Geschichte des Weinbaus

in Grenchen


zusammengestellt von Alfred Fasnacht


MG Logo

Museums-Gesellschaft
Grenchen





Bacchus in voller Aktion

Inhalt

Einleitung, Dank

Römer

Mittelalter

Chronik

Stellenwert
des Weines

Saurer Wein und
alte Reben


Geographie

Zehntenloskauf
Neue Zelg


Niedergang im 19. Jh.

Literarisches und
Anekdoten


Erinnerungen

Neuanfang 1975/76

Bibliographie


Weinranken am Altar in Allerheiligen Grenchen





Der Stellenwert des Weines in der Geschichte

Wirtschaften mit dem Grenchner Wein

Wein, mehr als ein Lebensmittel

Vom Alkoholproblem im 19. Jahrhundert



Wirtschaften mit dem Grenchner Wein

Der Weinbaubetrieb war bis ins 19. Jahrhundert ein Zweig der Landwirtschaft, der selbst in durchschnittlichen Erntejahren mit kleinen Grundstücken eine hohe Wertschöpfung erlaubte. Diese Tatsache und die Beliebtheit des Weines sorgten dafür, dass sich die Rebfläche der Schweiz laufend vergrösserte. Häufig entstanden Weinberge an klimatisch ungünstigen Lagen und nicht selten traf man Reben an auf über 1000 m ü.M.

Es ist anzunehmen, dass die Grenchner Weinbauern mit ihren Weinen keinen grossen Reichtum scheffeln konnten. Was nicht an Zehnten der Herrschaft abgeliefert werden musste, diente dem Eigenbedarf des Besitzers. Die Bauern betrieben den Weinbau als Teil ihrer Landwirtschaft. So fand man in Grenchen keine eigentlichen Weinbauern. Neben den Bauern gab es wohlhabende Bürger, Wirte oder Gewerbetreibende mit eigenen Rebbergen. Meistens waren weinbaukundige Bauern beauftragt, diese Rebberge zu pflegen und den Wein für die Besitzer zu keltern.

Gewiss konnte in guten Jahren ein Teil der Ernte an Wirte in der näheren Umgebung oder an andere Abnehmer verkauft werden. Vermutlich kamen die Grenchner Weine kaum viel weiter als bis nach Solothurn, weniger im Verkauf sondern viel mehr als Zehntenabgabe. Der Markt für den Grenchner Wein war eng, geeignete Transportmittel fehlten. Man darf durchaus festhalten, dass der Grenchner Wein nie eigentliche Marktfähigkeit erlangte. Mit dem zunehmend dichter werdenden Schienennetz der Eisenbahn verbesserte sich die Verkehrslage, nicht zu Gunsten der Grenchner Weinbauern, sondern viel mehr zu Gunsten der Weinhändler. Sie wussten die mächtige Transportkapazität der Eisenbahn für die Weinimporte zu nutzen.

Eine sehr wichtige Rolle spielte der Weinbau für Grenchens Pfarrherren. Der Ertrag aus den etwa 2 Jucharten Pfrundreben am Abhang der Schönegg war ein erheblicher Bestandteil der Einkünfte des jeweiligen Grenchner Pfarrers. Im Pfarrhof befand sich eine Trotte, die in guten Weinjahren einige Zeit in Betrieb war. Zum pfarrherrlichen Tropfen überliefert die Geschichte etliche Episoden mit der Obrigkeit. Meistens ging es darum, ob der Pfarrer Wein ausschenken dürfe oder nicht.


Rebareal Hohe Reben (Schönegg/Rebgasse), wo auch die 2 Jucharten Reben (Pfrundreben) des Pfarrers gedeihten.
Das Bild entstand ca. 1912 während des Tunnelbaus. Stützmauern und Parzellierung erinnern noch an den vor einigen Jahren eingestellten Weinbau.


Nach 1880 verschlechterte sich die Lage der schweizerischen Rebbauern ganz allgemein. Betroffen waren auch die Grenchner Rebbauern. Etwa 1885 begann die schweizerische Rebbaukrise, die bis 1930 dauern sollte. Neben anderen Krisenursachen wirkten sich auch die Ertragsschwankungen im Weinbau negativ aus. Bei guten Ernten fiel der Weinpreis stark und bei geringeren Ernteerträgen stiegen die Preise nicht entsprechend an. Die Roherträge blieben unter dem Produktionskostenniveau.


Wein, mehr als ein Lebensmittel

In den vergangenen Jahrhunderten setzte sich die Volksernähung ganz anders zusammen als heute. Zu den Hauptnahrungsmitteln gehörten Hafer- oder Gersten-mus, Brot, Käse, Ziger, Bohnen, Erbsen, Linsen. Daneben hatten Obst und weitere Gemüse ihre Bedeutung. In den Haushaltungen standen der Mehlsack und der Schnitztrog (Dörrfrüchte). Geräuchertes Schweinefleisch fehlte nur auf den Speisezetteln der Ärmsten. Rindfleisch und Schaffleisch besorgte man sich beim Metzger. In den ländlichen Gegenden bildeten Milch und Milchprodukte den Ernährungsschwerpunkt.

Rebmann um 1564
Rebmann um 1564.

Schon früh spielte der Wein als Getränk und Lebensmittel eine wichtige Rolle im Alltag. Heute können wir uns die täglich konsumierten Mengen kaum mehr vorstellen. Schriftliche Zeugnisse berichten, dass 1471 im Kloster Interlaken jeder Nonne jährlich 200 Mass Wein zustanden. Das waren rund 320 Liter pro Jahr und Nonne. Soldaten konnten mit täglichen Rationen von etwa 3 Litern rechnen. Selbst in den Spitälern und Armenanstalten floss der Rebensaft in grosszügigen Mengen. In den Spitälern verabreichte man den Patienten üppige Tagesrationen (täglich bis zwei Liter) gegen Schmerzen und für das seelische Wohlbefinden. Der hohe Stellenwert des Weines in den religiösen Riten, in der biblischen Überlieferung, im Brauchtum und in der Geselligkeit bedarf keiner besonderen Erwähnung. Der Weinbau und sein Produkt liessen eine eigene, reiche Kultur entstehen und sind wichtige Kulturträger geblieben.

Der Wein war spätestens seit dem 18. Jahrhundert für die breite Bevölkerung erschwinglich und erfreute sich grösster Beliebtheit. Gab es doch zum Rebensaft kaum Alternativen ausser Wasser und Milch. Bier, Limonaden, Kaffee und Tee verbreiteten sich erst im 19. Jahrhundert.


Links: Alter Zürichkrieg: Der Traubenraub in Erlenbach. Die Eidgenossen landen 1444 in Erlenbach und plündern die Weinberge.
Den Zürcher Truppen gelingt es die Eidgenossen zu vertreiben.
Diebold Schilling: Amtliche Chronik, 1483. Burgerbibliothek Bern, Mss.h.h. I. 2, S. 243.

Rechts: Sundgauerzug 1468, Raubkrieg der Eidgenossen im habsburgischen Elsass und im Fricktal.
Die Eidgenossen plündern Brunnstadt bei Mulhouse und erbeuten grosse Mengen Wein.
Diebold Schilling: Amtliche Chronik, 1483. Burgerbibliothek Bern, Mss.h.h. I. 3, S21.



Diese Verbrauchszahlen und Trinkgewohnheiten belegen die herausragende wirtschaftliche Position des Weines in den vergangenen Jahrhunderten. Der Wein schaffte Verdienst und Arbeit. Zehntherren, Rebbergbesitzer, Rebbauern, Rebleute, Weinhändler, Fuhrleute, Weinschiffer, Wirte fanden mit dem Rebensaft ihr Auskommen. In den aufblühenden Städten entstanden Zünfte der Rebleute. In den Kriegen der Eidgenossen mass man der Erbeutung von Wein hohen Stellenwert bei. Alles Tatsachen, welche die Bedeutung des Weines im gesellschaftlichen und politischen Leben unterstreichen.


Vom Alkoholproblem im 19. Jahrhundert

Die Arbeitssituation im 19. Jahrhundert war in der Heim- und Fabrikarbeit geprägt von tiefen Löhnen, langen Arbeitszeiten, Frauen- und Kinderarbeit, aber auch von Arbeitslosigkeit. Noch 1882 waren von 100 Arbeitern in der gesamten Industrie 46 Frauen und 14 Jugendliche. Die Arbeitszeiten waren extrem hoch und die Arbeit monoton, so dass viele Arbeiter und Arbeiterinnen diese ohne ein gewisses Quantum Schnaps wohl kaum ausgehalten hätten. So wurde der Alkoholkonsum am Arbeitsplatz von den Arbeitgebern nicht nur geduldet, sondern in der Hoffnung auf eine grössere Produktivität gar gefördert. Auch in der verarmenden Klein- und Halbbauernschaft nahm der Konsum von Schnaps drastisch zu und wurde oft als Ergänzung zur ungenügenden Ernährung eingesetzt. Auch Grenchen mit seiner aufblühenden Uhrenindustrie kannte diese traurigen Probleme.


Albert Anker: Der Trinker.
1868. Oel auf Leinwand 69x50 cm. Kunstmuseum Bern.


Die Verarmung der Unterschicht wurde akzentuiert durch eine Verdoppelung der Schweizer Bevölkerung zwischen 1800 und 1910, die zu einem Wachstum im Angebot an Arbeitskräften führte, das nicht aufgefangen werden konnte und seinerseits zu einer Verschlechterung der Lohnsituation führte.

Auf politischer Seite war ein wesentlicher Grund für die Schnapswelle die Totalliberalisierung der Volkswirtschaft durch die 1874 in Kraft getretene Bundesverfassung, in der Bedürfnisklauseln, insbesondere für Gastwirtschaften und Alkoholausschankstellen, abgeschafft wurden. Das führte innert kurzer Zeit zu einem raschen Anstieg der Zahl der Wirtshäuser und Kleinverkaufsstellen für Alkohol.

Heute geht man davon aus, dass 10% der AlkoholverbraucherInnen mehr als 50% des Gesamtverbrauchs konsumieren.



Pro-Kopf-Verbrauch alkoholischer Getränke (Liter) 1880-1922, ein Spiegelbild des Alkoholproblems um die Jahrhundertwende.

In einem Gutachten zur Kunstweinproblematik zuhanden des Schaffhauser Regierungsrats aus dem Jahr 1875 heisst es: «Ohne Wein ist es bei uns nicht möglich, Dienstboten oder Arbeitsleute zu haben. Sogar in den Armenhäusern wird den Bewohnern ziemlich regelmässig, wenn auch nicht viel, Wein verabreicht, ja noch mehr, selbst die Sträflinge im Zuchthaus erhalten von Zeit zu Zeit ihren Schoppen.»


In seiner Äusserung (vermutlich 1836) über Karl Mathy berichtet John Ruffini auch über das Trinkverhalten der Grenchner: «Ausserdem, dass er Protestant war und sich mit einer Sache befasste, die in ihren (der Grenchner) Augen keinen Wert hatte, so hatte Karl Mathy noch ein drittes Hindernis zu besiegen, woran er nie gedacht, bis der Doktor ihn darauf aufmerksam machte. Karl Mathy liebte den Wein nicht, trank fast nur Wasser. "Und", fügte der Doktor hinzu, "so lange Sie nicht ein paar Flaschen trinken können, ohne zu wanken, so lange dürfen Sie nie hoffen, diese Kerle zu bereden. Sie kennen keinen Beweis männlicher Kraft, als das Mass starker Getränke, das einer vertragen kann". »

Recht bedenkenlos zog man auch die Jugend in das Trinken hinein. In seiner Grenchner Geschichte „Von Drogen und anderen Problemen an der Schule“ erzählt Rainer W. Walter von der Einweihung des Schulhauses I in Grenchen. Das war im Jahre 1846: „Bevor man sich zur Einweihung des Schulhauses treffen konnte, diskutierte der Gemeinderat intensiv darüber, ob den Schulkindern bereits Wein ausgeschenkt werden dürfe oder nicht. Nach heftigen Debatten einigte man sich darauf, dass man ihnen 30 Mass Wein (etwa 50 Liter) und Brot verabreichen wolle. Es muss beigefügt werden, dass die drei Klassen zusammen 217 Schülerinnen und Schüler zählten(!), die sich in die gut 50 Liter Wein teilen konnten, womit jedem Kind etwa ein Dreier zugemessen wurde. Damit wird erstmals in der Geschichte der Stadt deutlich, dass es offenbar zur Tagesordnung gehörte, dass vor rund 150 Jahren die Kinder Wein tranken.“

Anlässlich der ersten Grenchner Ferienkolonie 1905 auf dem Obergrenchenberg ereifert sich Lehrer Albin Stebler sehr zu Recht über die Verabreichung alkoholischer Getränke an die Kinder: „Ja, leider kommt es vor, dass Eltern ihren Kindern alkoholhaltige Getränke geben, die sie oft um teures Geld ankaufen. Aber um dasselbe Geld einige Liter Milch mehr kaufen, nein, das wäre Verschwendung.“

Strub schreibt über den Grenchner Wein: „Das Eigengewächs, obschon sauer, hatte das Gute, dass für das Getränk keine Ausgaben notwendig waren; zudem trank man in den Bauernhäusern keinen Branntwein oder dann nur etwas Obstbranntwein. Der Schnaps wurde erst mit dem Brennen des Kartoffelbranntweins zum verderblichen Gemeingut."




Zurück zur Übersicht

A. Fasnacht, 06/2007