändler Othmar von Burg-Bourgeois an der Bachstrasse und nicht zuletzt der Weinhändler und spätere Ammann Robert Luterbacher. Von Burg besass zusammen mit einem französischen Partner eine grosse Weinkellerei in Chalon-sur-Saône (Frankreich).





Der zunehmende Weinimport trug vermutlich wesentlich zum Niedergang des Rebbaus in Grenchen bei, denn auch hier waren die milden, säurearmen Rotweine aus dem Süden, aus dem Burgund und dem Beaujolais sehr beliebt. Die im Gegensatz zu den einheimischen Tropfen von Jahr zu Jahr fast gleich bleibende Qualität der Importweine wussten die Schweizer Weintrinker sehr zu schätzen. So nahm der Pro-Kopf-Verbrauch der einheimischen Weine zwischen 1850 und 1905 laufend ab während beim importierten Wein ein steter Anstieg der Pro-Kopf-Menge fest zu stellen war.



Auch Franz Josef Schild, dr Grossätti us em Leberberg, erwähnt in seinem Grotjoggi den Importwein. Dem Grotjoggi ist der Grenchner nicht mehr gut genug für seine Sichlete:
"Wäge dem loht hüür dr Grotjoggi by der Sichlete no einisch so schwär loh ufträgen as angeri Johr; sy Grenchenwy isch em nümme guet gnue; er loht z'letscht no Wirtshuuswy cho z'moosewys; abruume liess er bim Düfel nit, de do stoht Suurchrut und Späck, dürri und grüene Öpfelschnitz, ass me si drhinger chönnt verbärgen und d'Wegge fasch kein Platz meh hei! Au liess si's dr Joggi nit näh, wie's byn em süsch dr Bruuch isch: es muess nohe no Gaffee und drei- viererlei Chüechli gmacht sy und nit wie angeri Johr numme zweu-, dreierlei; er müesst si jo schäme, wenn anger Schnitter chäme cho jöhnen [betteln] und alls scho abtreit wär; es stoht jo em Tisch guet a."



Die Trinkgewohnheiten änderten sich

Neben dem qualitativ guten und preiswerten Importwein meldete sich ein neuer Konkurrent auf dem Markt: das Bier. Das Bier wurde zum Modegetränk. Um 1900 tranken die Schweizer pro Kopf jährlich rund 60 l Bier. Schon im Durchschnitt der Jahre 1906-1910 ist der Bierkonsum grösser als der Verbrauch von Wein. Das Bier bekam erst recht Auftrieb, als mit Hilfe der Eisenbahn ausländische Gerste in grossen Mengen und guter Qualität auf den Markt gelangte. Wegen der mangelnden Qualität unterlag der Weinbau der Konkurrenz des Bieres.


Die Entwicklung des Pro-Kopf-Verbrauchs alkoholischer Getränke (Liter) von 1880-1949.


Die Entwicklung des Pro-Kopf-Verbrauchs alkoholischer Getränke (Liter) von 2001-2006.

Gleichzeitig erfreute sich auch der Obstmost wachsender Beliebtheit. Eine Tatsache, die sich Dank der Ausweitung des Obstbaus als Ersatz für den krisengeschüttelten Weinbau in den Kantonen Thurgau, Zürich und der Innerschweiz einstellte. Auch die Anti-Alkoholbewegung hatte einen gewissen Einfluss auf den Getränkemarkt. Sie führte in der ganzen Schweiz alkoholfreie Gaststätten ein und gewann zusehends an Einfluss.


Entwicklung Grenchens im 19. Jh.

Grenchen entwickelte sich in einem halben Jahrhundert vom Bauerndorf zum Industrieort. Die Bevölkerung nahm zu von rund 1600 Einwohnern im Jahre 1850 auf gut 7000 im Jahre 1910. Das rasche Wachstum der Gemeinde, die damit verbundene Bautätigkeit, die Uhrenindustrie und die neue Zusammensetzung der Einwohnerschaft (Zuzüger aus der Region und der ganzen Schweiz) hatten Einfluss auf das gesamte Sozialgefüge des jungen Industrieorts.




Uhrenfabrik Eterna Grenchen ca. 1890.



Die Auswirkungen auf den Grenchner Weinbau dürfen auch von dieser Seite nicht unterschätzt werden. Die besseren Verdienstmöglichkeiten in der Industrie liessen den angeschlagenen Weinbau langsam in ein wirtschaftliches Nischendasein abgleiten. Es war für die Weinbauern und Rebbesitzer kein schwerer Entscheid mehr, unter diesen Gegebenheiten den Weinbau ganz aufzugeben. Die Grenchner Weinbauern hatten nicht mehr viel zu verlieren, doch Grenchen verlor in diesen wenigen Jahren eine jahrhundertealte traditionsreiche Kultur - unwiederbringlich.



Rebkrankheiten





Traube befallen vom Falschen Mehltau (Plasmopara viticola oder Peronosporales). Am Bielersee trat der Falsche Mehltau im Jahr 1884 erstmals auf. Laut Werner Strub richtete der Falsche Mehltau in Grenchen grosse Schäden an. Vermutlich war es diese Krankheit, die für das abrupte Ende des Grenchner Weinbaus verantwortlich war.



Die Reblaus (Phylloxera) tauchte in unserer Gegend erst später auf (erstmals 1905 in Le Landeron), als der Weinbau in Grenchen bereits aufgegeben worden war.





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A. Fasnacht, 06/2007